Ursel und Manfred Wenzel auf ihrem Balkon in Wedding.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinDies ist die Geschichte dreier Ehen: einer Studentenehe in der frühen DDR, einer traditionellen Hausfrauen-Ehe in West-Berlin und einer modernen Living-Apart-Together-Ehe. So nennt man das, wenn beide Partner in getrennten Wohnungen zusammenleben.

Bei allen drei Ehen sind die Partner die gleichen: Ursel und Manfred Wenzel. Ihre Beziehung überstand Mauerbau, Flucht, Systemwechsel. Die Paare gehen heute zu schnell auseinander, so ihr Eindruck. Als sie sich einmal über einen Zeitungsartikel über Trennungen bei jungen Eltern besonders ärgert, schreibt Ursel Wenzel an die Berliner Zeitung: „Mein Mann und ich sind Ende des Jahres 60 Jahre verheiratet, Diamantene Hochzeit also. Vier Kinder haben wir zu selbstständigen sozialen Menschen erzogen. Wir hatten in diesen Zeiten nicht nur Sonnenschein und Dauerkuscheln, und die Liebe der ersten Zeit verwandelt sich ja mit den Jahren in Vertrautheit, Geborgenheit, Verlässlichkeit. Wir sind bei der Hochzeit angetreten, das Leben gemeinsam zu leben und haben uns einfach nicht getrennt“, schreibt sie in einer E-Mail.

Wie schafft man es 60 Jahre verheiratet zu bleiben?

Wie schafft man es, über sechs Jahrzehnte zusammenzubleiben? Ursel und Manfred Wenzel entschließen sich, aus ihrem Leben zu erzählen. Sie nennt als Treffpunkt eine Adresse in Wedding.

Ursel Wenzels Wohnung liegt in einer stillen Ecke von Wedding, man geht vorbei an Änderungsschneidereien und türkischen Geschäften, biegt ab in eine ruhige Seitenstraße und kommt dann an ein unscheinbares Mehrfamilienhaus an der Panke. Am Klingelschild unten steht „U. Wenzel“. Eine kleine, agil wirkende Frau öffnet, sie trägt eine bunte Bluse und kurzes, rotgefärbtes Haar. Ursel Wenzel ist 80 Jahre alt, ihr Mann ein Jahr älter. Manfred Wenzel sitzt auf der Couch, die Zeitung auf dem Schoß, ein schmaler Mann mit glatt gekämmten, weißen Haaren und einem wachen, prüfenden Blick. Ursel Wenzel macht frischen Kaffee, er ruft in die Küche, dass noch eine Tasse fehlt. Sie kommt mit Tassen und einer Kaffeekanne, dann lässt sie sich in den Sessel fallen.

Die Geschichte ihrer ersten Ehe beginnt vor 65 Jahren, am 13. November 1954. Das ist der Tag, an dem sie zusammengekommen sind. Obwohl Manfred Wenzel das so nicht sagen würde. Das wären nicht seine Worte.

Blumen zum Jahrestag - bis heute

Sie sind 15 und 16 Jahre alt, sind gerade in die neunte Klasse der Klement-Gottwald-Oberschule in Berlin-Treptow gekommen. Ihm fällt das Mädchen Ursel auf, katholisch wie er, ihm gefallen ihre freundlichen, warmen Augen. Sie erinnert sich auch, aber anders. „Einmal hab ich dir einen Spickzettel gegeben“, sagt sie. Er sucht ihre Nähe, besucht sie gemeinsam mit Schulkameraden bei ihrer Mutter. „Irgendwann waren die anderen weg, und nur er ist geblieben“, sagt Ursel Wenzel im Rückblick. Sie macht eine Pause und guckt zu ihm herüber, wie um ihm das Stichwort zu geben. Er pariert prompt: „Dann gab es eine nonverbale Annäherung.“ Das Mädchen mit den freundlichen, warmen Augen wehrt diese Annäherungen auch nicht ab. „Seitdem feiern wir den Tag, da krieg ich einen Blumenstrauß“, sagt sie und lächelt.

