„Oh, dann müssen wir die Passage zu Michael Müller im Entwurf für unsere Pressemitteilung wohl ändern“, sagt Andreas Döhler und seufzt. Er gehört zu den Gründern der spontan gegründeten Initiative von Anwohnern der Rigaer Straße, die bisher im Regierenden Bürgermeister einen Fürsprecher für ihr Vorhaben sah: Einen Runden Tisch zur Rigaer Straße einzuberufen, um mit allen Beteiligten einen Ausweg zu finden aus der festgefahrenen Situation mit exzessiver linker Gewalt auf der einen und massiven Polizeieinsätzen im Quartier um die Rigaer Straße 94 auf der anderen Seite.

Nachdem Müller sich zunächst dafür ausgesprochen hatte, die offene Konfrontation möglichst durch Gespräche einzufangen, distanzierte er sich am Montag jedoch von sich selbst: Es sei jetzt keine Zeit für Runde Tische.

Viele Anwohner von Polizeimaßnahmen genervt

„Das ist enttäuschend, aber wir lassen uns nicht beirren, einen vernünftigen Ausweg aus dem Konflikt zu finden“, sagt Döhler. Denn es gebe letztlich nur eine Chance, aus der Konfrontation herauszukommen: „Durch vorbehaltlose Gespräche mit allen Beteiligten“– den Bewohnern des umkämpften Hauses Rigaer Straße 94, der Polizei, des Bezirks und der Anwohner, zu denen Döhler, der um die Ecke in der Liebigstraße wohnt, gehört.

Wie viele andere Nachbarn ist er seit langem von den „polizeilichen Maßnahmen“ genervt, zu denen ständige Präsenz von Mannschaftswagen und Ausweiskontrollen gehören, die oft als willkürlich wahrgenommen werden. „Viele im Quartier haben es satt, dass wir in den Medien nur noch als Kampfgebiet dargestellt werden“, kritisiert der Aktivist, der trotz des derzeitigen Aufmuskelns von beiden Seiten Chancen für eine Gesprächslösung sieht.

Seinen Optimismus gründet Döhler unter anderem darauf, dass seine Initiative „nachbarschaftliche Kontakte“ in die Rigaer 94 hält, es also einen Gesprächsfaden in die autonome Szene gebe.

Verhandlungen halfen auch in 80ern und 90ern

Außerdem blickt der Mittfünfziger, der in einer großen Wohnungsgenossenschaft arbeitet, in die Geschichte der Berliner Hausbesetzungen in den 80er und frühen 90er Jahre zurück. Damals wurden auf Grundlage der einst von Hans-Jochen Vogel (SPD) erfundenen „Berliner Linie“ trotz einer weit dramatischeren Situation mit über 150 besetzten Häusern und zahllosen, heftigen Krawallen viele Konflikte am Ende doch auf dem Verhandlungsweg befriedet.

Das sollte heute bei einem einzigen Haus, in dem die Bewohner zudem Mieter sind, auch funktionieren, findet Döhler. Seine Lehre von damals: „Alle müssen von ihren Maximalpositionen ’runter. Die Polizei muss sich nach der Verhältnismäßigkeit ihrer Einsätze bei uns im Kiez fragen lassen. Und aus der Rigaer 94 muss eine klare Absage an die Gewalt kommen. Dann kann ein Runder Tisch zu einer Deeskalation führen“.