Sicher zeigt das Programm des diesjährigen Denkmaltags – 112 Seiten dicht gepackt mit Veranstaltungen, Führungen, Vorlesungen – auch viel Traditionelles
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BerlinAls vor relativ kurzem – Corona verlängert alle Perspektiven – das ICC und die Diesterweg-Schule in Wedding in die Denkmalliste eingetragen wurden, zwei in wirklich jeder Hinsicht herausragende Bauten der 1970er-Jahre-Moderne, die schon seit mindestens einem Jahrzehnt Kandidaten waren, aber aus rein politischen Gründen nicht geschützt werden durften, fragte sich mancher: Hat Berlin denn gar keine traditionell schönen Häuser mehr, die man schützen sollte?

Sicher zeigt das Programm des diesjährigen Denkmaltags – 112 Seiten dicht gepackt mit Veranstaltungen, Führungen, Vorlesungen – auch viel Traditionelles. Etwa Bauernhäuser, Gutshäuser, Kirchen, die toll gemauerten Keller des einstigen Vieh- und Schlachthofs an der Voltastraße in Gesundbrunnen aus den 1870er-Jahren, die sonst immer geschlossen sind. Da sind die prachtvollen Arbeiterpaläste an der einstigen Stalinallee, seit 1966 Karl-Marx-Allee, mit denen die SED die Zustimmung der Arbeiter zu ihrer Diktatur erkaufen wollte. Der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain wird neu als rassistisch geprägtes Machwerk erklärt – nun ja, fragt man sich schnell, geht’s nicht etwas weniger postkolonial-pathetisch? Nahe dem aus Ruinen geretteten barocken Schustherus-Haus in Charlottenburg zeigt der Denkmalenthusiast Rainer Leonhardt, was man alles mit gebrauchten Baumaterialien machen kann; das Topthema der Zeit, Re-Use, ist für ihn seit Jahrzehnten der Normalfall.

Und doch: Berlin ist eine Stadt der Moderne. Selbst in scheinbar alten Bauten versteckt sie sich. Etwa in der St. Hedwigs-Kathedrale in Mitte. Am Sonnabend von 10 bis 16 Uhr kann man – mit Maske und Abstand – das ausgeräumte und zerschlagene Innere des Kirchenbaus betrachten und sinnieren darüber, wie wenig Macht in Berlin der Denkmalschutz hat, wenn nur die richtigen Investoren insistieren. Hier war es das Erzbistum Berlin, das die radikale Neugestaltung seiner Kathedrale durchsetzte. Dabei predigt der Papst doch neue Bescheidenheit und Rücksicht auf die Natur. Hier aber werden Baumaterialien verschwendet, als würde das nicht längst als Klimakiller Nr. 1 kritisiert.

Dass dieses Projekt in einem Denkmaltag, der sich ausdrücklich der Nachhaltigkeit im Bauen gewidmet hat, besichtigt werden kann, ist ein Treppenwitz.

Berlin wird in diesem Jahr 100 Jahre alt, folgerichtig sollte man sich eigentlich vor allem einmal mit der Geschichte Berlins nach 1920 beschäftigen und etwa das schmale, aber hervorragend von Friedhelm Hoffmann illustrierte und hoch informative Buch von Nicola Bröcker, Celina Kress und Simone Oelker „Neu, groß, grün. 100 Jahre Architekturmoderne im Berliner Südwesten“ in die Hand nehmen (Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, 88 S,, 19,95). Es lädt ein zu einer Wanderung durch Steglitz und Zehlendorf: Der U-Bahnhof Onkel-Tom mit seiner Shopping-Galerie ist bis heute ein Modell, wie man Einkaufen und Verkehr elegant verbinden könnte. Die Siedlungen von Bruno Taut sind weltbekannt – aber unweit davon steht nicht nur die vergleichbar modernistische, ihrer elektrischen Beheizung wegen als „Rauchlose Siedlung“ bezeichnete Anlage von Paul Mebes. Das Kupferhaus oder die Villen der Gebrüder Luckhardt an der Schorlemer Allee zeigen auch heutigen Bauherren noch, dass nicht ausufernder Materialluxus und blanke Platzverschwendung, sondern Zurückhaltung und Platzeffizienz wahre Kultur auszeichnen.

Wie wohnte eigentlich Hans Scharoun in Charlottenburg? Sehen Sie es sich an. Und wem es nach all dieser Moderne dann doch reicht, wer das Hansaviertel genossen und die Einschusslöcher an der Viehofmauer als das erkannt hat, was sie sind – nämlich ein Dokument des 8. Mai 1945 –, wer die Wohnstadt Carl Legien durchmaß und sich wunderte, warum es heutigen Städtebauern so schwerzufallen scheint, derart kluge Siedlungen zu bauen, der wende sich nach Südosten: Das Gründerzeitmuseum macht wieder auf, Charlotte von Mahlsdorfs ureigenste Schöpfung, die die angeblich gute alte Zeit so hemmungslos feiert, dass auch dem Letzten schnell klar wird: Die Moderne hatte ihren Grund, war auch eine Befreiung von soziale und kulturelle Konflikte verdeckender Pracht.

Tag des Offen Denkmals: 12–13 September

www.berlin.de/denkmaltag.

Alle Termine mit Vorbehalt und selbstverständlich nur mit Maske und Abstand wahrzunehmen.