Der Club Watergate.
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BerlinEs klingt wie eine Menge Geld: 38 Berliner Clubs sollen in der Corona-Krise vom Senat im Schnitt rund 81.000 Euro Fördergeld erhalten haben. Das hat die Senatskulturverwaltung in der vergangenen Woche auf eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Abgeordneten Georg Kössler geantwortet, mit einer Liste der geförderten Unternehmen, ohne aber die konkreten Summen zu nennen - oder die Anzahl der abgelehnten Anträge. Die Presse berichtete. 

Doch unter den Clubs und Antragstellern ist die Verwirrung, bei einigen der Ärger seither groß: Man habe sehr viel weniger als 81.000 Euro erhalten, teilten mehrere Betreiber auf Nachfrage der Berliner Zeitung mit. Man wisse außerdem von Projekten und Anträgen, die ganz abgelehnt wurden.

„Wir haben 69.000 Euro beantragt, aber nur 25.000 Euro erhalten. Das deckt nicht einmal die Fixkosten für einen Monat“, sagt Steffen Hack. Seit 2002 betreibt Hack das Watergate, einen der beliebtesten und mit rund 1000 Quadratmeter Fläche größten Clubs Berlins am Schlesischen Tor. Wie bei allen anderen Clubs sind die Mitarbeiter zurzeit auf Kurzarbeit, die Gehälter zahlt die örtliche Agentur für Arbeit den Besitzern zurück.

Doch es bleiben große Fixkosten: Für das Watergate belaufen sich die Miete, nicht kündbare Versicherungen und die Stromkosten laut Hack insgesamt auf 40.000 Euro pro Monat. Die nun gewährte Soforthilfe reiche da bei weitem nicht und sei außerdem auf Überbrückung der Monate Juni, Juli und August ausgerichtet. Zwangsgeschlossen aber sind die Clubs bereits seit dem 13. März. „Was ist mit den Verlusten im März, im April, im Mai?“, fragt Hack.

Geoffrey Vasseur vom Outdoor-Club Yaam am Ostbahnhof findet die genannte Durchschnittssumme von 81.000 Euro „irreführend“. Einige wenige Clubs mit sehr hohen Mieten hätten offensichtlich sehr hohe Summen erhalten. „Das verzerrt das Bild.“ Das Yaam steht mit der Spreekultur GmbH auf der Liste der Geförderten, 37.000 Euro Förderung hat es beantragt – und nur 31.000 Euro erhalten. Das reiche gerade so für drei Monate, sagt Vasseur. „Retten wird uns das nicht.“

Der Frannz Club auf dem Gelände der Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee ist normalerweise Bar, Biergarten, Konzertsaal und Club in einem. Inzwischen läuft der Restaurantbetrieb im Biergarten wieder – aber schleppend, sagt Ingo Witzmann vom Frannz Club. Er hat 25.000 Euro Soforthilfe beantragt und auch erhalten. Das sei ein wichtiger Schritt. Doch: Jeden Monat fallen 20.000 Euro Miete und Betriebskosten an – bei null Veranstaltungsbetrieb seit März.

Die Hafenbar, mehr als 50 Jahre alte Schlager-Bar am Alexanderplatz, steht zwar auf der Liste der Fördergeld-Empfänger der Senatskulturverwaltung. Bisher weiß Bar-Chef Christopher Schreiber aber selbst noch nicht, wie viel die Hafenbar bekommt. Der Bescheid der Investitionsbank Berlin (IBB) steht noch aus. Beantragt aber habe man nur 25.000 Euro.

