Berlin - Mehr als 35.000 Kilometer Kabel und Leitungen, 79 Umspannwerke, 11.000 Netzstationen und 16.700 Verteilerkästen. Das ist das Netzwerk, mit dem in Berlin über 2,3 Millionen Haushalte mit Strom versorgt werden. Seit etwa zwei Jahrzehnten garantiert das der schwedische Energiekonzern Vattenfall. Mit seiner 100-prozentigen Tochter Stromnetz Berlin betreibt er das hiesige Elektroenergiegeflecht. Doch das wird sich nun ändern.

Das Land Berlin nimmt die Stromversorgung in der Stadt wieder in eigene Hände. Wie die Senatskanzlei am Dienstag mitteilte, habe das landeseigene Unternehmen Berlin Energie im Konzessionsverfahren für das Stromnetz „das beste Angebot abgegeben“. Damit bekommt Berlin Energie den Zuschlag für den Betrieb des Berliner Stromnetzes in den nächsten 20 Jahren.

Vattenfall kann gegen die Entscheidung noch klagen

Die Vergabekammer des Berliner Senats hatte die Konzession für das Stromnetz neu zu vergeben, die 2014 ausgelaufen war und die zuletzt Vattenfall besaß. Hintergrund: Das Land Berlin hatte 1997 seine Anteile an der Bewag abgegeben, Vattenfall übernahm 2001 die Mehrheit. Für die Neuvergabe der Konzession hatten sich das landeseigene Unternehmen Berlin Energie, Vattenfall sowie die Genossenschaft BürgerEnergie beworben.

Mit der Entscheidung der Vergabekammer darf sich der Berliner Senat nun bestätigt fühlen. Schließlich hatten die Regierungsparteien den Rückkauf des Berliner Stromnetzes bereits in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben: „Die Koalition strebt eine 100-prozentige Rekommunalisierung des Stromnetzes an.“ Allerdings steht es nun Vattenfall frei, gegen die Entscheidung der Vergabekammer zu klagen.

Opposition zur geplanten Übernahme des Stromnetzes in Berlin: „Rot-rot-grüner Fehlkauf“

Beim Gewinner, dem 2012 gegründeten Unternehmen Berlin Energie, ist man dennoch hoffnungsvoll. „Das ist ein ganz wichtiger Etappensieg“, sagte Unternehmenschef Wolfgang Neldner am Dienstag der Deutschen Nachrichtenagentur. Und da Berlin Energie selbst nur zwölf Mitarbeiter hat, sicherte er zu, alle Stromnetz-Berlin-Beschäftigten zu übernehmen: „Das wird selbstverständlich eine Eins-zu-eins-Übernahme ohne Wenn und Aber.“ Umsonst gibt es die Kabel, Leitungen und Umspannwerke allerdings nicht. Neldner geht davon aus, dass Vattenfall etwa 1,5 Milliarden Euro für das Netz verlangen kann.

In der Opposition würde man die Übernahme indes am liebsten auf ewig verschieben. Der geplante Erwerb des Stromnetzes sei ein „Rot-rot-grüner Fehlkauf“, der sich für die Berliner nicht rechnen werde, ließ etwa Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, verbreiten. „Der Senat betreibt eine Politik unter dem Motto: Verstaatlichen, koste es, was es wolle.“ Denn es bleibe die Frage offen, „was dieses Geschäft den Berlinern an Vorteilen bringen und warum das Land der bessere Netzbetreiber sein soll.“ Auch bei der hiesigen Industrie- und Handelskammer ist man eher skeptisch: „Wer mit der Erwartung günstigerer Strompreise und mehr erneuerbarer Energien an die Rekommunalisierung geht, wird enttäuscht werden.“

Rekommunalisierung des Berliner Stromnetzes bietet mehr Steuerungsmöglichkeiten 

Ist das so? Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, kontert. Für die Umweltökonomin ist die Rekommunalisierung gerade hier „absolut sinnvoll“ und vielversprechend. Die Stadt habe sich zahlreiche Energiewendeziele vorgenommen, die um einiges konsequenter vorangetrieben werden können, wenn Berlin auch Eigentümer der Infrastruktur ist, sagte Kemfert im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Für sie biete die Rekommunalisierung zusätzliche Steuerungsmöglichkeiten für die Energiewende. Etwa, wenn Berlin die Solarstromerzeugung radikal ausbauen und den Sonnenstromanteil auf ein Fünftel anheben will. Ein Milliardengrab erwartet die DIW-Energieexpertin hingegen nicht. „Unsere Studien zeigen, dass kommunal betriebene Stromnetze nicht weniger profitabel sind als privat geführte.“ Insofern sei auch keine Verteuerung des Stroms zu befürchten. Die Stromnetze sind durchaus profitabel, wenn nicht teure Quersubventionierungen stattfinden. Kemfert: „Es spricht nichts gegen die Rekommunalisierung.“

Berliner waren durchschnittlich 13,7 Minuten ohne Strom

Tatsächlich ist das Berliner Stromnetz hochprofitabel. Mehr als 100 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet die Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin im Jahr. Zudem gilt es als zuverlässig. Abgesehen von dem jüngsten Stromausfall in Köpenick, der mit 30 Stunden und mehr als 31.000 betroffenen Haushalten sowie fast 2000 Betrieben der größte der vergangenen Jahrzehnte in Berlin war, sind Stromausfälle vergleichsweise selten. Im Schnitt war im vergangenen Jahr jeder Berliner 13,7 Minuten ohne Strom. Das waren vier Minuten weniger als im Jahr zuvor.

Die Bundesnetzagentur bescheinigt dem aktuellen Betreiber sogar eine sogenannte Supereffizienz, die mit einem Innovationsbonus von jährlich drei Millionen Euro verbunden ist. Laut Stromnetz Berlin seien stabile Netzentgelte für die Kunden die Folge. Tatsächlich sind die Berliner Netznutzungsentgelte im deutschen Vergleich besonders niedrig. Sie liegen genau 1,4 Cent je Kilowattstunde unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.