Auch nachts sind Flugzeuge unterwegs. In Tegel gilt kein Nachtflugverbot, lediglich Beschränkungen sind zwischen 22 und 6 Uhr in Kraft.
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„Die nächtlichen Postflüge sind schon seit Jahren ein großes Ärgernis für alle Tegel-Anwohner und hätten längst nach Schönefeld verlegt werden müssen“, sagten Janik Feuerhahn und Klaus Dietrich, die Sprecher des Bündnisses „Tegel schließen, Zukunft öffnen“. Es sei ein „Unding“, dass der Postflug Stuttgart– Berlin wieder aufgenommen wurde.   Wenn die letzten Passagiere ausgestiegen sind, werden Schonbezüge über die Sitze gespannt, und Postsäcke nehmen die Plätze ein. So werden Flugzeuge der Eurowings, meist  vom Typ Airbus A319-112, provisorisch zu Frachtmaschinen.

Fast 180.000 Betroffene  

Eine Maschine startet um 0.20 Uhr, wenn viele Flughafenanlieger Ruhe suchen, von Tegel nach Stuttgart. Der Flug trägt die Nummer EW 3001. Dagegen fiel der Start in der Gegenrichtung, der laut Plan werktags um 1.25 Uhr in Stuttgart stattfand, lange aus. Am 20. Juli fand Flug EW 3002  zum vorerst letzten Mal statt.

Zahl der Starts und Landungen.
Grafik: BLZ/Galanty

„Angeblich gab es in Stuttgart keinen Dienstleister für das Beladen der Maschinen mehr“, so ein Anwohner. Doch seit Anfang Dezember wird auch in dieser Richtung nachts wieder Post geflogen – und die nächtliche Lärmbelastung ist wieder da. Wie kam es zu der Unterbrechung? „Hintergrund waren erforderliche Prozessanpassungen, die mittlerweile umgesetzt worden sind“, berichtete Postsprecherin Tina Birke.

Es sei um Abläufe im Bereich der Post gegangen. „In der Zwischenzeit wurden die Briefsendungen via Straße transportiert.“ Inzwischen wird aber wieder nachts Post von Stuttgart nach Berlin befördert, bestätigte Birke. Am 2. Dezember wurde der Betrieb in dieser Richtung wieder aufgenommen, sagte sie. „Auch für mich, die Familie und alle Anwohner in den Flugschneisen sind die Nachtpostflüge ein sehr großes, weil belastendes Lärmereignis“, sagte Rolf-Roland Bley, Sprecher des Bündnisses gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen.

Rund um die Uhr Betrieb

Von Flugscham keine Spur: In Tegel, dem wichtigsten Flughafen der Region, ist der Verkehr nur wenig zurückgegangen. Zwar wurden von Januar bis Ende Oktober 2019 7,8 Prozent weniger Starts und Landungen gezählt. Die Fluggastzahl sank aber nur um 3,1 Prozent.

Kein Nachtflugverbot: Zwischen 23 und 6 Uhr dürfen in Tegel keine Linienflüge stattfinden. Doch bei Verspätungen sind Ausnahmen erlaubt. Post-, Militär-, Polizei-, Regierungs- und Ambulanzflüge dürfen auf dem innerstädtischen Flughafen die ganze Nacht stattfinden.

Die aktuellen Zahlen:
Während der Monate Januar bis Oktober 2019 gab es zwischen 23 und 5.59 Uhr insgesamt über 1200 Starts und Landungen in Tegel. In fast 700 Fällen handelte es sich um Linienflüge, meist von Easyjet (249 Flugbewegungen) und Ryanair (41).

In drei Viertel der Fälle starten die Maschinen Richtung Westen – Bley wohnt direkt unter der Flugroute. In den übrigen Fällen wird in östlicher Richtung gestartet. Dann müssen statt fast 90.000 Menschen sogar fast 180.000 Anwohner Lärm von mindestens 65 Dezibel ertragen, ergaben Berechnungen der Technischen Universität (TU) Berlin.

Wechselnde Argumente

Als West-Berlin von der DDR umgeben war, wurde dort ein großer Teil der Post in Flugzeuge verladen, um Kontrollen zu verhindern. Nach dem Mauerfall wurde ein anderes Argument betont: Postflüge seien nötig, damit alle Sendungen in Deutschland ihre Empfänger am nächsten Werktag erreichen. In Berlin konzentrierten sich die Postflüge auf Schönefeld, doch 2012 wurde Tegel Start- und Endpunkt der Stuttgart-Route.

Immer wieder setzten sich Mitglieder der Tegeler Fluglärmkommission dafür ein, die Postflüge nach Schönefeld zu verlagern. „Wir erwarten, dass diese Flüge umgehend unterbunden werden, nicht erst im November 2020, wenn Tegel schließt“, bekräftigten Janik Feuerhahn und Klaus Dietrich. „Dafür sollte der Senat alle in seiner Macht stehenden Möglichkeiten ausschöpfen, seine Bürger vor dem besonders schädlichen nächtlichen Fluglärm zu schützen.“ Doch Bley bleibt skeptisch: „Es gibt absolut keine Regulierungsmöglichkeiten, weder für die Senatsverwaltung noch für den Flughafen.“

Auch am BER wird es spät laut

Zu später Stunde finden in Tegel nicht nur Postflüge statt. Zwar gilt die Regel, dass es zwischen 23 und 6 Uhr keine Flugbewegungen in TXL geben darf, Ausnahmen sind aber möglich. Die Luftaufsicht, nach Mitternacht die oberste Luftfahrtbehörde, kann verspätete Linienflüge erlauben – was meist erfolgt. Ambulanzflüge sind generell möglich, auch Militär-, Regierungs- sowie Polizeiflüge. Aktuelle Daten für Januar bis Oktober zeigen im Vergleich zur selben Zeitspanne des Vorjahres ein unterschiedliches Bild.

Betrachtet man den Zeitraum 22 bis 5.59 Uhr, stieg die Gesamtzahl der Starts und Landungen von 8533 auf 9010. Geht es nur um die Zeit ab 23 Uhr, gab es einen leichten Rückgang von 1364 auf 1205 – was aber damit zusammenhängt, dass die Postflüge aus Stuttgart ausgesetzt wurden. Nun wird die Zahl wieder stärker ansteigen.

Am 8. November 2020 soll Tegel schließen. Wenn der BER in Betrieb ist, sind in Schönefeld reguläre Linienflüge zwischen Mitternacht und 5 Uhr verboten – anders als heute. Doch am späten Abend und frühen Abend ist Flugverkehr unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Klar ist: Auf die BER-Anwohner kommen enorme Lärmbelastungen zu.