Der Flughafen Tegel.
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BerlinEs ist die Stunde der Fans. „Tegel schließt, und ich bin einfach nur traurig. Keine Flugzeuge mehr am Abendhimmel“, twittert Katharina aus Berlin. Anfang Mai sei er noch einmal im leeren Flughafen gewesen, schreibt Philipp Hummel vom Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam. „Tegel ist der einzige Flughafen, der in Berlin wirklich funktioniert“: So beginnt der Tweet von FDP-Landeschef Christoph Meyer. Nachdem die Gesellschafterversammlung der Berliner Flughäfen am Mittwoch grünes Licht gab, den Betrieb in Tegel zum 15. Juni einzustellen, schlagen die Gefühle hoch. Doch immer noch ist ungewiss, ob die Flughafengesellschaft FBB die Möglichkeit nutzt und Tegel wirklich vor der für November geplanten endgültigen Schließung stilllegt.

„Weiterhin ist es das Ziel, den Flughafen Tegel vorzeitig zu schließen“, sagte Rainer Bretschneider, der Vorsitzende des Flughafen-Aufsichtsrats, am Freitag der Berliner Zeitung. „Selbstverständlich wird die Geschäftsführung jetzt sehr sorgfältig den Markt zu beobachten haben, um dann die notwendigen Umsetzungsentscheidungen verantwortungsvoll treffen zu können.“

Damit traf er den Kern der Sache. Zwar hat die Oberste Luftfahrtbehörde noch nicht entschieden, ob sie den Antrag auf temporäre Befreiung von der Betriebspflicht genehmigt. Doch wenn sie zustimmt, ist der Ball endgültig im Spielfeld der Flughafengesellschaft angekommen. Legt sie Tegel vorzeitig still – oder nicht?

„Eine schwierige Entscheidung“, wurde am Freitag in dem Staatsunternehmen bekräftigt. Im März oder April wäre sie einfacher gewesen. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise war die tägliche Zahl der Fluggäste in Berlin unter die Tausendermarke gerutscht, auf ein Prozent des früheren Verkehrs. Doch weil der Bund Bedenken hatte, sperrte er sich lange gegen den Stilllegungsplan.

Weil aber inzwischen mit Hochdruck daran gearbeitet wird, das neue Regierungsterminal in Schönefeld einzurichten, hat der Bund seine Skepsis aufgegeben. „Wir haben nun Handlungsfreiheit“, sagte Flughafensprecher Hannes Hönemann.  

Doch heute sei die Lage schwieriger einzuschätzen, hieß es. Zwar haben Easyjet, Ryanair, Lufthansa und andere Airlines angekündigt, demnächst wieder mehr Flüge anzubieten. Aber wie dauerhaft ist die Ankündigung? Bleiben die Flüge im Angebot, auch wenn der Zuspruch gering bleibt? Hier kommt die zweite Unbekannte ins Spiel: der Fluggast.  

Der Bund möchte seine weltweite Reisewarnung im Juni aufheben, auf europäischer Ebene wurde vereinbart, coronabedingte Einschränkungen zu lockern. Für Juni planen Reiseanbieter wie TUI erste Flüge nach Griechenland und zu spanischen Inseln. Langsam kommt der Europa-Tourismus wieder in Gang. Doch viele Deutsche haben ihren Urlaub in Deutschland gebucht. Werden sie umbuchen? Wie stark wird der internationale Verkehr wirklich wachsen?

Der dritte Faktor, der zu bedenken ist: Um Ansteckungen zu verhindern, wurde die Kapazität der Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen stark gedrosselt. Mitarbeiter dürfen Fluggäste nicht mehr abtasten, mehr Gegenstände als sonst müssen die Scanner durchlaufen. Es gelten strenge Abstandsregeln, die im Einzelfall auch erfordern können, Sicherheitslinien geschlossen zu halten. Folge ist, dass pro Stunde statt 120 bis 150 auf absehbare Zeit nur 30 Fluggäste untersucht werden können. Das könnte ein Argument sein, Tegel offenzuhalten, damit es in Schönefeld nicht zu Staus kommt.

Der vierte Faktor, das Geld, spricht dagegen für eine Schließung des innerstädtischen Flughafens. Auch wenn der Verkehr wieder deutlich zunehme, würde Tegel die Flughafengesellschaft mit einem Fehlbetrag in zweistelliger Millionenhöhe belasten. Die finanzielle Last ist ein Faktor, den das finanziell klamme Staatsunternehmen nicht auf die leichte Schulter nehmen kann.

Derzeit ist nur eines klar: Die FBB und die übrigen Beteiligten sind sich intern einig, dass Tegel nach einer vorzeitigen Schließung nicht wieder in Betrieb gehen würde. Denn es wäre den Airlines nicht zuzumuten, noch einmal umzuziehen, bevor es Anfang November zum BER geht.

Das gibt der Entscheidung der FBB zu Tegel eine zusätzliche Schwere. Die Flughafengesellschaft, die das Projekt BER endlich in ruhiges Fahrwasser gesteuert hat, will eine Blamage unbedingt vermeiden.

Währenddessen warten die Airlines auf ein klares Signal, wie es weitergeht. Bisher vergeblich, wie Lufthansa-Sprecherin Sandra Courant am Freitag berichtete. „Eine konkrete Planung ist aktuell nicht möglich, weil immer noch unklar ist, wann und ob Tegel vorzeitig schließt“, so Courant. „Kurzfristige Standortwechsel sind aufwendig und kostenintensiv. Sinnvoll wäre es, die Einstellung des Flugbetriebs in Tegel präzise auf die Inbetriebnahme des BER abzustimmen.“

Janik Feuerhahn von der Initiative „Tegel schließen, Zukunft öffnen“ mahnt die FBB, rasch zu handeln. „Jetzt habt ihr das Okay der Gesellschafter“, twitterte er. „Nun gibt es absolut keinen Grund mehr, Tegel länger offen zu halten! Also nicht ausbüxen und am 15.6. Tegel schließen – endgültig!“