Die Traditionsfarben sollen bleiben, doch Rot bekommt eine größere Bedeutung. Die Simulation eines Zuges der Linie S5 im Bahnhof Hackescher Markt zeigt, wie die Außenlackierung der Züge aussehen könnte.  
Simulation: Bombardier Transportation

BerlinLadestationen für Handys. Halter für Getränkebecher. Antibakterielle Oberflächen für den Fall, dass Hygieneanforderungen verschärft werden. Planer und Designer des Fahrzeugherstellers Bombardier Transportation haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. In ihren Hennigsdorfer Büros haben sie Ideen für die übernächste S-Bahn-Generation für Berlin und Brandenburg skizziert. Aktueller Anlass ist die S-Bahn-Ausschreibung, die bald beginnen soll. Gesucht werden Unternehmen, die Züge bauen, instand halten und betreiben. Eines der größten Vergabeverfahren, das es jemals im Nahverkehr gegeben hat, steht bevor.

Es geht um zwei Drittel des S-Bahn-Netzes – um die Linien auf der Stadtbahn und auf den Nord-Süd-Strecken. Für den Zugbetrieb über 15 Jahre haben die beiden Bundesländer fünf Milliarden Euro einkalkuliert, das Auftragsvolumen für die Instandhaltung der künftigen S-Bahnen über 30 Jahre beläuft sich auf 2,8 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass das Interesse in der Branche groß ist. An der Markterkundung im vergangenen Jahr nehmen zehn Unternehmen teil. Auch CRRC ZELC Verkehrstechnik, ein Ableger des größten Bahnproduzenten der Welt aus China, zeigte Interesse.

Das Vergabefahren, das in diesem Sommer starten soll, wird voraussichtlich zwei Jahre dauern. „Wir freuen uns, dass es losgeht und dass wir die Chance bekommen, die künftige S-Bahn-Generation zu gestalten, zu bauen und zu warten“, sagte Dagmar Blume, die bei Bombardier strategische Großprojekte leitet. Die neue Berliner S-Bahn, die ab Ende 2027 fahren soll und wahrscheinlich Baureihe 486 heißen wird, falle auf jeden Fall in diese Kategorie.

Zwischen 1308 und 2160 S-Bahn-Wagen, die später alle in Landeseigentum übergehen, werden benötigt. Weil sich ein Desaster wie die S-Bahn-Krise von 2009 nicht wiederholen soll, muss die Zuverlässigkeit der Züge garantiert werden. „Die Unternehmen, die Fahrzeuge bereitstellen, werden über 30 Jahre hinweg für die Wartung zuständig sein“, erklärte Blume. „Sie nehmen über eine relativ lange Zeit Verantwortung für die Mobilität in der Region wahr. Es gibt Ehen, die nicht so lange halten.“ Für die Hersteller ist das auch eine Chance: „Sie können die Fahrzeuge für einen langen Lebenszyklus berechnen und auslegen, weil es sich für sie rechnet.“

So könnten in der übernächsten S-Bahn-Generation (Arbeitstitel: Baureihe 486) die Mehrzweckabteile aussehen.
Simulation: Bombardier Transportation

In den Ausschreibungsunterlagen werden Berlin und Brandenburg definieren, welche Merkmale die S-Bahnen aufweisen müssen. Absehbar ist, dass die klimatisierten Züge große barrierefreie Mehrzweckabteile bekommen – damit Fahrgäste mit Rollstühlen, Gepäck, Kinderwagen und Fahrräder genug Platz haben. Das Bombardier-Konzept sieht vor, dass die Fahrgäste dort zwischen Sitzen und Stehhilfen wählen können, so Blume. Für Fahrräder sind Halterungen geplant. Wer Strom für sein Mobiltelefon braucht, findet unter den Fenstern Ladestationen, die kabellos funktionieren. Becherhalter verhindern, dass Getränke umkippen. Auch Steckdosen, etwa für Laptops, soll es geben. Sitze ein- und auszubauen soll einfach möglich sein. So kann rasch reagiert werden, falls Pandemien erneut Abstandsregelungen erzwingen.

So etwas gibt es in der Berliner S-Bahn noch nicht:  Akku-Ladestationen und Becherhalter.
Simulation: Bombardier Transportation

Corona hat die Ideenfindung zuletzt auch in anderer Hinsicht beeinflusst. So könnten Haltestangen, Wandverkleidungen und andere Einbauten antibakteriell beschichtet werden, sagte Blume. In der Straßenbahn Toronto und in einigen Bahnen in Asien gebe es so etwas schon. „Die Türtechnik wiederum lässt sich so gestalten, dass Türen berührungslos geöffnet werden können“ – mit Sensoren oder Lichtschranken. Ein Einbahnstraßensystem mit Markierungen zur Fahrgastlenkung wäre ebenfalls machbar.

Großauftrag soll Werk Hennigsdorf sichern

„In Hennigsdorf ist ein Großteil der jetzigen S-Bahn-Flotte entstanden“, sagte Blume. An deren Wartung und Instandhaltung sei das Werk bis heute beteiligt. Die Mitarbeiter kennen die Berliner S-Bahn in- und auswendig. „Sie wollen auch die übernächste S-Bahn-Generation bauen. Und sie arbeiten daran, dass Bombardier den Zuschlag erhält und die Region von diesem Großauftrag profitiert.“ Der Großteil der Wertschöpfung werde hier stattfinden, versprach Blume. Denn auch für die Wartung biete sich Hennigsdorf an: „Dort gibt es einen S-Bahn-Anschluss und Platz für eine Betriebswerkstatt. Platz, der anderswo rar wird.“

Auch in Mehrzweckabteilen kann es Sitzplätze geben - zum Beispiel platzsparend in Form von Stehhilfen (rechts).
Simulation: Bombardier Tranaportation

An dem Bombardier-Standort nordwestlich von Berlin arbeiten 2400 Menschen, davon rund tausend aus Berlin. Die meisten sind in der Verwaltung und Entwicklung tätig, Produktion spielt nur noch eine kleine Rolle. Ein S-Bahn-Großauftrag könnte die Zukunft des Werks sichern. Diese steht immer wieder zur Debatte – derzeit im Zusammenhang mit dem geplanten Kauf von Bombardier durch Alstom. Als Zugeständnis an die Wettbewerbshüter der EU wird vorgeschlagen, die Produktion des Triebzugs Talent 3 aufzugeben, die derzeit noch rund 200 Arbeitsplätze sichert.

SPD, Linke und Gewerkschafter kritisieren die Ausschreibung, die eine Aufteilung in bis zu vier Lose erlaubt. Das Aktionsbündnis gegen die Zerschlagung und Privatisierung der S-Bahn will Mitte August in Berlin demonstrieren. Motto: Eine S-Bahn für alle.