Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke).
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEin wenig sieht es aus wie in einem Hotel. In dem kleinen Zimmer stehen zwei Betten, über einem hängt ein Foto von einer beeindruckenden Landschaft: unter blauem Himmel schlängelt sich ein Wanderweg durch die sattgrünen Wiesen einer kraftvollen Hügellandschaft. Auf dem ordentlichen hergerichteten Bett darunter liegt ein kleines Empfangsgeschenk: zwei Handtücher, eine Zahnbürste, Zahnpasta und ein kleiner Zettel, auf dem in sechs Sprachen steht: „Du bist wertvoll.“

Erst auf dem zweiten Blick fällt auf, dass das Bett ein Krankenhausbett ist – und der Raum ist auch kein Hotelzimmer, sondern für Obdachlose bestimmt. Es ist aber keine normale Unterkunft – dafür wäre sie wirklich sehr schön eingerichtet –, sondern es ist eine Krankenstation. „Es ist die bundesweit erste Quarantäne-Station für wohnungslose Menschen“, sagt Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). „Wir hoffen, dass auch andere Städte diesen Weg gehen.“

Dann beschreibt sie das Dilemma für Obdachlose, wenn bei ihnen Covid-19 nachgewiesen wird und sie keinen schweren Verlauf haben. „Anderen Patienten wird gesagt, dass sie nun zu Hause bleiben sollen, das klingt für Obdachlose wie ein Hohn“, sagt sie. „Sie haben keines.“

Das Problem sei, dass Obdachlose ihre Aktivitäten nicht einfach einstellen können, das Flaschensammeln, das Betteln. Es bestehe die Gefahr, dass infizierte Obdachlose andere Leute anstecken. Deshalb gibt es nun für sie diese Station.

„Es ging unglaublich schnell, die Station einzurichten“, sagt die Senatorin. Die Kosten teilen sich Senat und Bezirk. Die Station befindet sich auf dem Gelände der Stadtmission. Das ist ein evangelischer Verein, der nicht von der Kirche finanziert wird, sondern von Spenden lebt.

„Der Beschluss für die Station fiel am 23. April“, sagt Martin Zwick, Vorstand der Stadtmission. Am 13. Mai wurde sie nun fertig – und ab Montag können Patienten kommen. Es ist unklar, wie viele Obdachlose erkrankt sind.

„Aber die Charité hat sich an uns gewendet, weil es Leute gibt, die vom Krankenhaus in häusliche Quarantäne sollten, aber kein Dach über dem Kopf haben“, sagt Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). Diese Hilfe-Lücke sei nun geschlossen.

Wie groß der Bedarf ist, wird sich zeigen. „Wir führen keine Statistik“, sagt Lukas Murajda vom Gesundheitsamt Mitte. Aber zum Beispiel seien gerade sieben jugendliche Obdachlose getestet worden. „Ich bin sicher: Die Station wird schnell voll.“

An der Tür zur Station warnt ein Schild: „Achtung Covid-19“. Dahinter ist eine Schleuse: Der Raum wird durch eine dicke rote Linie geteilt. Rechts der Bereich „Low Risk“ – geringes Risiko. Links der Bereich: „High Risk“ – hohes Risiko. Wer die rote Linie überschreitet, um zu den Zimmern mit den 16 Betten zu gelangen, muss Schutzkleidung anziehen. „Es handelt sich um hochansteckende Erreger, wir müssen dafür sorgen, dass sie hier drin bleiben“, sagt Luise Rust, die Koordinatorin der Station. Sie ist 24 Jahre alt. Die Medizinstudentin verzichtet bis Juli auf die Online-Vorlesungen, um die Kranken zu betreuen.

In der einen Etage ist sonst eine Pflegestation für Obdachlose, die andere Etage wird im Winter als Unterkunft für Frauen genutzt. Nun gibt es dort Schlafräume, Duschen, Aufenthaltsräume, Regale voller Bücher in etlichen Sprachen, Fernseher – und einen Raucherraum. Auch Alkohol und Drogen können unter fachlicher Aufsicht verabreicht werden – wenn ein plötzlicher Entzug lebensgefährlich wäre. „Wir sind uns der Probleme der Obdachlosen bewusst“, sagt Stationsleiterin Rust. Viele der ärmsten der Armen haben Krankheiten, Wunden, Parasiten, psychische Probleme oder Suchterkrankungen.

Die Stadtmission dankt den Berlinern für die vielen Spenden, die nun an Hilfsbedürftige verteilt werden können. „Wir fallen unter keinen staatlichen Rettungsschirm“, sagt Martin Zwick von der Stadtmission. „Unser Rettungsschirm sind die Berliner, die uns mit ihren Spenden und ihrem ehrenamtlichen Engagement helfen.“ Das sei wichtig: Denn mit der Pandemie hätten sehr viel andere Hilfsangebote ihre Arbeit eingestellt. „Damit war klar, dass wir mehr machen müssen“, sagt Zwick.