„Ich bin ein sehr uncooler Mensch, und ich liebe es!“ So steht es in Danny Reinkes Whatsapp-Profil, auf Englisch. Kokettiert er mit seiner Kindheit auf dem Dorf? Münzt er den Stil seines Labels, die „German Nerdiness“ auf seine Persönlichkeit? Sicher ist: Auf der Berliner Fashion Week würden sie wohl widersprechen. Zum ersten Mal war Reinke im Januar 2017 dabei. Die Senatswirtschaftsverwaltung fördert inzwischen sein Schaffen – sowohl vorigen Sommer als auch bei der Kollektion, die Danny Reinke an diesem Mittwoch präsentiert. Wie uncool kann jemand sein, der den Zeitgeist derart überzeugend modisch interpretiert?

Besuch in Danny Reinkes Atelier, auf der Insel Eiswerder in Spandau: Der 26-Jährige bietet an, einen Stuhl in den Flur zu holen, wo er für die Kamera posiert, damit man sich setze. In der Werkstatt serviert er Wasser in Kristallgläsern. Die sind vielleicht ein bisschen retro. Reinke aber ist zuvorkommend.

Vier bis fünf Stunden Schlaf bekommt der Jungdesigner in den Nächten vor einer großen Show, so auch an diesem Freitag vor der Fashionweek. Man merkt es ihm nicht an. Reinke sitzt mit geradem Rücken auf der Sofakante, der Blick ist wach. „Heute Nacht ist meine Deadline, aber ich weiß schon, dass ich sie nicht schaffen werde“, sagt er ernst aber unbesorgt und weist auf die Schneiderpuppe neben dem Couchtisch. Dem Rock ihrer Robe fehlen noch einige Stufen Tüll; eine der ausstehenden, „tausend Kleinigkeiten“. Ansonsten seien sie aber so gut vorbereitet wie noch nie.

Ist Hellblau das richtige Blau?

Die Gelassenheit täuscht. Dieser Tage ist Danny Reinke sein Herz mindestens zweimal in die Hose gerutscht. Das erste Mal, als die Zusage des Staatssekretärs der Wirtschaftsverwaltung kam, dann, als eine wichtige Influencerin ihre Teilnahme bestätigte. „Oh Gott, jetzt muss ich abliefern“, dachte Reinke.

Spätestens seit fünf Jahren gilt Reinke der Branche als Impulsgeber, 2014 wurde seine Abschlussarbeit mit dem European Fashion Award ausgezeichnet. Das Interesse ist seitdem andauernd gewachsen. Fragt man den Nachwuchsdesigner nach dem Druck, der auf ihm lastet, formuliert er lieber unpersönlich, als fürchte er, zimperlich zu wirken.
Dabei ist Danny Reinke alles andere als zart besaitet. Kurz vor Weihnachten hat er schwer erkältet durchgearbeitet. Reinke zuckt mit den Schultern: „Das Prinzip heißt: Friss oder stirb.“

Ohnehin stellt Danny Reinke perfektionistische Ansprüche an sich selbst. „Meine Vision, die ich im Kopf habe, muss hundertprozentig auf der Puppe oder auf dem Laufsteg zu sehen sein, damit ich zufrieden ins Bett gehen kann“, sagt er. Ist Hellblau wirklich das richtige Blau? Sieht die Kollektion nicht zu sommerlich aus? War die Musikwahl richtig? Solche Fragen treiben den jungen Mann um, aber auch an. Halt findet er in der Heimat, via Telefon: „Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Papa angerufen habe in den letzten Tagen!“Danny Reinke kommt aus Mönkebude, einem Fischerdorf in Mecklenburg-Vorpommern. 

