Frau Hoangs Kampf: Warum eine Vietnamesin kurz vor der Obdachlosigkeit steht

Sie überlebt einen Messerangriff. Später stirbt ihr Mann. Bald könnte Frau Hoang mit ihren Töchtern obdachlos sein. Berlin und die Wohnungsnot - unsere Serie.

Thi Thai Hoang (47), Altenpflegerin und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. Ende Dezember muss sie aus ihrer Wohnung.
Thi Thai Hoang (47), Altenpflegerin und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. Ende Dezember muss sie aus ihrer Wohnung.Maurice Weiss/Ostkreuz

Rastlos fährt ihre Hand zwischen den Polstern der grauen Couch hin und her. Ihre zierliche Hand verschwindet fast. Vor und wieder zurück. Thi Thai Hoang tut das abwesend, als würde sie etwas unbewusst streicheln. Ihre andere Hand, die linke, hält sie ganz still in ihrem Schoss. Die Finger sind verkrampft. Es ist die Hand mit der alten Narbe, die sie nur noch halb öffnen kann. Hoang hat die Brauen zusammengezogen, ihre dunklen Augen blicken ins Leere. Sie schweigt, nur ihre rechte Hand ist in ständiger Bewegung.

Neben ihr, auf ihrem wuchtigen Ecksofa, sitzt ihr Nachbar, Stefan Katz von gegenüber. Er trägt Jogginghose und ein T-Shirt von Status Quo, der britischen Rockband. Durch die vergilbten Gläser seiner Pilotenbrille schaut er auf einen Stapel Unterlagen, die vor ihm auf dem kleinen Holztisch liegen. Es sind Briefe, Absender: das Wohnungsamt Pankow. Diese Briefe, so sagt er, legen Frau Hoang noch mehr Steine in den Weg. Dabei sei ihre Lage auch so schon schwer.

Uroš Pajović/Berliner Zeitung. Porträt: Maurice Weiss/Ostkreuz

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird Thi Thai Hoang bald ohne Obdach sein, sie und ihre beiden Töchter, 13 und 18 Jahre alt. Zum Ende des Jahres muss die dreiköpfige Familie raus aus ihrer Drei-Zimmerwohnung in Weißensee. Sie weiß das schon seit zwei Jahren. Seit die Vermieterin ihr wegen Eigenbedarfs gekündigt hat, zum 31. Dezember muss sie ausziehen. Trotz der langen Zeit hat Frau Hoang keinen Ersatz gefunden.

Rund 200 Bewerbungen hat sie verschickt, mit Hilfe ihres Nachbarn, dem Herrn Katz. Zu keiner einzigen Besichtigung wurde sie eingeladen. Und jetzt wurde auch noch ihr Antrag auf einen Wohnberechtigungsschein (WBS) abgelehnt, das steht in den Schreiben des Bezirksamtes. Dabei hat sie nur mit einem WBS eine Chance. Normale Wohnungen liegen für sie mit ihrem Gehalt von knapp 1300 Euro außerhalb des Erreichbaren.

In das Wohnzimmer von Thi Thai Hoang dringt nur wenig Licht.
In das Wohnzimmer von Thi Thai Hoang dringt nur wenig Licht.Maurice Weiss/Ostkreuz

Die Geschichte von Thi Thai Hoang ist eine, wie sie sich in der Hauptstadt vermutlich alle paar Tage abspielt: Ohne dass Notiz davon genommen wird, rutscht jemand durchs System. Weil sie wenig verdient und von diesem Wenigen auch noch die Hälfte für die Miete draufgeht. Weil sie einen entscheidenden Nachteil gegenüber anderen in der Gesellschaft hat, etwa, weil sie die Sprache nicht akzentfrei spricht oder weil sie körperliche oder psychische Probleme hat. Weil niemand ihr hilft, weder beim Amt noch irgendjemand sonst.

Frau Hoang spricht nur mühsam und schwer verständliches Deutsch. Es dauert lange, bis man sich in ihren Akzent eingehört hat. Sie verschluckt Silben, ihr Wortschatz ist begrenzt, mit bürokratischen Ausdrücken hat sie ihre Schwierigkeiten. Ihr Glück ist Stefan Katz.

Er war es, der sich, ohne es ihr zu sagen, mit einem Brief an die Presse wandte. Er sei „hilflos“, schrieb Katz, „diese Geschichte“ mache ihn „fix und fertig“. Er machte Andeutungen, beschrieb das Leben der Frau Hoang als einen „Leidensweg“. Von einem Mordanschlag ist da die Rede, den sie nur knapp überlebt habe. Vom frühen Tod ihres Mannes Mike. Von harter Arbeit und wenig Ertrag. Es ist sein letzter Versuch, Frau Hoang und ihre beiden Töchter vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren. 

