DDR-Ende: Wie Schabowski einen Physiker zu Berlins Oberbürgermeister machen wollte

Ab Sommer 1989 liefen geheime Versuche, die DDR-Spitze zu erneuern. Im Gespräch: Schalck-Golodkowski als Ministerpräsident, Markus Wolf als SED-Chef.

Im Sommer und Herbst 1989 verließen Hunderttausende DDR-Bürger das Land, wie diese Flüchtlinge am Grenzübergang Schirnding auf dem Weg aus der CSSR in die BRD.
Im Sommer und Herbst 1989 verließen Hunderttausende DDR-Bürger das Land, wie diese Flüchtlinge am Grenzübergang Schirnding auf dem Weg aus der CSSR in die BRD.imago

Im Sommer 1989 erfasste den noch nicht völlig erstarrten Teil der DDR-Führung Panik. In Massen verließen Bürger über Ungarn das Land. Zurückblieben Verstörte, Wütende, Verzweifelte und immer weniger Zustandsbewahrer. Erich Honecker, krank, aber entschlossen, die alte Macht zu verteidigen, tat so, als sei alles im Lot und ließ die Feiern zum 40. Republik-Geburtstag vorbereiten.

Doch der Moment rückte näher, da „die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen“, was nach Lenin’scher Definition eine revolutionäre Situation kennzeichnet. In dieser Lage suchten Kräfte in der SED die Rettung in der Flucht nach vorn – supergeheim natürlich. Offenbar agierten verschiedene Gruppen unabhängig voneinander. Eine zusammenfassende Untersuchung dieser klandestinen Versuche zum Honecker-Sturz und einer Neuformierung liegt noch nicht vor. Sowjetische Archive bleiben unzugänglich. Daher sind kleine, von Zeitzeugen berichtete Informationen umso spannender.

Neue Gesichter gesucht

Der Berliner Zeitung liegt nun ein solcher, bislang unveröffentlichter Bericht vor, der durch einen winzigen Spalt einen Blick auf die Anstrengungen erlaubt, die DDR durch inneren Wandel zu retten. Verbrannte SED-Funktionäre in Spitzenpositionen sollten durch frische Gesichter ersetzt werden, Menschen, die Bürgernähe, Mut und Reformbereitschaft gezeigt hatten. Solche wie Richard Schimko, dem plötzlich eine steile Politikerkarriere – ins Büro des Bürgermeisters von Berlin, Hauptstadt der DDR, im Roten Rathaus – offeriert wurde.

Richard Schimko: der Physiker, der Ost-Berlin regieren sollte.
Richard Schimko: der Physiker, der Ost-Berlin regieren sollte.Benjamin Pritzkuleit

Prof. Dr. Richard Schimko, Physiker mit dem Spezialgebiet Optoelektronik, war Forschungsdirektor des Werkes für Fernsehelektronik (WF) in Schöneweide, des größten Industriebetriebs in Ost-Berlin. Doch bevor der heute 77 Jahre alte Absolvent der technischen Universität Lwiw (Halbleiterphysik) und der Universität Tiflis, Inhaber von mehr als 30 Patenten, hier als Zeitzeuge auftritt, müssen einige politische Akteure jener Zeit und deren verzweifelte Aktivitäten gegen den Untergang exemplarisch vorgestellt werden.

Da wäre zunächst Herbert Krolikowski, Staatssekretär im DDR-Außenministerium und Mitglied des SED-Zentralkomitees. Bei einem Treffen in der sowjetischen Botschaft am 12. August 1989 drängte er den anwesenden Gorbatschow-Sprecher Gennadi Gerassimow: „Bitte sagt klar, was ihr wollt.“ Wolle Moskau sich der DDR entledigen?

Eine Idee: deutsch-deutsche Konföderation

In dem Falle könne man die alte Idee einer deutsch-deutschen Konföderation wiederbeleben, Verhandlungen mit Bonn aufnehmen und „um maximal günstige Bedingungen für die hier lebenden Menschen ringen“. So jedenfalls hat es der zweite Mann hinter Botschafter Kotschemassow, Igor F. Maximytschew, notiert und zehn Jahre später veröffentlicht.