Die Wenzels sind seit sechs Jahrzehnten zusammen, da muss man keine großen Worte mehr machen um Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch. Sie reden über den Beginn ihrer Beziehung wie bei einem Staffellauf, einer sagt einen Satz, der andere nimmt ihn auf, führt ihn weiter. Und wenn es drum geht, wohin sie laufen, was das Ziel des Staffellaufes sein könnte, darüber waren sich offenbar schon Ursel und Manfred, die Halbwüchsigen, einig. „Wir guckten schon damals in dieselbe Richtung“, so sagt Ursel Wenzel es heute.

Eine Couch als Hochzeitsgeschenk

Fünf Jahre später heiraten sie, an einem Dezembertag zwischen Weihnachten und Neujahr in der katholischen Kirche St. Johannes in Johannisthal. Es ist das Jahr 1959, zwei Jahre vor dem Mauerbau. Ihre Eltern wollen ihnen zur Hochzeit etwas schenken und sie können wählen, was es sein soll: Lieber ein großes Fest oder eine Couchgarnitur für die erste gemeinsame Wohnung? Ursel und Manfred müssen nicht lange diskutieren, welches Geschenk sie für sinnvoller halten. „1500 Mark“, an den Preis der Couch mit Sessel erinnert sich Frau Wenzel heute noch.

Sie sind damals 20 und 21 Jahre alt. Wie für viele Frauen in ihrem Land ist es auch für die junge Ehefrau Wenzel Ende der Fünfzigerjahre selbstverständlich, ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie arbeitet als Chemotechnikerin, finanziert ihrem Mann das Chemieingenieur-Studium an der Beuth-Hochschule. Die Beuth-Hochschule liegt im Westteil der Stadt, der Katholik Manfred Wenzel ist in seiner Schulzeit in Treptow mehrfach drangsaliert worden, mit dem sozialistischen Bildungssystem will Wenzel nichts mehr zu tun haben. Noch kann man ohne großen Aufwand zwischen den Sektoren pendeln.

Sie heiraten 1959, zwischen Weihnachten und Neujahr in der katholischen Kirche St. Johannes in Johannisthal. Sie sind damals 20 und 21 Jahre alt.   
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Der 13. August 1961 ist ein Sonntag, die Wenzels wollen einen Ausflug mit Freunden nach Potsdam machen. Sie haben inzwischen einen kleinen Sohn, neun Monate alt, sie lassen ihn bei ihren Eltern. Als sie unterwegs sind, erfahren sie, dass Volkspolizisten den Sowjetsektor abriegeln. Seit dem frühen Morgenstunden wird in Berlins Mitte das Straßenpflaster aufgerissen, Asphalt und Pflaster wird aufgeschichtet und ein Stacheldrahtzaun ausgerollt. „Wir müssen rüber“, ist Manfred Wenzels erster Gedanke. Er hat sein Studium abgeschlossen, arbeitet als Chemieingenieur bei Borsig in Tegel, verdient gut, er will die Stelle nicht verlieren. Eine Zukunft in der DDR sieht er für sich nicht.

Die Berliner Mauer zerreißt die Familie

Er entscheidet spontan, dass er am gleichen Abend in den Westen geht, allein. Seine Frau und seinen kleinen Sohn will er nachholen. Es ist eine Entscheidung, die die Familie zerreißen und in eine tiefe Unsicherheit stürzen wird. Ursel Wenzel trägt im Bauch ihr zweites Kind, es soll im Herbst zur Welt kommen. Sie weiß nicht, ob und wann sie ihren Mann und den Vater ihrer Kinder wiedersehen wird. Im Rückblick verteidigt sie seine Entscheidung. „Ich war mir sicher, dass er mich holen würde“, sagt sie in ihrem Sessel in Wedding.

