Deshalb streiken heute die Charité-Ärzte - darauf sollten Patienten in Berlin gefasst sein

Der Warnstreik am Mittwoch kann alle Standorte und Bereiche der Berliner Uniklinik treffen. Der Marburger Bund rechnet mit einer hohen Beteiligung.

Feuer unterm Dach: Die Charité erlebt den ersten Ärzte-Streik seit 15 Jahren.
Feuer unterm Dach: Die Charité erlebt den ersten Ärzte-Streik seit 15 Jahren.dpa/Carstensen

Sie werden einige Hundert sein, Ärztinnen und Ärzte der Charité. Davon jedenfalls geht Peter Bobbert aus, der Vorstand beim Marburger Bund ist. Der Verband hat für diesen Mittwoch zum Warnstreik an dem Berliner Uniklinikum aufgerufen hat. Es geht den Medizinern um bessere Arbeitsbedingungen und einen Tarifvertrag, der diese regelt. Seit Ende März laufen dazu Verhandlungen. „Am 14. September haben wir ein Angebot erhalten, das nicht verhandlungsfähig ist“, sagt Bobbert. Deshalb der eintägige Ausstand am Campus Mitte, am Campus Virchow und am Campus Benjamin Franklin. „Ich gehe von einer  hohen Streikbereitschaft aus“, sagt Bobbert.

Patienten müssen mit Einschränkungen rechnen. „Prinzipiell können alle Bereiche betroffen sein“, sagt Bobbert, der auch Präsident der Ärztekammer Berlin ist. Ein Sprecher der Charité erklärt: „Wir treffen Vorkehrungen, damit sichergestellt ist, dass keine Patientengefährdungen auftreten. Die Zentralen Notaufnahmen sind durchgehend besetzt.“

Nach 15 Jahren wird das Klinikum erstmals wieder bestreikt. Es ist das größte Europas mit rund 17.600 Beschäftigten, die Tochter CFM eingerechnet, sind es sogar knapp 21.000. Für 2700 Ärzte strebt der Marburger Bund nun einen neuen Tarifvertrag an. Die seien „täglich am Limit“ sagt Bobbert. „Das war schon vor Covid-19 so.“ Die Pandemie habe die Situation weiter verschärft. „Potenziert“, so formuliert es der Funktionär, und dann untermauert er seine Feststellung mit einigen Zahlen.

„Zwischen 60 und 80 Stunden Arbeitszeit pro Woche in der Klinik sind keine Ausnahme, sie sind Realität“, sagt Bobbert. „Die Personaldecke ist so dünn, dass man gleich aus dem Frei geholt wird, wenn jemand ausfällt.“ Zehn bis 15 Bereitschaftsdienste pro Monat seien die Regel. Und noch eine Chiffre präsentiert der Ärztevertreter. Sie stammt aus einer Umfrage der Charité unter knapp 8500 Beschäftigten. Davon gaben zwar 44 Prozent an, das Unternehmen uneingeschränkt weiterempfehlen zu können, bei Ärzten unter 40 Jahren waren es jedoch nur 15 Prozent. 

Ärztechef fordert: Weniger Bereitschaftsdienste, mehr Ruhephasen

„Von diesen 15 Prozent erwägt ein Großteil zum einen, die Charité zu verlassen“, sagt Bobbert. „Zum anderen besteht die Gefahr, dass sie generell Krankenhäusern den Rücken kehren.“ Denn die Situation an deutschen Kliniken „ist derzeit überall besorgniserregend“. Er hält fest: „Dass viele Ärzte schon zu Beginn ihrer Karriere den Arbeitgeber wechseln, nicht nur an der Charité, ist ein neues Phänomen.“ Andere Krankenhäuser hätten allerdings darauf bereits reagiert.

Aus seiner Bestandsaufnahme leitet der Marburger Bund Forderungen für die Charité ab. Auf einer Kundgebung an diesem Mittwoch um 9.30 Uhr vor dem Bettenhaus in Mitte werden sie ein Thema sein. Zum Beispiel die Bereitschaftsdienste, sie sollen begrenzt werden. „Die meisten kommunalen Krankenhäuser haben eine solche Begrenzung.“ Die Charité ist zu 100 Prozent ein Unternehmen des Landes Berlin. Bobbert fährt fort: „Die Ärztinnen und Ärzte brauchen Ruhephasen, um sich zu erholen.“

Der Ärzteverband fordert zudem, dass die Charité-Ärzte ihre Arbeitszeit langfristiger planen können. „Wir haben Anfang Oktober“, sagt Bobbert: „Es wäre schön, wenn die Kollegen an der Charité wüssten, wann sie am 1. November dieses Jahres arbeiten. Eine geregelte Dienstplanung, wenigstens vier Wochen im Voraus, würde die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessern.“

Die Gehälter spielen in den Verhandlungen ebenfalls eine zentrale Rolle. Ein Plus von 6,9 Prozent verlangt der Marburger Bund. Außerdem will er Zuschläge für Schichten an Wochenenden und Feiertagen aushandeln. „Im Moment werden sie wie ein Wochentag vergütet“, sagt Bobbert. Am Geld jedoch dürften sich die Geister scheiden. Schon die angestrebten Obergrenzen für Wochenstunden und Bereitschaftsdienste würden den Etat belasten, denn sie erfordern zusätzliches Personal, soll das Angebot nicht heruntergefahren und die Zahl der Betten reduziert werden; rund 3000 sind es derzeit.

„Bei der Politik“, sagt Bobbert auch deshalb, „liegt ein Großteil der Verantwortung.“ Den Aufsichtsrat der Charité leitet Ulrike Gote, die Berliner Gesundheitssenatorin. Sie hat in der vergangenen Woche die Bundesregierung erneut aufgefordert, die Finanzierung der Krankenhäuser grundlegend zu reformieren. Bisher kommen die Krankenkassen für die Behandlungskosten nach festgelegten Pauschalen auf, die Bundesländer für die Investitionen.

Beifall erhält die Grünen-Politikerin für ihr Ansinnen unter anderem vom Koalitionspartner Die Linke. „Wenn die Beschäftigten unter den Arbeitsbedingungen zusammenbrechen, dann muss die Bundesregierung diesen Hilfeschrei ernst nehmen“, meint Tobias Schulze. Der gesundheitspolitische Sprecher sagt voraus: „Der Arbeitskampf der Belegschaft der Charité dürfte Widerhall bei vielen Belegschaften anderer Krankenhausträger finden.“