Stefan Katz (69) hat seiner Nachbarin immer wieder geholfen, seit ihr Mann gestorben ist.
Stefan Katz (69) hat seiner Nachbarin immer wieder geholfen, seit ihr Mann gestorben ist.Maurice Weiss/Ostkreuz

Seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren unterstützt der 69-jährige Katz seine Nachbarin immer wieder. Er hat ihr eine Anwältin besorgt, die Anträge fürs Wohnungsamt ausgefüllt. „Ich hab ihr damals gesagt, ich helfe dir wo ich kann“, sagt Katz. „Hat alles nichts gebracht.“ Er spricht mit verrauchter Stimme. Hoang nickt zu seinen Worten, bewegt die rechte Hand nervös hin und her auf dem wuchtigen Sofa. Vor den beiden stehen Kunstblumen und Schuhkartons mitten im Wohnzimmer.

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Katz erzählt von ihr und ihrem Mann Mike. Er UPS-Fahrer, sie Zimmermädchen. „Also viel Arbeit und wenig Geld.“ Er habe Hoang, der jungen Vietnamesin, öfter mal die Einkäufe hoch in ihre Wohnung im Hochparterre links getragen. Er selbst wohnt schon seit ’97 im Hochparterre rechts, an dieser lauten Straße, wo die Lkw alle paar Minuten langdonnern und die Tram gleich vor der Haustür hält.

Mit Mike, ihrem Mann, verstand sich Katz auf Anhieb. Sie teilten die Leidenschaft für die Musik von Status Quo, schauten Fußball, quatschten auf dem Balkon. Sie rauchten Winston Rot und tranken Bier. Er denkt mit Wehmut an diese Zeit zurück. 

2017 bekam Frau Hoang ein erstes Kündigungsschreiben. Ihr damaliger Vermieter wollte die Wohnung teuer verkaufen, am liebsten ohne Mieter. Er versuchte, das junge Paar aus der Wohnung zu drängen. Er schickte SMS mit Drohungen an Hoang. Das schüchterte die junge Familie ein, dabei hatte er nichts gegen sie in der Hand. 

„Mike hat sich eine riesige Platte deswegen gemacht“, sagt Katz. Immer wieder habe er seinem Kumpel gesagt, er müsse sich keine Sorgen machen. Doch mit Mike über solche Dinge sprechen? Unmöglich, sagt Katz. Im Dezember 2018 sei Mike „von einem Tag auf den anderen“ gestorben. Herzinfarkt, mit 49 Jahren. Der Stress habe ihn ins Grab gebracht, davon ist Katz überzeugt. Kurz nach dem Tod fand der Vermieter eine Käuferin. Frau Hoang konnte bleiben.

Vor dem Bild ihres Mannes hat Frau Hoang einen kleinen Altar errichtet. 
Vor dem Bild ihres Mannes hat Frau Hoang einen kleinen Altar errichtet. Maurice Weiss/Ostkreuz

Während Katz von Mike erzählt, schaut Thi Thai Hoang in die linke obere Ecke ihres Wohnzimmers. Dort, über einem schmalen Holzschrank, hängt ein Foto eines Mannes mit kurzgeschorenem Haar und ernstem Blick. „Das ist er“, sagt sie und lächelt. Vor dem Bild hat sie einen kleinen Altar errichtet, mit Kerzen, Räucherstäbchen, einem Bild des jungen Buddhas.

Frau Hoang hält jetzt ihre linke, kaputte Hand mit der Rechten fest umklammert. Sie beginnt zu erzählen: Vor kurzem sei sie 47 Jahre alt geworden, aber statt zu feiern, war sie auf einer Trauerfeier. Aufgewachsen ist sie nördlich von Hanoi, arbeitete dort als Schneiderin. Anfang der Nullerjahre kam sie nach Berlin, um eine Freundin zu besuchen. Sie blieb für immer. „Ich will nie wieder zurück“, sagt sie. Erst Stunden später, als Stefan Katz schon längst gegangen ist, wird sie ihren Umzug nach Berlin als Flucht schildern. Als Flucht vor ihrem Mann, der sie oft geschlagen habe.

Irgendwann eröffnete sie in Adlershof einen vietnamesischen Imbiss, in dem sie Frühlingsrollen und gebratenen Reis anbot. Hier habe sie auch Mike kennengelernt, sagt sie. Doch mit dem Geschäft lief es nicht, sie wurde schwanger, musste schließen, arbeitete später als Zimmermädchen im Hotel. Nach dem Tod ihres Mannes reihten sich die Rückschläge aneinander. Ein Jahr später verlor sie ihren Job wegen Corona. 2020 schrieb ihr die neue Vermieterin, sie wolle nun selbst in der dunklen, knapp 70 Quadratmeter großen Wohnung leben.