Es ist halb zehn abends, als Manfred Wenzel am Ufer des Teltowkanal steht, direkt unter der Stubenrauchbrücke in Johannisthal. Er hat sich angezogen, als ob er zur Arbeit geht, mit Anzug und Aktenkoffer. Er lässt sich ins Wasser gleiten. In der einen Hand hält er die Aktentasche, seine Kleidung saugt sich sofort mit Wasser voll. Zwei Spaziergänger auf der westlichen Seite bleiben stehen, Wenzel wird nervös. „Was glotzt ihr so, geht weiter“, ruft er ihnen zu. Daran erinnert er sich genau. Und noch heute, wenn er davon erzählt, wird seine Stimme lauter. Die Spaziergänger gehen weiter, sehen dann aber, wie der Mann im Wasser um sich schlägt und versucht, auf die andere Seite zu kommen. Sie drehen um und ziehen Wenzel aus dem Wasser. Ein Mannschaftswagen der Polizei bringt ihn ins Aufnahmelager Marienfelde.

Ursel Wenzel bleibt allein zurück. Sie muss ihren Mann bei den Behörden als verschwunden melden, muss sich die Vorwürfe ihrer Schwiegereltern anhören, die in die Fluchtpläne nicht eingeweiht waren. Ihre Mutter wird bei der Arbeit wegen des geflüchteten Schwiegersohnes schikaniert. Im Oktober kommt ihr zweites Kind, ein Mädchen zur Welt. Nach dem Erziehungsurlaub verliert sie ihre Arbeitsstelle und zieht mit den Kindern zur Oma in die Gartenlaube. Ursel Wenzel ist jetzt alleinerziehende Mutter zweier Kinder.

Ein Jahr vergeht. Sie bekommt Briefe, Pakete aus dem Westen. Hat sie nie gezweifelt, dass ihr Mann sie nachholen wird? Ursel Wenzel schüttelt energisch ihren Kopf: „Es war eine schwere Zeit, aber ich habe ihm vertraut.“ Sie spricht von einem Vertrauen, das mit einem heutigen Blick fast naiv anmutet.

Manfred Wenzel will seine Familie in den Westen holen

Wenzel in West-Berlin sucht derweil nach einer Lösung, wie er seine Familie retten kann. Nach einem Jahr im Westen lernt er über einen ehemaligen Mitschüler einen Mann kennen, der ihm helfen will. Reinhard Spiller. Ein Student, der selber nach dem Mauerbau abgehauen ist und seine Eltern später nachgeholt hat. Sie sprechen sich ab, Spiller will Ursel mit einem Wagen mit Alliierten-Kennzeichen und gefälschten Diplomatenpässen über der Checkpoint Charlie in den Westen holen.

Doch wie soll Wenzel seine Frau informieren? Alle Briefe werden geöffnet, Telefone abgehört. Wenzel, der Katholik, schickt ihr einen Brief mit einem Bibelzitat: „Wachet und betet, denn Ihr kennt nicht Ort und Stunde.“ Damit will er ihr sagen, dass sie in den nächsten Wochen möglichst stets zu Hause bleiben soll, um bereit zu sein, wenn ein Mann mit einem Alliierten-Kennzeichen vorfährt.

Wachet und betet, liest seine Frau. Sie erinnert sich nicht mehr dran, was sie damals gedacht hat. „Irgendwas, dass ich beten soll und die Hoffnung nicht verlieren“, sagt sie.

15 Monate nach Wenzels Flucht fährt ein schwarzer Opel Kapitän mit englischem Kennzeichen über den Checkpoint Charlie nach Johannisthal. Doch Spiller kehrt mit einem leeren Auto zurück, Ursel Wenzel war nicht zu Hause, sie hatte den Bibelspruch nicht verstanden. „Ich hab einen Wutanfall auf sie bekommen. Da organisiere ich das alles und Madame ist nicht da!“, erinnert sich Manfred Wenzel.

