Die Archäologin Claudia Maria Melisch an einer Mauer des Fundaments der von ihrem Team ausgegrabenen Alten Lateinschule auf dem Petriplatz.
Foto: BLZ/Markus Wächter

Berlin-MitteAm Petriplatz wächst das neue Archäologische Haus, ein Zentrum für die Forschung über die Ursprünge Berlins. An diesem Ort hat die Archäologin Claudia Maria Melisch die Petrikirche, den historischen Friedhof und die Alte Lateinschule mit  ausgegraben. Die wissenschaftliche Erforschung der Funde fördert immer neue Erkenntnisse über die Ursprünge der Stadt zutage. Andererseits hat Berlin in zwei Universitäten keinen einzigen Lehrstuhl für Stadtgeschichte. Im Gespräch am Rande der Baustelle für das Archäologische Haus erläutert die Archäologin, warum das ein fataler Fehler ist.

Frau Melisch, wozu braucht die Stadt ein Archäologisches Haus?

Kaum ein Berliner, kaum eine Berlinerin – und schon gar nicht unsere vielen Gäste – wissen, dass sie es mit einer Stadt aus dem Mittelalter zu tun haben, die eigentlich aus zwei Stadtkernen bestand. Den einen am Nikolaiviertel kann man noch sehen, dorthin gehen auch Touristen. Der andere lag hier am Petriplatz. Wer sich aber hier umschaut, kann sich kaum vorstellen, dass man sich im Zentrum einer mittelalterlichen Stadt befindet. Hier standen seit dem 13. Jahrhundert die Petrikirche, die Alte Lateinschule, das Cöllnische Rathaus. Um die Kirche herum haben wir seit 2007 mehr als 3000 Gräber der alten Cöllner geborgen.

Was wird in dem neuen Haus beheimatet sein? Wann wird es eröffnet?

Im Untergeschoss werden voraussichtlich ab Oktober 2022 die Fundamente der Alten Lateinschule – eine der ältesten bekannten Bildungseinrichtungen der Stadt – zu sehen sein. Im Obergeschoss bringen wir die Berlin-Funde unter. Besucher können den Archäologen und Restauratoren bei der Arbeit zusehen. Wir möchten zeigen, wie nach der Ausgrabung aus den Funden Geschichte entsteht.

Blick über die Baustelle auf dem Petriplatz: Im Vordergrund entsteht das Archäologische Haus. Dahinter die mit weißen Planen abgedeckten Mauern der Alten Lateinschule, die in den Komplex integriert werden. Dahinter soll das House of One enstehen. Wo heute das Hotel Capri steht (hintere Bildmitte) befand sich über Jahrhunderte das Rathaus der Stadt Cölln.
Foto: BLZ/Markus Wächter



Solch ein Neubau zeugt von Wertschätzung für die Archäologie. Wie kam es dazu?

Am Petriplatz ist etwas Besonderes passiert. Eigentlich sollte ein relativ einförmiger Platz entstehen. Doch die Entdeckung der alten Fundamente und der vielen Gräber löste ein Umdenken aus. Zum ersten Mal wurde dieser Ort als ein ganz besonderer wahrgenommen. Man verstand, dass die alten Fundamente einen Teil Stadtgeschichte einfassen – wie ein Bilderrahmen.  

Wie erklären Sie sich den Bedeutungszuwachs für die Archäologie?

Durch die radikale Umgestaltung in Berlin-Mitte in den vergangenen Jahren ist zumindest in Teilen der Bevölkerung ein Bedürfnis entstanden, auch die Ursprünge der Stadt sichtbar zu behalten. Das wenige aus dem Mittelalter Erhaltene liegt im Stadtbild derart zerstreut, dass man kaum einen Überblick gewinnt. Das muss erzählt werden. Genau das wollen wir machen.

Sehen Sie auch ein wachsendes Interesse für die Berliner Geschichte überhaupt?

Auf jeden Fall. Diese Wertschätzung ist wohltuend und erinnert uns Archäologen daran, wie wichtig es ist, die Ergebnisse unserer Arbeit und deren Bedeutung zu vermitteln. Am Petriplatz wurde ein Dialog mit der Stadtgesellschaft mitbegründet. Berlin gefällt sich ja darin, sich immer wieder neu zu erfinden – aber inzwischen haben wir uns so oft neu erfunden, dass kaum noch Anklänge an die Anfänge zu finden sind.

Wer ist die treibende Kraft für das wachsende Interesse – die Politik oder die Bürger?

Bei der Arbeit am Petriplatz habe ich erfahren, dass die Berliner ihre Stadt lieben und dass es einen großen öffentlichen Bedarf an moderner Vermittlung von Stadtgeschichte gibt. Wir leben ja nicht mehr in einer Zeit, in der jeder bloß mal ins Museum geht, sondern es wird auf vielen Ebenen digital vermittelt, oder es gibt virtuelle Stadtrundgänge. Da müssen die Anfänge der Stadt eine Rolle spielen. Die Politik hat sich lange nur zögerlich in das Thema eingedacht. Es gibt immer noch viel zu viele Politiker, die noch nicht am Petriplatz gewesen sind und nicht wissen, dass Berlin eigentlich aus zwei Städten entstanden ist.

Berlin hat vor fünf Jahren seinen letzten Lehrstuhl für Stadtgeschichte aufgegeben. Als Professor Laurenz Demps in Ruhestand ging, wurde die Stelle nicht nachbesetzt. Wie passt das zusammen – einerseits steigende Wertschätzung, andererseits die Vakanz?

