Berlin - Seit fast 25 Jahren gehören sie zum Stadtbild: Mehr als 7000 Stolpersteine erinnern in Berlin an Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die Messingplatten liegen im Pflaster vor den Häusern, in denen die Opfer zuletzt gewohnt haben. Sie sollen an Menschen erinnern, von denen viele nicht einmal einen Grabstein haben. Heutige Nachbarn und Passanten sollen aufmerken, quasi über das Schicksal früherer Hausbewohner stolpern. Die Steine, ein Kunstprojekt des Bildhauers Gunter Demnig, sind ein starkes Erinnerungszeichen.

So weit die Theorie, so weit bekannt. Also könnte die Verlegung von sieben Stolpersteinen am Donnerstag in Charlottenburg ein zwar würdevoller, aber doch eingeübter Akt werden. Dass es diesmal anders ist, liegt an 40 Zentimetern.

Gedenken an drei Familien

Angehörige und Auszubildende des Lehrbauhofs Berlin/Brandenburg werden heute zur Mittagszeit vor dem Haus Dahlmannstraße 1 sieben Stolpersteine erst ausgraben und dann 40 Zentimeter entfernt wieder eingraben. Die Steine erinnern an Mitglieder der Familien Cohn, Brück und Kallmann, die einst im Haus gelebt haben – sechs von ihnen wurden zwischen 1941 und 1944 deportiert und ermordet, Martin Cohn beging Selbstmord.

Hintergrund ist ein Streit mit dem Eigentümer der Dahlmannstraße 1, einem Architekten aus Westend. Der verlangt, dass die 2009 und 2014 vor seinem Haus eingelassenen Platten beseitigt werden. Es könnte jemand ausrutschen, sich verletzen – und er als Grundeigentümer könnte dafür haften müssen. Im Übrigen könne er nichts dafür, dass im Nationalsozialismus Menschen verfolgt und ermordet wurden.

Immer wieder Schmierereien auf den Steinen

Das klingt ungewöhnlich kalt und menschenverachtend, doch Fischer hat zumindest einen Punkt: Die Platten waren gleich neben dem Hauseingang ins Pflaster versenkt worden. Diese Fläche aber gehört zum Haus und damit ihm.

Nachdem der Streit öffentlich wurde, häuften sich die Schmierereien auf den sieben Steinen. Immer wieder wurden sie mit weißer Farbe besudelt. Ein Verursacher wurde nie ermittelt.

Nicht zuletzt um solchem Ärger vorzubauen, achtet Künstler Gunter Demnig darauf, die Steine nur auf öffentlichem Land zu verlegen. Dazu bedürfe es oft intensiver Nachforschung, so der 68-Jährige. Bei seinen Verlegungen habe es deswegen jedenfalls nie Ärger gegeben.

"Größtes dezentrales Mahnmal der Welt"

Jedoch kann Demnig längst nicht jeden Stein selber verlegen. Schon jetzt liegen seine Erinnerungszeichen in rund 1100 Städten des Landes, in mehr als 20 Ländern Europas. Für 120 Euro kann man einen Stein bei ihm bestellen, wenn man die Biografie des Bewohners glaubhaft recherchiert hat. Er fährt dann hin und setzt den Stein. Demnig nennt die Stolpersteine „das größte dezentrale Mahnmal der Welt“.

In Demnigs Geburtsstadt Berlin übernehmen oft Azubis des städtischen Lehrbauhofs die Verlegearbeiten in seinem Namen – so auch in der Dahlmannstraße. Der Anstoß für die Verlegung war von der Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf gekommen. Diese sichtet Anträge von Hausgemeinschaften, die das Schicksal früherer Bewohner erforscht haben, und leitet sie an den Künstler weiter, der dann sein Okay gibt. Das funktioniert meist zu beidseitiger Zufriedenheit. Der City-West-Bezirk ist mit mehr als 2900 Stolpersteinen der in dieser Hinsicht mit Abstand emsigste Bezirk Berlins.

Bei der Initiative wurde damals der Fehler mit der Grundstücksgrenze gemacht. Sofort verlangte Demnig eine Verlegung, auch wenn dies „eine Scheiß-Arbeit ist“, wie er der Berliner Zeitung sagt. Es ist sein Projekt, letztlich entscheidet er, wo die Steine liegen.

Kompromiss unter Schmerzen

Der Koordinator der Initiative in Charlottenburg-Wilmersdorf, Helmut Löhlhöffel, war immer gegen eine Verlegung. Es sei falsch, dem Druck nachzugeben. „Da geschieht etwas wider besseren Wissens“, sagt der ehemalige Senatssprecher.

Unterstützung erhält Löhlhöffel von Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue, der sich seit Langem für die Stolpersteine engagiert. Auch er hält den Protest des Hauseigentümers für „einen Affenskandal. Das ist so unterirdisch, dass man vor Scham eigentlich errötet“. Dennoch sei die Verlegung jetzt richtig. Mit einem ewigen Streit beleidige man die Ermordeten, sagt Raue.

Und was sagt der Hauseigentümer dazu? Nichts. Zumindest nicht öffentlich. Er reagiert nicht auf Kontaktversuche.