Am 20. November fährt Spiller wieder rüber. Diesmal ist Ursel Wenzel vorbereitet. Sie trägt einen knallroten Teddyfellmantel, „um westlich auszusehen“, sagt sie. Für ihre Kinder, ein und zwei Jahre alt, hat Spiller ein Schlafmittel mitgebracht, das Ursel Wenzel in die Milch mischt. „Das war nichts Gefährliches, kein Barbiturat“, sagt Reinhard Spiller auf Nachfrage.

Flucht mit gefälschten Diplomatenpässen

Es ist spät abends, als der Opel Kapitän mit englischem Kennzeichen am Checkpoint Charlie kontrolliert wird. Ursel Wenzel sitzt nervös auf dem Beifahrersitz, sie muss die ganze Zeit an ihre Kinder denken, die hinten betäubt im Kofferraum liegen. Sie hat Angst, dass sie aufwachen und weinen könnten. „Ich litt Todesangst“, erinnert sie sich. Nachdem Spiller die gefälschten Diplomatenpässe den Grenzsoldaten gezeigt hat, werden sie durchgewinkt. Sie fahren zuerst zu Manfred Wenzels Wohnung, der bangend wartete, und dann alle gemeinsam zum Krankenhaus Moabit, um die Kinder zu untersuchen. Zum Glück sind beide gesund und munter.

Die Familie kommt erst einmal in Manfred Wenzels Zimmer unter. Wenn das Paar heute über die dramatische Flucht redet, klingen sie recht nüchtern. Er erinnert sich dran, dass er es geschafft hatte, ein Kinderbett für die Kleinen auszuborgen.

Doch wie ging es ihnen als Paar? War es schwierig, nach der Trennung wieder zusammenzufinden? Ursel Wenzel überlegt nicht lang. „Wir waren zufrieden, dass wir zusammen waren“, sagt sie. Er sagt: „Ein Jahr später wurde unser drittes Kind geboren. Vielleicht beantwortet das Ihre Frage.“

Es ist eine neue Welt, die auf Ursel Wenzel einstürzt. Als sie das erste Mal einkaufen geht, staunt sie über die vollen Regale. Was es im Westen alles gibt! Im Obst- und Gemüseladen entdeckt sie Bananen, eine Rarität im Osten. Sie packt die Taschen voll, als habe sie einen Schatz gefunden und schleppt sie nach Hause. Stolz berichtet sie ihrem Mann: „Guck mal, heute gab es Bananen.“ Manfred Wenzel lacht heute noch, wenn er die Geschichte erzählt: „Bananen gibt’s hier jeden Tag, hab ich ihr gesagt.“ Er zieht sie ein bisschen auf, seine Ost-Frau. Sie tut so, als ob sie sich ärgert. Dann lachen beide zusammen.

Das ist die Zeit, in der die zweite Ehe beginnt, in der alle neu in ihre Rollen finden müssen. Die Kinder vermissen Oma und Opa. Der Mann, der ihr Vater sein soll, ist ihnen fremd. Auch das Leben ihrer Mutter ändert sich mit einem Schlag, sie wird mit den Kindern zu Hause bleiben, stellt sich auf ein neues Dasein als Hausfrau ein. So wie es damals in West-Berlin für Frauen üblich war. Bald kommt ein viertes Kind zur Welt. „Das war damals so üblich, Kindergärten gab es nicht und selbst wenn, hätten wir uns vier Plätze nicht leisten können“, sagt sie. Sie sieht das nicht als Opfer, sondern als Privileg: „Wir blieben zu Hause, nicht weil wir mussten, weil wir es wollten.“ Es ärgert sie, wenn heute behauptet wird, die Frauen im Osten seien so gleichberechtigt gewesen. Das hat sie anders in Erinnerung. „Die Löhne waren niedrig, die meisten Familien brauchten zwei Einkommen“, sagt sie. Sie kenne viele Frauen, die auch zu DDR-Zeiten lieber zu Hause geblieben wären, statt die Doppelbelastung zu ertragen.

