Keiner sagt ein Wort, während sich der Wagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Straßen schlängelt. Stumm schauen die Männer aus den Fenstern, einer winkt einem kleinen Mädchen zu, das fasziniert auf den roten Feuerwehrwagen zeigt. „Hilfloser Mann in Kreuzberg“ tönt die Ansage durch das Funkgerät, „medizinischer Notfall“. Das heißt: Tür aufbrechen, damit die Sanitäter den Mann ins Krankenhaus bringen können.

Nur drei Prozent der Einsätze beziehen sich auf Brände

Es ist einer von durchschnittlich 63 Einsätzen, die die Feuerwehrleute der Wache Urban in Kreuzberg täglich leisten. Dazu gehören akute Kopfschmerzen in Neukölln, ein Kind mit Fieber in Schöneberg, ein Blechschaden bei einem Unfall in Mitte. Feuer, sagt Brandoberinspektor Raik Meyenberg, gebe es zum Glück nur selten. Brände machen lediglich drei Prozent der Einsätze aus. Viel häufiger, etwa in 80 Prozent aller Fälle, kümmern sich die Feuerwehrleute um Verletzte und Kranke - die Brandlöscher sind gleichzeitig auch Notfallsanitäter und fahren Rettungswagen.

Mit mehr als 3200 Stellen im Einsatzdienst ist die Berliner Berufsfeuerwehr zwar die größte Deutschlands - doch sie ist lange nicht groß genug, meint Meyenberg. Berlin sei gewachsen, die Feuerwehr aber nicht. 2005 musste sie 340 876 Einsätze fahren, 2016 waren es schon 531 504. Vermehrt wählten auch Anrufer die 112, die nicht zwingend einen Rettungswagen bräuchten - für eingerissene Fingernägel, Schnupfen oder Schlaflosigkeit.

Manchmal, sagt Meyenberg, auch aus Einsamkeit. „Wir kümmern uns um jeden. Wir können nicht das Risiko eingehen, nicht zu fahren, und am Ende ist jemand tot.“ Die wirklich überflüssigen Einsätze müsse man abhaken und weitermachen, sonst werde man mürbe.

Elend als täglicher Begleiter

Doch es gibt auch viele notwendige Einsätze wie diesen: Der Mann muss ins Krankenhaus, Azubi Marc Hoffmann muss die verschlossene Tür mit Spezialwerkzeug öffnen. Im Flur reißt Feuerwehrmann Meyenberg das Fenster auf, hält seinen Kopf aus dem ersten Stock des Plattenbaus und atmet tief ein. Hinter ihm liegt die Wohnung des kranken Mannes, die Arme und Beine so dünn wie Streichhölzer.

Ein Sanitäter stellt sich neben Meyenberg, inhaliert. „Der ist eigentlich ein Pflegefall“, sagt der Sanitäter. „Im Heim wäre er besser aufgehoben.“ Man sehe viel Elend, sagt Meyenberg, arbeite zu viel und zu lang. Die Pieper der Rettungsleute geben ständig Alarm, auch während ihrer Bereitschaft kämen sie kaum zur Ruhe.

Viele Krankmeldungen

Durchschnittlich 48 Tage sind die Beamten der Feuerwehr im Jahr krank und fehlen dann auf den Wachen. Fast zehn Wochen Krankmeldung im Jahr ist eine extrem hohe Zahl. Die Gewerkschaft sieht die Schuld naturgemäß bei der vielen Arbeit. Es gibt aber auch andere Stimmen aus der Feuerwehr. Manche halten die Probleme für hausgemacht. Demnach arbeiten viele Feuerwehrleute noch in Nebenjobs an ihren vielen freien Tagen, die durch die langen Bereitschaftsschichten anfallen. Die Zeit zum Ausruhen fehlt dann. So wird es schwieriger, die Löschfahrzeuge zu besetzen.

Allein bis März dieses Jahres musste in 1386 Schichten ein Löschfahrzeug außer Dienst genommen oder mit weniger als sechs Personen besetzt werden. Das ist in drei Monaten häufiger als im gesamten vergangenen Jahr - 2017 lag die Zahl bei 1134. So kommt es, dass die Wagen von weiter entfernten Wachen einspringen müssen und mitunter länger zum Einsatzort brauchen.

An diesem Tag sind in der Wache Urban genug Feuerwehrleute da, um die zwei Löschfahrzeuge und drei Rettungswagen zu besetzen. Wenn sie nicht unterwegs sind, kümmern sich die Feuerwehrleute um ihre täglichen Dienste, checken die Fahrzeuge, machen Dienstpläne. Während der Bereitschaft dürfen sie sich ausruhen, fernsehen, Sport machen. Die Politik habe die Feuerwehr kaputtgespart, sagen die Männer beim Mittagessen.

Markus Matthias hat gekocht. Der 28-Jährige ist seit 2011 bei der Berliner Berufsfeuerwehr - damit hat er sich seinen Kindheitstraum erfüllt. Wie viele sagt er: „Einen anderen Beruf kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein Sanitäter, der einen Teller mit Nudeln auf dem Tisch abstellt, bekommt einen Alarm und springt auf. Als er eine Stunde später vom Einsatz zurückkommt, ist sein Essen kalt.

Mahnwache „Berlin brennt“

Einen Monat lang hatten Feuerwehrleute unter dem Motto „Berlin brennt“ eine Mahnwache mit einer brennenden Feuertonne vor dem Roten Rathaus abgehalten. Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte daraufhin Verbesserungen angekündigt. Die 48-Stunden-Arbeitswoche solle auf 44 Stunden verkürzt, Doppelschichten abgeschafft und Überstunden ausgezahlt werden - mehr als fünf Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Zudem sind im aktuellen Doppelhaushalt 376 neue Stellen bei der Feuerwehr eingeplant, die aber auch Abgänge kompensieren müssen.

Die Versprechungen freuen die einen Feuerwehrleute. Die anderen glauben, sie seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und einige ärgern sich sogar, zum Beispiel über die Abschaffung der 24-Stunden-Schichten. Vor allem für Pendler, die bis zu eineinhalb Stunden zur Feuerwache nach Kreuzberg fahren, sind die kürzeren, aber häufigeren Dienste eine Belastung. Und die Häufung von freien Tagen am Stück wird auch weniger.

Am Ende laufe alles auf mehr Personal hinaus, sagt Meyenberg. Bis die zugesagten neuen Stellen besetzt werden, könnten aber Jahre vergehen. „Bis dahin müssen wir zusammenhalten - das können wir“, sagt der Brandoberinspektor. „Wenn eines bei uns stimmt, ist es der Zusammenhalt und die Leidenschaft für den Beruf.“ (dpa)