Fahmoda Akademie für Mode und Design - ein Löwenkäfig

Sein Vater, selbst Fischer wie schon der Großvater, reparierte die Arbeitskleidung daheim. Danny war sechs oder sieben Jahre alt, als ihm sein Vater erklärte, wie man an der Maschine näht. Der Junge liebte es zu zeichnen, und nachdem er im Kunstkurs die Mode entdeckte, stand fest, dass er mit der beruflichen Familientradition brechen wird. Statt seine Zeit mit dem Wirtschaftsabitur zu „vergeuden“, wie er es nach eigener Aussage empfunden hätte, ging er mit dem Segen der Eltern nach Hannover, um Modedesign und Damen-Maßschneiderei zu lernen.

Erzählt Reinke von seiner Zeit an der Fahmoda Akademie für Mode und Design, spricht er von einem Löwenkäfig. „Ich saß im Theorieunterricht und wusste nichts“, erinnert er sich. Friss oder stirb. Damals, mit 17, kannte er weder Künstler noch Designer. Seinen Kommilitonen fiel der Junge vom Dorf kaum auf, weil er so still war. Prompt vergeigte sein erstes Moodboard, sein erstes Konzept.

Der Durchbruch gelang mit Haute-Couture und dem Material, das noch heute seine Kollektionen durchwirkt: Tüll. Reinke hatte eine Silhouette gezeichnet, die nur mit dem netzartigen Gewebe realisierbar war. „Als ich mit dem Kleid die Show schließen durfte, war das so: Hallo, hier bin ich“, erzählt er. Seinen ersten Preis, den Goldenen Charlie, gab es obendrauf. Nach Praktika und einem Abstecher in die Industrie zog Reinke nach Berlin und gründete sein Label.

Geheime Gelüste, im Zaum gehaltene Dämonen, entfesselte Werte: Danny Reinkes Kollektionen basieren auf spannungsgeladenen Konzepten. Der Faktor Bequemlichkeit sei dabei ebenso zentral wie Funktionalität, weshalb die meisten Designs Taschen haben. Als studierter Designer möchte Reinke wie seine Vorbilder John Galliano und Alexander McQueen Welten erschaffen. Sind die Entwürfe vollendet, steht für den gelernten Maßschneider das Handwerk im Mittelpunkt.

Den roten Faden bildet eine gewisse Spießigkeit, die gebrochen wird. Dafür kombiniert Danny Reinke vermeintliche spießige Materialien wie Schurwolle und Cord sowie Karomuster mit knalligen Farben und sinnlichen Stoffen wie Brokat und Seide. „Dadurch wird der Nerd-Look cool“, sagt er. „German Nerdiness“ nennt man das bei Danny Reinke. Würde er dem deutschen Klischee entsprechend, auch Models mit Socken in Schlappen über den Laufsteg schicken? „Kann kommen, ich hätte kein Problem damit“, sagt er und grinst.

Vater und Sohn basteln einen Pulli

Schon seine Abschlusskollektion spielte mit dem Bewährten, wobei er sich von der Fischerei inspirieren ließ. Als sein Vater davon erfuhr, war er skeptisch. Als er die mit maritimen Elementen gespickte Kollektion erstmals sah, war er begeistert. Gemeinsam knüpften Vater und Sohn einen Pullover aus Seilen.

Dass Reinkes Tüllkleider nichts vom zarten Prinzessinnentraum haben, passt zum modernen Look, den er kreieren will. Für seine jüngste Herbst/Winter-Kollektion „Tempting Beast“ interpretierte er den Stoff düster, indem er Roben in Schwarz entwarf und mit trendigen Baker-Boy-Mützen kombinierte. Besagtes Karo zierte diesmal züchtige, wadenlange Röcke. Aufwendige Perlenstickereien verwandelten Basics wie Longsleeves im Nude-Ton und schwarze Bomberjacken in spektakuläre Hingucker, denn die Motive waren mythische Fabelwesen in dunkel schillernden Farben. Ein Hauch von Grunge und Gothic wehte durch die Entwürfe aus „Tempting Beast“, ohne die Trägerinnen als Randgestalten der Gesellschaft darzustellen. Diese Mode ist wohldosierte Extravaganz und tragbar, ohne gewöhnlich zu sein.