Gordon Tscheschner hatte bis vor wenigen Jahren noch eine  ganz gewöhnliche Biografie: Er wird 1970 in Berlin geboren, wächst in der DDR auf, geht in Prenzlauer Berg zur Schule und wird anschließend Bautischler. Vom Fall der Berliner Mauer hört er nur aus der Ferne, weil er da als Soldat seinen Grundwehrdienst in der  Nähe von Neubrandenburg leistet. Da ist Tscheschner  19 Jahre alt. Der junge Mann will die ungewöhnlichen Möglichkeiten im neuen Land nutzen. Er lässt sich nach der Wende zum Hotelfachmann ausbilden und startet seine Hotelkarriere  als Empfangssekretär.  Er steigt auf und wird sogar Hotel-Direktor in Frankfurt (Oder).

Den Namen Gordon Tscheschner gibt es heute nicht mehr. Der verschwand, als Tscheschner 2007 eine Frau aus adligem Hause heiratete und seitdem ihren  Namen trägt. Der heute 46-Jährige heißt nun  Gordon Freiherr von Godin. Und er ist auch kein Hotelchef mehr, sondern  neuer Direktor des DDR-Museums an der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte.

Ausgezeichnetes Konzept

Seit zehn Jahren gibt es das private Museum.   4,4 Millionen Besucher kamen seit der Eröffnung  in die interaktive Ausstellung über das Leben in der DDR.  Vor einigen Tagen feierten 200 geladene Gäste das Jubiläum, auch Historiker Guido Knopp war gekommen.
Eng war das Museum in all den Jahren mit dem Namen des bisherigen Direktors Robert Rückel verbunden.  Gemeinsam  mit seinem Freund, dem Freiburger Ethnologen Peter Kenzelmann,  begann der Betriebswirtschaftler aus Westdeutschland im Jahr 2005,  alle möglichen Ausstellungsstücke für ein  DDR-Museum zu sammeln. Kenzelmann wurde alleiniger Gesellschafter, Rückel vom Projektleiter zum Direktor berufen.

Heute gehören 240 000 Objekte aus der DDR zu dieser  Sammlung. Im Museum wird nur ein geringer Teil ausgestellt. Der  Museumsbetrieb lief gut, mehrfach wurde die Ausstellung für ihr Konzept ausgezeichnet. „Wir wollen das Leben eines durchschnittlichen DDR-Bürgers darstellen“, sagte Rückel in einem Interview mit dieser Zeitung im November 2015. „Die meisten DDR-Bürger waren doch Menschen, die so gut wie möglich ihr eigens Leben gelebt haben.“

Um  so erstaunlicher war die  Mitteilung, die das Museum im   April 2016 verschickte: Ein Führungswechsel habe stattgefunden,  Robert Rückel sei nicht mehr Direktor,  fortan führe Quirin Graf Adelmann von Adelmannsfelden die Geschäfte des Museums, neuer Direktor sei Gordon Freiherr von Godin. Bauernland in Junkerhand, frotzelte jemand im Internet,  „Byebye, DDR- Museum“, schrieb Rückel auf Facebook. Er ist jetzt Geschäftsführer des Deutschen Spionagemuseums am Leipziger Platz.

Höhere Eintrittspreise

Über die Gründe des Personalwechsels will niemand der Beteiligten offen reden. Es habe keinen Streit gegeben, heißt es. Peter Kenzelmann, er arbeitet als Verleger und Autor,  war wohl auf der Suche nach neuen Investoren, er habe sich zur finanziellen Unterstützung des DDR-Museums einen solventen Unternehmer geholt: den Berliner Immobilienunternehmer Quirin Graf Adelmann von Adelmannsfelden, der als Gesellschafter der Bergen Immobilien & Beteiligungen GmbH  auf dem Berliner Immobilienmarkt aktiv ist, etwa bei den Neubauprojekten Komponistengärten und Floragärten. Kenzelmann kümmert sich überwiegend um sein wichtigstes Kultur- und Bauprojekt, die  Alte Börse in Marzahn.

Zu diesem Zeitpunkt bekommt Gordon Freiherr von Godin ein ungewöhnliches Jobangebot. Quirin Graf Adelmann bietet ihm den Posten des Direktors im DDR-Museum an. Quirin Graf Adelmann ist sein Schwager. Gordon Freiherr von Godin sagt zu.  „Das DDR-Museum ist eine Erfolgsgeschichte. Wir haben erst mal  nicht in den laufenden Betrieb eingegriffen“, sagt von Godin. Wissenschaftlicher Leiter des Museums bleibt der Historiker Stefan Wolle.

Veränderungen gibt es trotzdem. Im Juni erhöht das Museum die Eintrittspreise, von 7 Euro auf 9,50 Euro für Erwachsene, von 3,50 auf 4,50 für Schüler in Gruppen. Freiherr von Godin begründet diese Erhöhung  mit dem „enormen Besucheransturm“, der Erweiterung des Museums und den Investitionen in Höhe von etwa 1,2 Millionen Euro. Die Nachfrage regelt   den Preis. Das private Museum arbeitet nach den Regeln des freien Marktes und erhält keine Zuwendungen. Oft bilden sich lange Warteschlangen. 580 000 Gäste kamen 2015, manchmal sind es  über 2 000 Besucher am Tag. Nicht jeder Besucher kann  die Exponate aus der Nähe betrachten und anfassen.

Originalgetreuer Kindergarten

Deshalb wird das DDR-Museum  vergrößert. In einem neu eingerichteten Besucherzentrum empfangen Referenten und Zeitzeugen künftig die  Schulklassen.   Die Dauerausstellung wird erweitert, Besucher können ab dem 27. August, zur Langen Nacht der Museen,  eine original eingerichtete Neubauwohnung vom Typ WBS 70 besichtigen.   Darin wird ein virtueller Kleiderschrank stehen. Aus dem dürfen sich Besucher  Kleidung nehmen, anziehen und   sich damit fotografieren lassen. Die Jacken und Hemden  werden der Körperform virtuell angepasst.   Erklärungen in den Ausstellungsräumen werden künftig auch in 3D-Technik erfolgen, zudem müssen die vielen Dokumente aus Papier, die im Depot lagern, digitalisiert werden, bevor sie zerfallen. 

Freiherr von Godin will auch dem Breiten- und Leistungssport mehr Platz in der Ausstellung widmen, auch ein Kindergarten wird originalgetreu  eingerichtet. „Wir wollen das Wissen über die DDR bewahren, vor allem für die jungen Menschen. Das ist das unser Auftrag“, sagt er. „Nicht Stasi und Mauer stehen  bei uns im Mittelpunkt, dafür gibt es eigene Museen in Berlin. Unser Schwerpunkt liegt in der Darstellung von unterschiedlichen Lebenssituationen und Themenbereichen aus dem Alltag der  DDR.“ Wie ihn auch Freiherr von Godin erlebt hat, als er noch Gordon Tscheschner hieß. 

DDR-Museum

Karl-Liebknecht-Straße 1, 10178 Berlin-Mitte,

alle Infos zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Events unter www.ddr-museum.de