Die nun verkündeten 81.000 Euro, die Clubs angeblich im Schnitt erhalten haben, bereiten Schreiber Sorgen. Denn auch die Hafenbar hält sich mit Crowdfunding-Aktionen über Wasser. Schreiber will da keinesfalls „übersubventioniert“ wirken, wie er es formuliert. Auch die beantragten 25.000 Euro hätten nur eine Bestimmung: Fixkosten zahlen. „Es geht nur darum, den Club zu halten und zu überleben.“

Es sind Clubs mit großen Flächen und in Toplagen, mit großem Renommee und langer Geschichte in der Hauptstadt, die seit vier Monaten nichts oder kaum verdienen – und die allesamt nicht mehr als 35.000 Euro erhalten. Und deren Besitzer sich fragen: Wie genau kommt der Auszahlungsdurchschnitt von 81.000 Euro zustande?

Auf Nachfrage der Berliner Zeitung teilt die Kulturverwaltung am Dienstagmittag mit: 25.000 bis 500.000 Euro hätten beantragt werden können. „Es gibt Clubs, denen 21.000 Euro geholfen haben, anderen wurden zum Beispiel etwa 450.000 Euro bewilligt. Dies nach Liquiditätsbedarf und Prüfung durch Wirtschaftsprüfer.“ Wer warum so überdurchschnittlich hohe Fördergelder erhalten hat, will die Kulturverwaltung aus Gründen des Datenschutzes nicht beantworten.

Und was ist mit jenen, die nicht auf der Liste stehen? 38 Unternehmen werden von der Kulturverwaltung in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage als Empfänger von Fördergeldern genannt. Neben den bereits erwähnten sind darunter zum Beispiel das Kater Blau, das Ritter Butzke, das Golden Gate, die Alte Kantine, das SchwuZ, das Mensch Meier, das Astra Kulturhaus, das Tempodrom, das Lido oder der Erotikclub Insomnia. Doch: Es gibt mehr als 140 Clubs in Berlin. Und es fehlen Locations, die jedem Partygänger weit über die Grenzen Berlins hinaus ein Name sind – wie zum Beispiel das Berghain.

Watergate-Betreiber: „Wir haben Vermieter with no mercy“

Insgesamt habe es 48 Förderanträge von Unternehmen gegeben, die Clubs, Festivals oder Konzertvenues betreiben, erklärt die Kulturverwaltung auf Nachfrage. „18 Anträge wurden abgelehnt.“ Gründe für die Ablehnung konnten laut Senatsverwaltung sein, dass die Mittel der Clubs bis August noch ausreichten. Auch die wirtschaftliche Situation des Unternehmens vor Beginn des Lockdowns sei ein entscheidendes Kriterium gewesen.

Eine Neuauflage der Soforthilfe IV ist bereits beschlossen, sie soll die Monate September bis Oktober überbrücken. Für viele Clubbesitzer aber wird das nicht reichen. Sie fordern endlich einen Ansatz beim für sie größten, relevanten Hebel: der Gewerbemiete.

Die Politik habe hier jahrzehntelange Versäumnisse aufzuholen, sagt Steffen Hack vom Watergate. Beim Watergate wurde die Miete vom Vermieter 2017 verdoppelt, schon damals brachte das den Club in eine gefährliche Schieflage. Eine Mietminderung erhalte er nicht, eine Stundung der Mieten aber helfe nicht – sie müsse schließlich wieder zurückgezahlt werden, sobald der Club wieder aufmache. „Wir haben Vermieter with no mercy“, so fasst es Hack wütend. Die Politik habe nichts unternommen und rufe jetzt alle zur großen Solidarität in der Krise auf – außer die Vermieter. „Ich muss Verluste hinnehmen, aber das Großkapital darf in der gesamten Krise weiter 100 Prozent kassieren? Das ist ein absoluter Hohn!“

Ingo Witzmann vom Frannz Club sieht es ähnlich. Er hofft noch auf Initiativen, die gerade das Thema Gewerbemiete adressieren – unter anderem eine des Berliner Senats für eine Bremse für Gewerbemieten, eingebracht in den Bundesrat im August 2019. Die Last in der Corona-Krise müsse fair verteilt werden, findet Witzmann. Es sei Zeit, endlich auch bei den Vermietern zu überprüfen, wer „ein paar Federn“ lassen könne.