Berlin - Die Kantstraße macht was her. Machte sie schon zur Zeit ihres Entstehens als neues Zentrum der rasant wachsenden Stadt Charlottenburg, also lange vor der Eingemeindung in Groß-Berlin.

Wind wehte aus Westen

Die Anlage dieser als zentralen Achse gedachten Straße geschah planvoll: Man gönnte ihr von Anbeginn eine Kanalisation und sah Platz für wachsenden Verkehr vor. Sie war lang, sie war breit, und der ihr 1887 verliehene Name des großen Philosophen Immanuel Kant diente ihrer Zier.

Die Häuser waren schicker als normale Mietskasernenvorderhäuser – eben keine Straße wie jede andere. Vorteilhafterweise lag sie im Westen, was saubere Luft versprach: Die Industrie erzeugte vor allem im Osten der Stadt Dreck und Gestank – und der Wind wehte damals wie heute meist aus Westen.

Gehobenes Bürgertum zog gern dorthin. Gutgestellte Rentiers, höhere Beamte, Offiziere und Adlige ließen sich nieder: Oberst Graf C. von Schwerin (Nr. 160), Generalmajor S. von Longchamps-Berier (Nr. 121), Hofmarschall H. von Buddenbrock (Nr. 149), Gräfin A. von Baudissin (Nr. 141), Gutsbesitzer Freiherr von Münchhausen (Nr. 148) und Rittmeister B. von Arnim (Nr. 43) gehörten dazu.

Wie der neue Westen wuchs

Da erfahren wir gleich zu Beginn des Buches „Die Kantstraße – Vom preußischen Charlottenburg zur Berliner City West“, dass die Autorin Birgit Jochens nicht nur spazieren gegangen ist, sondern recherchiert hat, zum Beispiel in alten Adressbüchern. Die Historikerin und langjährige Leiterin des Museums Charlottenburg–Wilmersdorf erfreut mit unfassbar vielen Details, geschöpft aus ihrem gesammelten Wissen. So wird der Band mitsamt seiner Vielzahl Geschichten erzählender Fotografien zur Fundgrube.

Jochens zeigt, wie da der neue Westen wuchs – mit Geschäften, Theatern, Restaurants, Hochschulen. Wie in der Folge Künstler, Gelehrte und Technikpioniere die Kantstraße besiedelten.

Die „besseren Gegenden“

Wie sich die Straße in ihren verschiedenen Abschnitten differenzierte: in die „besseren Gegenden“ wie die um den Savignyplatz oder die Richtung Wilmersdorfer Straße, wo Grünkram- oder Milchhändler, Hausdiener, die Posamentenverkäuferin, Maurer und Tischler ihre Geschäfte betrieben.

Entsprechend bemaßen sich die Wohnungen – sie waren überwiegend groß, wie Birgit Jochens beim Statistischen Landesamt Charlottenburgs erfuhr: „65 Prozent der Mietshäuser verfügten über mindestens zwei bis fünf beheizbare Zimmer, im noblen Eck an der Gedächtniskirche und der Joachimsthaler Straße waren 32 Prozent sogar mit mehr als sechs Zimmern ausgestattet.“

Wer sich das leisten konnte, schaffte bald auch ein Kraftfahrzeug an: im mehretagigen „Kant-Garagenpalast“ mit doppelgängiger Wendelrampe fanden die Automobilisten von 1930 an Parkraum in modernstem Design. Unruhig wurde es, als nach dem Ersten Weltkrieg die Elenden schon mal die Autofahrer plünderten. Spartakisten und Freikorpsverbände beschossen einander.

Wie es der Kantstraße und ihren Bewohnern, vor allem den jüdischen, zwischen 1933 und 1945 erging, beschreibt ein Kapitel. Ein Zitat aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 1. April 1933 besagt: „Niemand wagt es mehr, ein jüdisches Geschäft zu betreten, einen jüdischen Rechtsanwalt oder Arzt aufzusuchen.“

Studentenunruhen und RAF-Terror

Nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzte das neue Zentrum West-Berlins die zerstörten Altbauten, und mit den Möglichkeiten wuchs die Konsumfreude. Zugleich aber zog der Kalte Krieg in die geteilte Stadt, begleitet von Studentenunruhen und RAF-Terror.

Immer wieder wurde die Kantstraße zum Schauplatz. Schick war sie bald nicht mehr, verfiel zum Ganoven-Tummelplatz und zur Ramschmeile. Der nächste Wandel kam Ende der 1990er. Inzwischen stehen an der Straße Hochhäuser. Viele Läden, Restaurants, eine bunte soziale Mischung und ein „Nationalitäten-Potpourri“ hauchen der Gegend wieder richtig Leben ein.

Künstler, Ärzte und Juristen

Das erste Kapitel des Buches breitet die Biografie dieser Straße aus. In den folgenden 13 Kapiteln geht es in die Details. Wenn Sie endlich mal wissen wollen, wie das Theater des Westens den Charakter der Gegend prägte, erwartet Sie ein Informationsschwall.

Kantstraßen-Bewohner – von Künstlern über Ärzte und Juristen – treten auf. Das jüdische Leben hat sein eigenes Kapitel, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ebenfalls. Beeindruckend kenntnisreich, detailliert und liebevoll wird der Leser in die verschiedenen Milieus geführt.

„Champion unter Berlins Straßen“

Und zum Schluss können wir jetzigen Berlin-Benutzer nachlesen, was uns heute in die Kantstraße zieht: Gefeiert wird der „Champion unter Berlins Straßen“.

Ob man das so sehen will, darf jeder für sich entscheiden. Aber nach Lesen und Betrachten des Bandes wird man auch diesen Boulevard des Westens besser „lesen“, will sagen: verstehen können. Ein tolles Berlin-Buch.