Das passt gar nicht zusammen. Wie es dazu kam, dass in Berlin die Landesgeschichte abgeschafft wurde, kann ich nicht beurteilen. Aber für uns Archäologen ist es eine große Tragik, weil wir die Historiker brauchen, die die Quellen kennen und die das, was wir jeden Tag in der Mitte der Stadt neu zutage fördern, in die Landesgeschichte einordnen.

Wie lösen Sie das Problem?


Für den konkreten Fall Petriplatz versuchen wir das im Rahmen des Forschungsprojektes Medieval Spaces and Population selbst zu machen. Ich habe mir Unterstützung von Historikern geholt, vor allem von der Mittelalterspezialistin Dr. Ines Garlisch, die ihre Dissertation an der Humboldt-Universität bei Professor Michael Menzel über die Ursprünge von Berlin und Cölln geschrieben hat. Aber auch sie ist jetzt von der Universität in den Lehrerberuf gewechselt, weil es in ihrem Fach keine universitäre Zukunft gibt.  

Wie ist das in anderen Städten?


Andere Städte sind anders aufgestellt. Bei uns ist das Landesdenkmalamt zuständig für die Bergung, Dokumentation und Versorgung der Funde. Es unterstützt uns sehr, kann aber nicht die wissenschaftliche Aufarbeitung leisten. In anderen Städten gibt es Stadtarchäologien, die zum Teil selber forschen, oder es gibt die Mittelalterlehrstühle oder archäologische Lehrstühle, die sich speziell mit der Landesgeschichte auseinandersetzen. Das ist ein ganz eigenes Fach. In Berlin ist diese Forschungsstruktur abgeschafft worden. Es gibt noch die Landesgeschichtliche Vereinigung, in der emeritierte Professoren versuchen, durch Vorträge und Seminare den Diskurs einigermaßen in Gang zu halten. Fundamental wichtig aber wäre, dass es Studenten gibt, die Landesgeschichte in Berlin studieren können, weil die Professoren – bei allem Respekt – nicht mehr ewig da sein werden. Das Wissen um die Landesgeschichte stirbt aus.

Was bedeutet das für den Lehrernachwuchs, für Museen?

Dass nur noch altes Wissen vermittelt wird. Die verfügbaren großen Standardwerke über die Mittelaltergeschichte Berlins stammen aus DDR-Zeiten oder sind im Zusammenhang mit der 750-Jahrfeier Berlins entstanden. Den Lehrern kann kein aktuelles Material als Unterrichtsgrundlage zugeführt werden. Sicherlich versuchen viele, das nach besten Wissen trotzdem zu generieren – aber die Leerstelle Landesgeschichte wirkt sich aus.

Zur Person

Claudia Maria Melisch, geb. 1968 in Forst, Lausitz, ist eine deutsche freiberufliche Archäologin. Sie studierte Klassische Archäologie und Ältere Deutsche Sprache und Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin und schloss mit dem M. A. ab. Zuvor hatte sie eine Facharbeiterausbildung zur Maschinistin im Braunkohletagebau in der Niederlausitz absolviert.

Wichtige Projekte: 2000/01 am Ahornblatt (Gertraudenstraße) auf der Spreeinsel in Berlin-Mitte. 2003 bis 2005 archäologische Untersuchungen in der Osthälfte des überbaggerten Dorfes Horno in der Niederlausitz. 2007 bis 2009 leitete sie die Grabungen an der historischen Keimzelle Berlins am Petriplatz (Petrikirche). Freigelegt wurden die teilweise noch im Boden befindlichen Kirchenfundamente und die Grundmauern der Cöllnischen Lateinschule. Um die Kirchenfundamente befanden sich 3200 Gräber aus dem 12. Jahrhundert bis 1717.



Was sagt das über eine Stadt, die ihre Geschichte nur ausschnittsweise kennen will?

Ich sehe ein Missverständnis: Man hat bei der Neustrukturierung der Berliner Universitäten nach der Wende wohl gedacht, dass man erst einmal in die Welt ausgreifen sollte. Das ist typisch für Berlin: Man richtet den Blick vor allem nach außen, will exzellent sein. Man hat irrigerweise geglaubt, die Landesgeschichte sei auserzählt. Doch seither sind so viele neue Zeugnisse hinzugekommen, dass es an der Zeit ist, wieder einen landesgeschichtlichen Lehrstuhl einzurichten. Allein was wir durch neue Erkenntniswege wie Isotopenuntersuchungen oder genetische Analysen von menschlichen Gebeinen herausbekommen! Das ist so interessant! International würdige Forschung. Herauszufinden, was die mittelalterlichen Anfänge für diese Stadt bedeuten, ist nicht rückwärtsgewandt. Es geht um moderne, internationale Spitzenforschung. Das muss die Politik verstehen.

In Magdeburg gab kürzlich eine wunderbare Ausstellung Auskunft, wie das Magdeburger Recht im Mittelalter die Ausbildung von Städten in großen Teilen Deutschlands und Osteuropas geformt hat. In Kiew erinnert ein Denkmal an die Verleihung des Magdeburger Stadtrechts um 1495. Auch Berlin wurde durch diese Rechtsregeln geformt. Wünschten Sie sich auch hier solche umfassenden Betrachtungsweisen europäischer Tradition?

Auf jeden Fall. Magdeburger Recht war Vorbild für das Berliner Recht. Und diese Verflechtung, die Komplexität der mittelalterlichen Welt, die durch jüngere Forschung in den Fokus gerückt ist – alles spricht dafür, ein neues, modernes Mittelalterbild auch für Berlin und sein Umland zu zeichnen. Das wäre großartig. Vielleicht kann auch das Archäologische Haus am Petriplatz dahingehend einen Beitrag leisten.


Das Gespräch führte Maritta Tkalec.