Immer in die gleiche Richtung schauen

In den folgenden Jahren geht es vor allem darum, ihrem gemeinsamen Ziel nahezukommen. Sie sind sich in vielem ähnlich, schauen immer noch in die gleiche Richtung, lieber nach vorn als zurück, sie träumen von Wohlstand, Sicherheit. Sie träumen von ihren eigenen vier Wänden, einer zweiten Haut, einer Heimat.

Nichts verkörpert das besser als ein eigenes Häuschen. Beide arbeiten für dieses Ziel, ordnen andere Wünsche unter. 1966 ziehen sie in ihr Haus, um den Kredit abzubezahlen, verzichten sie, wo sie können. „Wer Eigentum will, muss auf Konsum verzichten“, sagt Manfred Wenzel im Rückblick. Kleidung für die Kinder näht seine Frau, sie achtet auf Sonderangebote, kauft Schweinehälften zum Einfrieren und Hundewurst, weil die billiger ist. Ein Auto haben sie nicht.

Ursel Wenzel hat wie die meisten Ehefrauen kein eigenes Konto. Jeder der Ehepartner erhält 100 Mark Taschengeld im Monat, über alle Ausgaben wird Buch geführt. Alle zusätzlich anfallenden Kosten muss sie extra verhandeln. „Als ich eine Küche wollte, hab ich mich durchgesetzt“, erinnert sie sich.

Hat ihr Mann sie bei der Arbeit im Haushalt unterstützt, Frau Wenzel? Sie antwortet schnell: „Er hat zugepackt, wenn ich Hilfe brauchte.“ Er ergänzt: „Am Wochenende hat einer sich um die Kinder gekümmert und der andere gekocht, da haben wir uns abgewechselt und innerhalb von einer halben Stunde war das Essen auf dem Tisch.“

Wenn man über den Familienalltag heute denkt, dann scheint das Schwerste am Leben mit kleinen Kindern zu sein, dass man als Paar die Verbindung hält. Man verwandelt sich vom Liebespaar in ein Managerteam, das sich nur noch organisatorische SMS schreibt. Wie blieb man sich damals nahe?

Miteinander sprechen und zuhören

„Wir hatten das Glück, dass es keine SMS gab. Wir mussten miteinander sprechen, zuhören“, sagt sie trocken. Ursel Wenzel wundert sich manchmal, wie sehr die jungen Mütter heute klagen. „Stress, Burn-out, das waren Worte, die kannte ich alle nicht“, sagt sie. Natürlich sei sie abends nach einem Tag mit den vier Kindern todmüde gewesen, wenn sie ins Bett gefallen ist.

Aber das sei es wert gewesen, für die Kinder, die Familie. „Nicht alles ist eine Last, was kein Vergnügen ist“, sagt sie.

Wenn sie Belastungen beschreiben, dann kamen sie meist von außen: Zum Beispiel, wenn seine Eltern aus Ost-Berlin einmal im Jahr zu Besuch kamen und gleich vier Wochen blieben. Da gab es Reibereien. „Meine Schwiegermutter konnte mir nichts recht machen“, erinnert sie sich.

Als sie etwa vierzig Jahre alt ist, stellt sie fest, was der Staat von ihrer Arbeit als Hausfrau hält. „Da merkte ich, dass ich gar keine Rente hab“, sagt sie.

Sie regt sich drüber auf, wie wenig die Arbeit von Frauen wertgeschätzt wird, ärgert sich, wenn in Zeitungen von „Frauen, die arbeiten“ und „Frauen, die nicht arbeiten“ die Rede ist. „Hausfrauen arbeiten auch“, sagt sie. Auch bei der Rente finden die Wenzels einen Kompromiss: Vom gemeinsamen Konto wird ein Teil ihrer Rentenbeiträge nachgezahlt. Sie beginnt eine Ausbildung als Hauswirtschaftsmeisterin und verdient etwas Geld für sich. Die Kinder werden größer, unabhängiger und auch Ursel Wenzels Horizont erweitert sich. Sie engagiert sich als Schöffin, in der katholischen Kirche, in der Frauenarbeit.

