Köpenick - Vollsperrung am S-Bahnhof Friedrichshagen. Wegen Bauarbeiten ist die Straße unter der S-Bahnbrücke hindurch dicht. Wegen dieser 20 Meter müssen Autofahrer bis November jetzt einen Umweg von fast 20 Kilometern machen. Stadtauswärts in die lästige Umleitung ausgeschildert. Doch kaum sind die genervten Autofahrer über die Stadtgrenze hinaus, landen sie im Nirwana.

Kopfschütteln auf beiden Seiten, denn auch Autos aus dem Umland fahren viele Kilometer auf Irrwegen. Die Umleitung auf Berliner Territorium erfolgt stadtauswärts über Fürstenwalder Damm, Ingeborg-Hunziger-Straße weiter in Richtung S-Bahnhof Rahnsdorf ins schilderlose Schöneiche und von dort wieder zurück über die Schöneicher Straße, Schöneicher Landstraße zur Dahlwitzer Landstraße. In umgekehrter Richtung geht es stadteinwärts.

Von der B 1/B 5 kommend führt ein Weg über die Mahlsdorfer Straße, Bahnhofstraße, Seelenbinderstraße und Fürstenwalder Damm nach Friedrichshagen. Jürgen Papst vom Köpenicker Straßenamt erklärt die rechtlichen Vorschriften: „Das Land Berlin kann ohne Zustimmung des Landes Brandenburg keine Verkehrszeichen für eine Umleitung aufstellen. Das Land Brandenburg, vertreten durch die Landkreise LOS und MOL, hat dem Aufstellen einer Umleitungsbeschilderung und einer provisorischen Ampel nicht zugestimmt.“ Was für eine Posse.

Ärger gibt es aber nicht nur wegen langer Umwege und Staus ohne Ende vor allem Richtung Köpenick, auch Parkplätze sind in den kommenden Monaten noch knapper als sonst. Wer auf dem offiziellen Parkplatz vor der Bahnhof nichts fand, konnte noch in den Nebenstraßen der Bölschestraße sein Glück versuchen. Das geht jetzt nicht mehr.

Ganz besonders hart trifft es aber die mehr als 200 kleinen Geschäfte an der Bölschestraße. Ihr ungewöhnliches Flair ist auch bei Touristen und im Umland sehr beliebt. Nicht nur Lieferanten meckern über die Umwege. „Vertreter sagen ab, ich soll im Internet bestellen“, ärgert sich Sabine Schulz, Inhaberin eines Juweliergeschäftes. „Es kommen schon jetzt weniger Kunden“, schimpft Ines Pellgrü von der Boutique Con amore. Die ehemalige Lehrerin hat ihr Haus verkauft und 25.000 Euro in den Ausbau des Ladens gesteckt. 130.000 Euro gingen für die Ware auf. „Meine Existenz ist bedroht“, sagt die zierliche Frau wütend. Sie hat eine Unterschriftenaktion unter den Geschäftsleuten der Bölschestraße initiiert. „Die Bauarbeiten bringen uns alle um.“

Die Bahn will bis Jahresende neue Gleise verlegen, damit Regional- und Güterzüge schneller fahren können. Außerdem stellt sie Lärmschutzwände auf und baut einen neuen Auf- und Abgang von der Fürstenwalder Straße aus. Wenn die Bahn fertig ist geht es nahtlos weiter. Die BVG lässt die Straßenbahngleise in der Bölsche erneuern. Parallel dazu verlegen die Wasserbetriebe 14 Kilometer neue Rohre und erneuern Hunderte Schächte und Gullys.

Die Geschäftsleute haben ihre Unterschriften an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geschickt. Sie bitten um eine Verschnaufpause zwischen den Baumaßnahmen. „Die Arbeiten sind schlecht koordiniert“, sagt Ines Pellgrü. „Es zieht sich alles in die Länge. Wenn wir drei Jahre lang vom Verkehr abgeschnitten sind, können wir dicht machen. So lange hält keiner durch. Anders als große Filialisten steht bei uns Einzelhändlern die Existenz auf dem Spiel. Wir sind keine Provinzversorger, sondern ein Magnet für Gäste aus ganz Berlin.“ Eine Lösung ist bislang aber nicht in Sicht.