Staatssekretär Krolikowski ventilierte auch Gedanken über personelle Veränderungen: Man habe sich in Moskau als Nachfolger für Ministerpräsident Willi Stoph einen Staatssekretär im Außenhandelsministerium vorgestellt. Gemeint war Alexander Schalck-Golodkowski, Schöpfer und Herrscher eines Paralleluniversums der DDR-Wirtschaft, der mit Firmen und Handelsbeziehungen im Westen Devisen erwirtschaftete und unter Embargo stehende Waren beschaffte. Als Sohn eines russischen Vaters waren seine Verbindungen nach Osten ähnlich intensiv wie die nach Westen.

Der KGB in Karlshorst

Der Autor und Verleger Frank Schumann hat für das 2012 erschienene Buch „Schalck-Golodkowski: Der Mann, der die DDR retten wollte“ das einstige DDR-Politbüromitglied Egon Krenz befragt. Der zweifelt die Verlässlichkeit der Quelle Maximytschew im Detail an. Dass es Überlegungen zu personellen Alternativen gab, bestritt der spätere Staatsratsvorsitzende Krenz nicht.

Seit klar war, dass Honecker Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika die Gefolgschaft verweigerte, trieb die Außenstelle des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Karlshorst offenbar eigene Geheimdienstoperationen voran – anscheinend unabhängig von den Überlegungen der sowjetischen Botschaft.

Operation „Lutsch“ und Markus Wolf

Im Zusammenhang mit dieser Operation „Lutsch“ taucht immer wieder der Name Markus „Mischa“ Wolf auf, bis 1986 legendenumwobener Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, auch er mit engsten Beziehungen in die Sowjetunion. Wolf führte im Juli 1989 Gespräche mit Sowjetspitzen wie den Gorbatschow-Vertrauten Nikolai Portugalow und Walentin Falin.

Es kursierten Spekulationen, Wolf solle Nachfolger Erich Honeckers als SED-Generalsekretär werden. Markus Wolf selber bestritt das offiziell im Neuen Deutschland: Er sei „nie direkt in irgendeiner Weise ermutigt worden, als Gorbatschow-Mann eine innere Opposition zu bilden“. Was immer das heißen sollte.

Berichte, Hans Modrow, seinerzeit SED-Bezirkssekretär von Dresden, habe im Zusammenhang mit „Lutsch“ ein Dresdner Komplott gehen Honecker organisiert, bestritt der spätere DDR-Ministerpräsident: Alles eine Ente. Und Egon Krenz sagte Frank Schumann, das sei ihm alles „zu viel Verschwörungstheorie“.

Reformen zur Rettung

Mag sein. Aber naiv wäre es zu glauben, dass hinter den Kulissen in der instabiler werdenden Situation an der Konfrontationslinie zwischen Ost und West nicht alle möglichen Kräfte wirkten, um die Dinge in ihrem jeweiligen Sinne zu drehen.

Vor allem Wirtschaftswissenschaftler hatten vor dem XII. Parteitag der SED versucht, über Eigentumsformen, flexiblere Planung, Selbstständigkeit für Betriebe, Gewerbefreiheit, Preisreformen und West-Kooperation bis hin zu Joint Ventures zu diskutieren. Was ab Anfang November 1989 in DDR-Zeitungen von ihnen zu lesen war, zum Beispiel das „Schürerpapier“ und seine weitreichenden Reformvorschläge, hatte einen SED-internen Diskussionsvorlauf.

Das Politbüromitglied ruft

Und nun kommt der schon vorgestellte Richard Schimko ins Spiel, der im Spätsommer 1989 Teil der Geschichte wurde, weil führende Genossen auf der Suche nach einem Kandidaten für das Amt des Ost-Berliner Oberbürgermeisters ihr Auge auf den widerborstigen Genossen geworfen hatten, der unter seinen Leuten im Werk für Fernsehelektronik hohes fachliches und menschliches Ansehen genoss.

Schimko schreibt in seinen Erinnerungen „von der Ahnung des Untergangs“: „Wie verzweifelt die noch führenden Genossen wirklich waren, erfuhren Jürgen Wernicke, Betriebsdirektor des Werks für Fernsehelektronik, und ich am 4. September 1989. Ich hatte Geburtstag und sah den Gratulanten gefasst entgegen. Plötzlich stürzte Jürgen in die Feiervorbereitungen und entführte mich mittels Fahrer und Auto.

Er teilte mit, dass wir beide stante pede zum Politbüromitglied Schabowski einbestellt seien und ich ihm, Wernicke, sagen müsse, welche Schweinerei ich wieder angestellt hätte.“ Infrage kamen die versteckten Bildröhren, die umgelenkten Devisen für Ersatzteile, der durch die Mehrheit der Genossen des Werks für Fernsehelektronik abgesetzte Parteisekretär, aber „das konnten wir uns beide als Ursache dieses hohen Rufes nicht vorstellen“.