Wenzels Leitsatz heißt: „Wir haben uns nicht getrennt.“ Aber es ist wie so oft bei den Geschichten, die man sich selbst und anderen erzählt: Es ist nur ein Teil.

Es gab eine Trennung, auch bei dem Langzeitpaar Wenzel.

Die meisten Ehen in Deutschland werden nicht nach dem vermeintlichen verflixten siebten Jahr gelöst, sondern nach einer Ehedauer von 26 Jahren oder mehr, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Das ist eine Zeit des Wandels, wenn die Kinder aus dem Haushalt sind und sich die Partner noch mal neu zusammenfinden müssen.

2002 stellt sie ihn vor vollendete Tatsachen 

Manfred Wenzel liebt seine Frau immer noch, aber er hat ein aufbrausendes Temperament. Den Druck, den er bei der Arbeit spürt, gibt er zu Hause weiter. Ursel Wenzel ist unzufrieden, sie zweifelt an der Beziehung, aber sie sagt es nicht oder zumindest nicht ihrem Mann. Sie gucken nicht mehr in eine Richtung. Es ist keine Zeit, über die die beiden gern reden, auch heute noch nicht. Sie fängt an, heimlich nach Wohnungen zu suchen. 2002 stellt sie ihn vor vollendete Tatsachen: Sie zieht aus. „Das war ein Punkt, wo es nicht mehr ging“, sagt sie und schaut weg.

Wenzel ist geschockt und überfordert. Ursel ist die Liebe seines Lebens, er will sie nicht verlieren, aber weiß nicht wie. Eine Weile gehen sie getrennte Wege, er trifft eine andere Frau, beginnt eine Beziehung. Sie bleibt allein. Sich jemand Neuem zu öffnen, jemandem noch einmal von vorne alles zu erklären, das kann sie sich nicht vorstellen. Sie ist die Vorsichtigere von beiden.

Wie sind sie wieder zusammengekommen? „Es gab Druck von außen“, sagt er schnell.

Zusammen sein - in getrennten Wohnungen

Von außen? Wenzel denkt nach, redet mit den Kindern. Sie ermutigen ihn, dass er nicht einfach aufgibt, dass er kämpfen soll. Ursel Wenzel erinnert sich, „Er hat mich besucht, erst einmal und dann kam er immer wieder“, sagt sie. „Das war ein tastendes Annähern“, sagt er.

Fast wie damals, vor vielen Jahren in Johannisthal. Sie fing an, sich morgens auf seinen Besuch zu freuen. Irgendwann sagen sie, dass sie wieder zusammen sind, nur eben in getrennten Wohnungen.

Sie leben jetzt eine neue Form der Liebe, eine alte, eine erfahrene Liebe, kennen die Hochs und Tiefs des Lebens. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie etwas über sich und die Liebe gelernt. Selbst wenn man sich noch so nah ist, wird einen der andere nie ganz verstehen.

Wenn man erwartet, dass der andere einen komplett spiegelt, wird man unglücklich. „Mir hat mal der Pfarrer den Satz gesagt: Wo ich stehe, kannst du nicht stehen“, sagt Manfred Wenzel, das habe ihm geholfen. Sie ergänzt: „Der Partner ist wie ein Würfel, man sieht nie alle Seiten.“

Die Reaktionen in ihrem katholisch geprägten Freundeskreis auf die getrennten Wohnungen waren gemischt. Manche fanden es toll, andere verurteilten sie. „Sie sagen, das ist unmöglich, was ihr macht“, sagt Ursel Wenzel.

Wenn man sie fragt, was sie aneinander schätzen, wirken sie erschrocken, als sei die Frage zu intim.

Sie sagt: „Was man durchgemacht hat, das schweißt einen zusammen. Es gibt eine Vertrautheit, eine Geborgenheit, Verlässigkeit.“

Er sagt: „Es hat sich über die Jahre eine Symbiose entwickelt.“

Am 27. Dezember feiern sie ihren sechzigsten Hochzeitstag, mit den vier Kindern und vier Enkeln. Diamantene Hochzeit.