Filmemacherinnen kreierten ein Parfum, das nach Westpaket duftet.
Foto: Sabine Gudath

Berlin-KreuzbergVorsichtig sprüht Brit Grundel einen Hauch Parfüm aus einem eckigen Flakon auf den Pullover-Ärmel des Reporters. Er, im Jahr 1990 geboren, kann den Geruch nicht kennen – und trotzdem – es ist wie Magie – ist es plötzlich da, ein Gefühl der Gemütlichkeit, der Zufriedenheit. Das Parfum im Flakon heißt „Der Duft des Westpakets“, es ist die Essenz der Päckchen, die Westdeutsche einst an Angehörige und Freunde in der DDR schickten. Und die den Menschen im Osten ein Stück der bunten Vielfalt brachten, die ihnen selbst oft verwehrt blieb.

Das Parfum haben Brit-Jeannette Grundel und Maja Stieghorst entwickelt. Sie sind Filmemacherinnen, im Rahmen eines Doku-Projektes haben sie sich mit dem Geruch befasst, den die Westpakete verströmten. „Ich bin im Westen aufgewachsen, in der Nähe von Bielefeld“, sagt Stieghorst. „Wir hatten keine Verwandtschaft im Osten, haben keine Pakete verschickt.“ Erst als sie später für ihr Studium an der Filmhochschule nach Berlin zog, habe sie von Westpaketen gehört. 2008 lernte Maja Stieghorst ihre heutige Frau kennen. „Sie kommt aus Leipzig, bekam viele Pakete – und erzählte oft davon.“ Schon damals sei sie fasziniert davon gewesen, dass vor allem Menschen aus dem Osten stets ein Leuchten in den Augen bekamen, wenn es um die Päckchen ging.

Ein Film mit jahrelanger Recherche

Noch etwas Zeit verging, bis sie Brit-J. Grundel traf – und ihr von der Idee erzählte, einen Film zum Thema zu drehen. Grundel war sofort begeistert. „Ich hatte auch Erinnerungen an den Duft“, sagt sie. „Ich hatte aber lange mit niemandem darüber gesprochen.“ Sie und ihre Mutter hätten in der Zeit vor der Wende nicht viele Westpakete bekommen. „Ich weiß aber noch, dass in einem mal ein T-Shirt mit einem Regenschirm darauf war“, sagt sie. „Ich trug es, später meine Tochter, heute liegt es im Schrank.“ Die Vielfalt, die sie in den Päckchen vorfand, sei immer großartig gewesen. In einem anderen Paket war neben Schokolade auch ein Joghurt, erinnert sie sich. „Ich habe den Becher lange aufgehoben.“ Gemeinsam begannen sie zu forschen – bis der Film fertig war, sollte es noch Jahre dauern. „Aber in diesem Zeitraum wurde er zu unserem Herzensprojekt.“

Trailer zum Film "Der Duft des Westpakets"

Quelle: Youtube

Der Film „Der Duft des Westpakets“ erzählt von den Päckchen, von Kontrollen durch die Stasi, von Paketfreundschaften, die entstanden – „mit 25 Millionen Paketen pro Jahr war das Westpaket auch ein gesamtdeutsches Phänomen“, sagt Stieghorst. Vor allem aber geht es um die Suche nach dem Duft. „Zuerst packten wir viele Pakete mit Inhalten, die sich früher in Westpaketen befanden“, sagt Grundel. „Wir ließen sie stehen und warteten, ob sie den klassischen Duft entwickeln.“ Doch das funktionierte nicht. Dann stießen sie auf Tobias Schmidt, einen Mann aus Suhl, der sich schon mit dem Thema beschäftigt hatte. Gemeinsam fanden sie Uwe Herrich, einen Parfümeur – das war der Durchbruch.

„Er legte die einzelnen Komponenten in Alkohol ein, destillierte sie, kreierte aus den Nuancen den fertigen Duft.“ Nach Kaffee, Schokolade und Seife riecht das Westpaket-Parfüm , auch ein wenig nach Gummibärchen, Waschmittel, Fruchtbonbons, Brühwürfel, Backpulver und Pappkarton. Das Parfüm kann man auch kaufen, vorerst nur, wenn der Film gezeigt wird: für 19,89 Euro – der Preis erinnert an das Jahr des Mauerfalls. Bei Filmvorführungen sprühen Grundel und Stieghorst den Duft in den Zuschauerraum. „Manchmal sind wir nach den Filmvorführungen noch zwei Stunden im Kino, dann erzählen uns die Gäste ihre Westpaket-Geschichten.“