Oberbürgermeister Schimko?

Die tatsächliche Absicht des Genossen Schabowski traf Richard Schimko völlig unvorbereitet: „Nachdem seine Sekretärin uns anlässlich meines 44. Geburtstages französischen Cognac eingeschenkt hatte, legte der hohe Genosse Jürgen jovial und tröstend die Hand auf die Schulter und teilte ihm mit, dass er fürderhin ohne den Genossen Schimko auskommen müsse. Die Partei habe beschlossen, dass dieser Bürgermeister der Hauptstadt werde.

Das Entsetzen muss mein Gesicht wohl so verunstaltet haben, dass der Sekretär für Propaganda des Politbüros nachschob, ich könne natürlich noch mit meiner Frau beraten. Verzweifelt begann ich zu argumentieren, dass ich keinerlei verwaltungstechnische, volkswirtschaftliche und überhaupt Ausbildung hätte, hochgradig unordentlich sei und für diese ehrenvolle Aufgabe gänzlich ungeeignet. Mein Freund Jürgen gab mir recht und Beispiele für meinen Mangel an Parteidisziplin zum Besten.

Beide verließen wir fassungslos das ZK-Gebäude, begleitet von den mahnenden Worten Schabowskis, ich solle mich innerhalb 24 Stunden zu diesem Parteiauftrag erklären. Ich habe mich nicht erklärt, und die Partei hat niemanden mehr gezwungen.“

Die Realität kam anders

Richard Schimko folgte nicht als Berliner Oberbürgermeister im Roten Rathaus auf Erhard Krack. Die Partei hatte keine Zeit mehr für einen Kurswechsel. Im Oktober und November 1989 überschlugen sich die Ereignisse: Am 17. Oktober wurde Egon Krenz SED-Generalsekretär, ein paar Tage später auch Staatsratsvorsitzender. Am 4. November zeigten Hunderttausende auf dem Alexanderplatz, dass sie grundlegende Änderungen wollten, keine Kosmetik. Am 9. November erzwangen DDR-Bürger die Öffnung der Staatsgrenze nach Westen – und Egon Krenz ließ es gewaltlos geschehen.

Am 17. November druckte die Berliner Zeitung die Meldung, Egon Krenz habe der SED-Fraktion der Volkskammer vorgeschlagen, dass 27 Abgeordnete ihr Mandat niederlegen, darunter Erich und Margot Honecker, Erich Mielke, Günter Mittag etc. Zugleich schlug Krenz die Nachrücker vor, unter ihnen Richard Schimko.

Mielkes Liebe und Zukunftspläne

Der erinnert sich: „So konnte ich in der 7. Reihe sitzend die denkwürdige, sehr komische Liebeserklärung des Genossen Mielke an uns alle erleben. Für den verwirrten Genossen Schabowski hatte ich im am 9. November 1989 mehr Verständnis als die Allgemeinheit.“ Für die neue Volkskammer kandidierte Richard Schimko nicht: „Ich hatte da schon beschlossen, nicht Politiker oder Bürgermeister zu werden, sondern Klein-Kapitalist oder wenigstens Manager.“

Das ist ihm erfolgreich gelungen, doch seine „Umtriebe“ im Werk für Fernsehelektronik (WF) sollten noch eine heftige Nachwirkung auf die abstürzende SED haben. Schon vor 1989 hatte er, wie in dem Artikel „Die gestaute Republik“ von Christian Booß, veröffentlicht im Deutschland-Archiv der Bundeszentrale für Politische Bildung, nachzulesen ist, seinen Ingenieuren und Parteimitgliedern Freiraum für kritische Diskussionen gelassen.

Die Sternstunde der Plattform WF

So ist es kein Zufall, dass zu den aktivsten Mitstreitern der sogenannten Plattform WF, einer der kritischsten SED-internen Strömungen, zwei ehemalige Parteisekretäre der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des WF gehörten.

Sie standen in der Plattform WF gemeinsam mit Mitarbeitern aus dem Rundfunk und der Akademie der Wissenschaften für eine radikale Erneuerung der SED bis hin zur Auflösung und Neugründung einer sozialistischen Partei.

Auch sie hatten keine Chance mehr. Die Forderungen nach schnellem Anschluss an die BRD überrollten bald alle internen Reformversuche.