Berlin - Grundschullehrer Ulrich Clemens hatte den Vater eines Schülers zunächst draußen vor dem Klassenzimmer herumschleichen sehen. Dann ging alles sehr schnell. Gegen 16 Uhr stürmte der Mann plötzlich mit seinen beiden Söhnen und weiteren befreundeten Schülern in den Klassenraum. Der Vater packte Lehrer Clemens am Hemdkragen, drückte ihn gegen die Wand, schlug auf ihn ein und zerriss dabei das Oberhemd des Lehrers. Dabei stieß der wütende Mann fortwährend Beleidigungen aus. Das alles unter den Augen der Söhne. „Es war schlimm, ich hatte danach einen sehr hohen Blutdruck von über 200 und ließ mich zwei Tage krank schreiben“, erinnert sich Ulrich Clemens heute.

Der wütende Vater konnte seinerzeit nur gestoppt werden, weil ein anderer, zufällig anwesender Vater dazwischenging. Dem Angriff war ein Handy-Anruf vorausgegangen: Ein Sohn hatte dem Vater per Handy mitgeteilt, der Lehrer habe ihn auf die Brust geschlagen. Eine Lüge, wie sich später herausstellte.

Gefühl der Ohnmacht

Der Vorfall ereignete sich vor wenigen Jahren an einer Grundschule in Charlottenburg-Nord, er hat das Leben von Clemens verändert. Vor allem, weil die Schulleiterin ihn nicht richtig ernst nahm. „Ich habe mich dreifach gedemütigt gefühlt“, sagt Clemens heute. „Durch den Gewaltakt, durch die Kinder, die Zeugen waren, und durch die Verschleppung des Falles durch die Behörden.“ Denn Clemens wird nach dem Vorfall von seiner bisherigen Tätigkeit als Klassenlehrer der 6b entbunden und anders eingesetzt, nach eigenen Angaben auch als Springer. Er erhebt schließlich Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Schulbehörde, weil er sich allein gelassen fühlt. Schließlich wechselt er an eine andere Schule. „Ich habe dann ein kleines Büchlein geschrieben, um den Vorfall zu verarbeiten“, sagt Clemens. Der gewalttätige Vater, aus dem Libanon stammend, erhält wegen Körperverletzung und Beleidigung eine Geldstrafe.

Übergriffe auf Schulpersonal stark angestiegen

Viele Lehrer erfahren im Schulalltag Respektlosigkeit und auch Gewalt. Binnen fünf Jahren haben sich die gemeldeten Übergriffe auf das Schulpersonal mehr als verdoppelt – auf 636 Fälle im vergangenen Schuljahr. Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus hat ein Präventionsprogramm beschlossen, dem der Senat nun zustimmen muss. Darin ist vorgesehen, dass die Schulen auch leichte Gewaltvorfälle wie Beleidigung oder Mobbing wieder verpflichtend melden müssen. Diese Meldepflicht war vor Jahren abgeschafft worden. Zudem soll es wieder einen jährlichen Gewaltbericht geben. „Wenn auch geringfügige Gewaltvorfälle wieder verpflichtend gemeldet werden, haben wir ein Frühwarnsystem“, sagt Maja Lasic, neue bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Es gibt Schulen, die Gewaltvorfälle eher bemänteln. Clemens, 62, wünscht sich ebenfalls, dass schon Beleidigungen gemeldet werden müssen – und Übergriffe durch Eltern eigens erfasst werden. Seine schriftlich formulierten Anliegen haben auf einer Personalversammlung breite Zustimmung gefunden.

Mit Stühlen geworfen

Auch eine Sonderpädagogin, die sich bei der Berliner Zeitung gemeldet hat, beklagt, dass Eltern nicht selten ihre Kinder noch in der Respektlosigkeit gegenüber Pädagogen bestärken. Letztens sei sie als Aufsichtsperson mit zum Schwimmen gefahren. „Da hat mir ein Schüler gesagt, dass ich meinen Rettungsring ja schon dabei hätte.“ Gemeint war sie selbst, wie die kräftige Frau, die nicht namentlich genannt werden will, sich erinnert. „Der Schüler sagte dann, dass die Eltern ihm diesen Witz erzählt hatten.“ Nicht immer bleibt es bei Worten. Ein verhaltensauffälliger Schüler etwa hat kürzlich im Musikunterricht das Becken am Schlagzeug abmontiert und wollte es durch die Klasse werfen. Daraufhin habe sie ihn in einen anderen Raum gebracht, wo der Schüler dann mit Stühlen um sich schmiss. Zum Schluss musste die Sonderpädagogin, die oft als Vertretungslehrerin eingesetzt wird, die Polizei rufen.