Berlin - Lässt sich mit einer App die Badewasserqualität der Spree vorhersagen – und zwar in Echtzeit? Können Temperatursensoren anzeigen, an welchen Stellen Schmutzwasser ohne Genehmigung in Kanäle eingeleitet wird? Lassen Daten von Messgeräten erkennen, wo in den nächsten Stunden Überflutungen durch Starkregen drohen?

Mit diesen Fragen befasst sich das Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) im Rahmen eines europäischen Projekts, das am Donnerstag im CityLab Berlin am Platz der Luftbrücke vorgestellt wurde. Unter dem sperrigen Titel „Digital-Water.City (DWC)“ werden in den nächsten dreieinhalb Jahren in Berlin, Paris, Sofia, Kopenhagen und Mailand moderne digitale Technologien erprobt.

„Berlin spielt im Bereich des digitalen Wassermanagements eine führende Rolle in Europa“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Christian Rickerts. Nun springe die Stadt „mit einem Kopfsprung in dieses neue internationale Projekt“.

Es soll die Wasserversorgung und -entsorgung effizienter machen und einen „Beitrag zum nachhaltigen Energie- und Ressorceneinsatz“ leisten. Und das mit digitalen Mitteln.

Wasser: Moderne Kameras liefern dreidimensionale Bilder der Kanäle 

All dies passiert vor dem Hintergrund der Klimaentwicklung der vergangenen Jahre. In Berlin zeigen sich vor allem zwei Extreme: anhaltende Trockenheit und überhitzte Stadtquartiere auf der einen Seite, überflutete Straßen, unter Wasser stehende Keller und verschmutzte Badegewässer auf der anderen Seite. Plötzliche Wechsel sind möglich. Während Berlin derzeit im Schnitt elf sogenannte Starkregenereignisse pro Jahr erlebt, könnten es laut Schätzungen künftig 15 bis 17 pro Jahr sein. Dann kommt es in kürzester Zeit zu einer Überlastung der historischen Mischwasserkanäle in der Innenstadt.

Ein Teil des Regenwassers fließt mit ungereinigtem Abwasser in die Spree. Um künftig schneller Voraussagen zu treffen, wo solche Überläufe drohen, sollen Online-Sensoren eingesetzt werden. Denn Starkregen verteilt sich nie gleichmäßig über der Stadt. Prognosetools sollen die Früherkennung von Überlastungen des Kanalnetzes und der Kläranlagen ermöglichen.

Wie Jörg Simon, Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe, erklärte, könne die Stadt dann rechtzeitig reagieren, Wehre hochziehen und Wasser zurückhalten. Zur Reduzierung des Regenüberlaufs erweitert Berlin bis 2024 das Volumen von Stauraumkanälen, Rückhaltebecken und sogenannten Abwasserparkplätzen auf etwa 400.000 Kubikmeter.

Im CityLab Berlin stellte das Kompetenzzentrum Wasser auch moderne Kameras vor, die durch die Kanäle fahren und dreidimensionale Bilder über deren Zustand liefern – in Echtzeit am Monitor auswertbar. Entwickelt und getestet wird weiterhin eine Mobile-App, die Mitarbeiter bei der Wartung und Reinigung von Brunnen nutzen können.

In Berlin entwickelte Badegewässer-App soll Wasserqualität steigern 

Auch die Badegewässerqualität soll laufend kontrolliert werden. Dazu entwickelte man in Berlin Online-Sensoren, die per Handy angesteuert werden können, um in gewissen Zeitabständen Daten zu erhalten, etwa über die Konzentration des Kolibakteriums E. coli, das Infektionen auslösen kann. 

Zurzeit wird an einem Gerät in der Spree nahe dem Bode-Museum getestet, ob die digitalen Messwerte mit gleichzeitig erhobenen Laborwerten übereinstimmen. Einsetzbar sei die Technik etwa dann, wenn es Kanalüberläufe durch Starkregen gebe, sagte Wolfgang Seis, Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Wasser.

Zugleich wolle man mit Methoden des Maschinellen Lernens Vorhersagemodelle zur Wasserqualität an offiziellen Badestellen schaffen.

Die in Berlin entwickelte Badegewässer-App wird im Rahmen des EU-Projekts in Paris auf die Bedingungen der Seine angewandt. Ziel ist es, deren Wasserqualität bis zu den Olympischen Spielen 2024 zu verbessern, damit die Schwimmwettbewerbe in der Seine stattfinden können.