Frau Hoang lebt als Witwe mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern. 
Frau Hoang lebt als Witwe mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern. Maurice Weiss/Ostkreuz

Sie begann eine Ausbildung zur Altenpflegerin, parallel arbeitete sie in der Schokoladenmanufaktur von Sawade. „Es war eine harte Zeit“, sagt sie. Vormittags Schule, nachmittags Spätschicht, dazwischen Kochen für ihre Töchter, die auf ein Gymnasium in Weißensee gehen. Tage, die morgens um halb fünf begannen und abends nicht vor halb zwölf endeten. In den freien Minuten suchte sie nach einer Wohnung. Stefan Katz half ihr und füllte den WBS-Antrag aus. Ohne Probleme habe Hoang den WBS bekommen.

Doch der Schein muss jedes Jahr neu beantragt werden. Und 2022 gab es zudem Schwierigkeiten mit dem Amt, das jetzt deutlich mehr Unterlagen anforderte, unter anderem eine Schulbescheinigung. „Aber es waren Ferien“, sagt Katz. Irgendwann hatten sie alles zusammen. Katz fuhr in den Urlaub, kurz bevor das Amt weitere Unterlagen verlangte. Als Katz wieder in Berlin war, war der WBS „wegen mangelnder Mitarbeit“ abgelehnt. Sie scheiterten an der Bürokratie. 

Jetzt bleiben ihr noch zwei Monate. Stille macht sich in dem kleinen Wohnzimmer breit. Kürzlich sei sie beim Sozialamt gewesen, erzählt Hoang dann. Dort habe man ihr gesagt, sie könne im Notfall erstmal in ein Wohnheim ziehen, 40 Euro die Nacht pro Person koste das. Also 120 Euro für ihre Familie jeden Tag. „Wer soll'n dit bezahlen“, ruft Katz.

Stefan Katz hilft Frau Hoang mit all den Anträgen.
Stefan Katz hilft Frau Hoang mit all den Anträgen.Maurice Weiss/Ostkreuz

Wieder wird es still. Hoffnungslosigkeit macht sprachlos. Irgendwann steht Frau Hoang auf und besteht darauf, noch etwas zu kochen. Wer bei ihr sei, der bekomme auch etwas zu Essen, sagt sie. „Gebratener Reis oder Glasnudeln?“ Herr Katz verabschiedet sich schnell. Frau Hoang lacht, er sei so schwierig mit dem Essen, sagt sie.

Kurz darauf steht sie in ihrer Küche und zieht blaue Handschuhe an. Durch das halboffene Fenster dringt Straßenlärm herein. Sie lässt heißes Wasser in eine Schüssel, legt Glasnudeln zum Einweichen hinein. Aus der Tiefkühltruhe holt sie gefrorene Shrimps und legt sie zum Auftauen in die Spüle. Auf einem kleinen Brett schneidet sie Zwiebeln.

Beim Schneiden erzählt sie von ihrem gewalttätigen Ex-Mann in Vietnam. Eines Tages habe er einfach vor ihr gestanden, hier in Berlin, in ihrem Imbiss in Köpenick. Sie spricht jetzt sehr leise. Er habe ein Hackebeil gegriffen und ein langes Messer. Mit beidem ging er auf sie los. Er wollte sie töten, davon ist sie in diesem Moment überzeugt. Er hackte auf sie ein, verletzt sie schwer, an der Hand und am Bein. „Meine Kunden haben mir das Leben gerettet“, sagt sie. Sie halten ihn fest, übergeben ihn der Polizei. Nach fünf Jahren Gefängnis wurde er abgeschoben. Sie hat nie wieder von ihm gehört.

Frau Hoang erzählt all dies fast teilnahmslos. Ruhig und immer mit einem höflichen Lächeln auf den leicht geschminkten Lippen. Ist sie besorgt wegen der drohenden Obdachlosigkeit? Ist sie gelähmt von der Angst? Vielleicht erscheint ihr die Wohnungslosigkeit als ein lösbares Problem, verglichen mit all dem, was ihr bereits widerfahren ist?

Thi Thai Hoang.
Thi Thai Hoang.Maurice Weiss/Ostkreuz

Das Essen ist fertig, der Duft von gebratenen Shrimps, Glasnudeln und Spitzkohl erfüllt das Wohnzimmer. Frau Hoang schaltet den Fernseher ein, es läuft irgendwas auf Kabel Eins. Sie hat kaum angefangen zu essen, da holt sie schon ihr Handy heraus und öffnet Facebook. Sie scrollt durch eine vietnamesische Gruppe mit fast 20.000 Mitgliedern. „Häuser finden und Häuser mieten in Berlin“, heißt die Gruppe übersetzt. Fast stündlich werden hier Wohnungen angeboten. Auch von den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die man nur mit einem WBS bekommt.

Eine Freundin von ihr habe so bereits eine Wohnung gefunden, sagt Hoang. Sie spricht von zwielichtigen, vietnamesischen Maklern, die diese Wohnungen vermittelten. Man müsse sie anrufen, sich mit ihnen treffen, ihnen etwa 5000 Euro zahlen. Dann bekäme man eine Wohnung. „Vielleicht muss ich einen Kredit aufnehmen“, sagt Hoang. Vielleicht helfe das. 

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