Ein hochautomatisierter Kleinbus der Marke EZ10 Gen2 unterwegs auf der See-Meile in Tegel. Bis zu sechs Fahrgäste haben Platz.
Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

BerlinSie sehen aus wie Brotbüchsen auf Rädern. Ohne Fahrpersonal drehten die selbstfahrenden Kleinbusse in Mitte, Wedding und Tegel ihre Runden, als Test für Mobilitätskonzepte der Zukunft. Dann verschwanden sie aus dem Verkehr. Aber nicht für immer: Denn nun zeichnet sich ab, dass künftig wieder hochautomatisierte Fahrzeuge in Berlin unterwegs sein werden. Als Erstes wird der Shuttle-Betrieb auf dem Campus Mitte und dem Campus Virchow erneut den Betrieb aufnehmen. „Es soll noch im Sommer weitergehen“, sagte Jannes Schwentu von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Voraussichtlich ab Ende 2020, deutlich später als anfangs angekündigt, werden auch in Tegel wieder solche Minibusse unterwegs sein. Wer aus eigener Anschauung erleben will, wie sich diese neue Mobilitätsform anfühlt, darf mitfahren – zum Nulltarif.

Stadtverträgliche Mobilität unter Nutzung elektrischer automatisierter Kleinbusse, kurz Stimulate: So heißt das vor allem vom Bund finanzierte Forschungsprojekt auf dem Gelände des Universitätsklinikums Charité. Im März 2018 begannen vier Elektrokleinbusse der französischen Anbieter Easymile und Navya damit, auf drei insgesamt 3,5 Kilometer langen Strecken ihre Runden zu drehen. Vehikel dieser Art finden sich mithilfe von Radar- und Lasersensoren zurecht, Fahrpersonal im eigentlichen Sinne brauchen sie nicht. Allerdings gilt bis auf weiteres die Regel, dass aus Sicherheitsgründen stets Begleitpersonal an Bord sein muss. Bislang legten die fahrerlosen Hightech-Vehikel rund 7000 Kilometer zurück und beförderten 9500 Fahrgäste. Medizinisches Personal und Ärzte nutzten sie ebenso wie Besucher der Charité.

„Aus Sicht der BVG ist das Projekt ein Erfolg“, bilanzierte BVG-Sprecher Jannes Schwentu. „Wir haben über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren einen Betrieb auf zwei anspruchsvollen Arealen sicherstellen können und wertvolle Erfahrungen für künftige Vorhaben in diesem Bereich gesammelt.“

Doch die Pandemie brachte dem Shuttlebetrieb am 13. März erst einmal das Aus. Anders als in den großen Bussen der BVG gebe es in den nur rund vier Meter langen Fahrzeugen keine Möglichkeit, einen Fahrerarbeitsplatz abzutrennen. Es musste ein Hygienekonzept entwickelt werden, das den besonderen Bedingungen Rechnung trägt – und wie sonst bei der BVG auch eine Maskenpflicht enthält. „Die Vorbereitungen zur Wiederaufnahme des Betriebs sind im Gange“, so der BVG-Sprecher.

Etwas länger wird es dauern, bis dieses neue Verkehrsmittel wieder in Tegel ausprobiert werden kann. Während die Minibusse bei der Charité auf Privatgelände unterwegs sind, hatte sich zwischen der Wilkestraße nahe der Greenwichpromenade und dem U-Bahnhof Alt-Tegel ein hochautomatisiertes Fahrzeug auf öffentliches Straßenland gewagt. Auch das Projekt See-Meile mit seiner 1,2 Kilometer langen Ringlinie wird als Erfolg bilanziert. Zuweilen kam es vor, dass Interessenten zurückbleiben mussten, weil der EZ10 Gen2 von Easymile voll war. Nur sechs Reisende haben Platz. „Während des Testzeitraums vom 16. August bis zum 17. Januar 2020 haben rund 16.000 Fahrgäste das Angebot genutzt“, berichtete Jannes Schwentu.

Unter dem Titel Shuttles & Co. und unter Federführung der Senatsverkehrsverwaltung wird der Shuttlebetrieb wieder aufgenommen – ein halbes Jahr später als zuletzt mitgeteilt. „Die ursprüngliche Planung sah vor, dass die hochautomatisierten, selbstfahrenden E-Kleinbusse im Sommer 2020 den Betrieb aufnehmen. Allerdings hat sich die Auslieferung der Fahrzeuge vonseiten des Fahrzeugherstellers aufgrund der Pandemielage verzögert“, sagte Dorothee Winden, Sprecherin von Senatorin Regine Günther (Grüne). „Die aktualisierte Planung sieht nun vor, den Fahrgastbetrieb Ende 2020 aufzunehmen. Die Fahrzeuge werden dann ein Jahr lang fahren.“ Die übrigen Vorbereitungen laufen wie geplant, berichtete sie. Die Route wird begangen, zudem wurden die Genehmigungsprozesse für die Fahrzeuge und die Strecke eingeleitet.

Im Vorgleich zum Vorläuferprojekt wird es Änderungen geben. Musste man sich auf der See-Meile mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Kilometer pro Stunde begnügen, so ist künftig Tempo 18 möglich. Neu wird auch sein, dass Fahrgäste im Rollstuhl befördert werden dürfen, teilte Winden mit.

Ampelsteuerung für besseren Verkehrsfluss

Das Forschungsprojekt im Norden von Berlin hat zwei Ziele. „Zum einen wird der Realbetrieb von hochautomatisierten Elektro-Kleinbussen erprobt, zum anderen werden die grundlegenden Technologien für autonom fahrende Fahrzeuge weiterentwickelt und mit städtischen Daten zur Verkehrssteuerung verknüpft“, sagte Winden. So wird erprobt, ob es möglich ist, mit Hilfe von Daten aus solchen vernetzten Fahrzeugen Ampeln bedarfsgerecht zu steuern.

Bereits 2016 kurvte ein kleiner E-Bus, der seine Routine selbstständig abwickeln kann, durch Berlin. Olli, ein Produkt des US-Herstellers Local Motors, drehte auf dem Euref-Gelände in Schöneberg seine Runden.

Selbstfahrende Kleinbusse können dazu beitragen, Lücken im Verkehrsnetz zu füllen. Aber das ist erst der Anfang. Die Perspektive sieht so aus, dass öffentlicher Verkehr individualisiert wird: Wer von A nach B will, ruft per App ein hochautomatisiertes Vehikel herbei, das ihn fahrerlos ans Ziel bringt. Ein eigenes Auto braucht man dann nicht mehr.