Berlin: Vor 70 Jahren zogen die ersten Mieter in die Stalinallee

Der Bau der Stalinallee lieferte Verheißungen vom Sozialismus. Der Fotoband von 1953 war lange vergriffen. Jetzt liegt ein Original-Neudruck vor.

Wohnpaläste für die Arbeiter: Titelbild des Fotobandes vom Bau der Stalinallee. Jetzt im Original-Nachdruck erschienen.
Wohnpaläste für die Arbeiter: Titelbild des Fotobandes vom Bau der Stalinallee. Jetzt im Original-Nachdruck erschienen.

Pferde schnauften, Motoren brummten, vom Alexanderplatz bis zum Strausberger Platz standen die Möbelwagen der ersten 70 Mieter, die am 7. Januar 1953, einem kalten Mittwoch, in die neuen Wohnungen der Stalinallee einzogen. Die Glücklichen. Von der extra errichteten Ehrenpforte zur Neubauzone wehten rote und schwarz-rot-goldene Fahnen. Dazwischen Bilder des Führers der Weltfriedensbewegung, Stalin, und des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.

7. Januar 1953: „Ein Korso von Möbelwagen bewegt sich vom Strausberger Platz durch ein Ehrentor zu den Blocks E- und C-Süd.“ Die waren als erste fertig.
7. Januar 1953: „Ein Korso von Möbelwagen bewegt sich vom Strausberger Platz durch ein Ehrentor zu den Blocks E- und C-Süd.“ Die waren als erste fertig.Story Verlag/Gerhard Puhlmann

Die Berliner Zeitung berichtete ausführlich über das Großereignis: Elf Monate nach Grundsteinlegung konnte die DDR-Führung die „erste sozialistische Straße Berlins“ übergeben. Die Botschaft an den Osten verkündete: Seht, es geht voran, die Zukunft wird groß. Dem Westen rieb man unter die Nase: Wir können es besser.

Eine Ausstellung in der Deutschen Sporthalle ermöglicht den Besuchern, zu den Entwürfen der Architekten kritische Stellung zu nehmen. (Original-Bildunterzeile)
Eine Ausstellung in der Deutschen Sporthalle ermöglicht den Besuchern, zu den Entwürfen der Architekten kritische Stellung zu nehmen. (Original-Bildunterzeile)Story Verlag/Gerhard Puhlmann
Blick über die Baustelle Strausberger Platz in der Stalinallee im September 1952. Stein auf Stein, kein Kran, hölzerne Gerüste. Nur Monate später war alles fertig.
Blick über die Baustelle Strausberger Platz in der Stalinallee im September 1952. Stein auf Stein, kein Kran, hölzerne Gerüste. Nur Monate später war alles fertig.Story Verlag/Gerhard Puhlmann
Originaltext: „In den Neubauten der Stalinallee stehen den Müttern zur Pflege ihrer Kinder alle Einrichtungen moderner Hygiene zur Verfügung.“
Originaltext: „In den Neubauten der Stalinallee stehen den Müttern zur Pflege ihrer Kinder alle Einrichtungen moderner Hygiene zur Verfügung.“Story Verlag/Gerhard Puhlmann

Maurermeister Bruno Kuschel zog mit Frau, Tochter und Oma in eine Dreiraumwohnung – eine Musterfamilie. Die Oma hatte monatelang drei Prozent ihrer Rente für den Aufbau Berlins gegeben sowie 300 Stunden Ziegel geputzt und Trümmer geschippt. Kuschel hatte in der Brigade Schönebeck die Häuser der Stalinallee mit gebaut. Seine Frau arbeitete im Friedenskomitee, denn die „Wohnpaläste mussten vor Anschlägen der Kriegsbrandstifter“ geschützt werden.

Das Entstehen des prominentestes Projektes des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) der DDR wurde selbstverständlich umfangreich dokumentiert, in Wort, Film und Bild. Mit dem für damalige Zeiten opulenten Bildband war der Starfotograf Gerhard Puhlmann beauftragt. Ein Propagandawerk, sicherlich. Auf den Fotos strahlen fröhliche Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus. Sie dokumentieren Aufbruchwillen, Kameradschaft, Organisation, Gestaltungskraft.

Und so sah es drinnen aus: „Die lang ersehnte gemütliche Ecke im Wohnzimmer: Mutter und Sohn genießen eine Mußestunde.“ (Originaltext)
Und so sah es drinnen aus: „Die lang ersehnte gemütliche Ecke im Wohnzimmer: Mutter und Sohn genießen eine Mußestunde.“ (Originaltext)Story Verlag/Gerhard Puhlmann

Der Band brachte ihm damals unfassbare 100.000 Mark und den Nationalpreis 1. Klasse ein. Vom Arbeiteraufstand 1953 wusste man beim Ersterscheinen noch nichts. Das einzigartige Zeitdokument, lange vergriffen, hat jetzt eine Neuauflage erlebt.

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Berlin Story-Verlag
Zum Buch
Fotograf: Gerhard Puhlmann

Titel: Die Stalinallee – Nationales Aufbauprogramm 1952

Neuauflage: Berlin Story-Verlag, 2022, mit einem Nachwort von Wieland Giebel, Ersterscheinen 1953

Sonstiges: 209 Seiten, 29,95 Euro

Gerhard Puhlmann: Die Stalinallee – Nationales Aufbauprogramm 1952. Berlin Story-Verlag, 2022, 209 Seiten, 29,95 Euro.