Berlin - Rundherum ein Familien-Kiez und mittendrin Massengrab: Auf der Brache gegenüber des Klinikums im Friedrichshain zeigt sich Berlin von seiner schaurigsten Seite. Wo bald über 600 Neubau-Wohnungen entstehen, säumen Tausende menschliche Skelette die Erde.

17.500 Quadratmeter freies Bauland in der Innenstadt lassen eigentlich Investoren mit der Zunge schnalzen. Doch Einblicke sind derzeit unerwünscht: Mit Bauplanen wurde das Areal vor neugierigen Blicken geschützt. Vor allem Kinder sollten sich beim Anblick von Skeletten nicht erschrecken. Der gut gemeinte Plan des Hamburger Bauherrn, der zwischen Landsberger Allee und Pufendorfstraße Leichen im Keller fand, ging nicht auf. In den Häusern rings um die menschlichen Überreste leben bereits Familien mit Kindern, die sich beim Blick aus dem Fenster fürchten. Ein Anwohner kritisierte, dass seine Kinder direkt auf das Massengrab schauen könnten.

Als das Hamburger Unternehmen bei ersten Grabungen auf Gebeine im Erdreich stieß, sei sofort die Landesdenkmalbehörde eingeschaltet worden. Einen Friedhof habe man dort aber so nicht erwartet, sagte ein Sprecher des Bauherrn.

4000 Skelette im Erdreich der Brache des alten Böhmischen Brauhauses

Er sprach aus archäologischer Sicht von einem „ungestörten Friedhof“ und schätzte, dass bis zu 4000 Skelette im Erdreich der Brache des alten Böhmischen Brauhauses auf eine Umbettung warten. Dafür wurde die Berliner Grabungsfirma „archaeofakt“ beauftragt. Die Kosten trägt nach Worten des Sprechers der Bauherr. Eine genaue Zahl wollte er nicht nennen.

Derzeit herrscht reges Treiben hinter den Absperrungen. Wenn die Baufirma im kommenden Jahr mit schwerem Gerät anrückt, soll hier nichts mehr an den Friedhof der vergessenen Berliner erinnern. Vor rund 150 Jahren, als in der Stadt die Cholera wütete, wurden hier die ärmsten der armen Berliner namenlos beigesetzt. Auf dem Armenfriedhof fanden ab 1831 Menschen ihre letzte Ruhe, für die Berlin oder die Kirchengemeinde die Kosten tragen musste.

Er wurde 1879 geschlossen und zum Bau der Auferstehungskirche genutzt. In Zeiten der Wohnungsnot können vor allem Familien in über 600 Wohnungen des „Böhmischen Viertels“ ihr Glück finden. 200 baut die Wohnungsbaugesellschaft Mitte, den Rest der Investor aus Hamburg, der mit Miet- und Eigentumswohnungen plant. 20 Prozent sollen Sozialwohnungen werden, eine Kita Platz für bis 150 Kinder bieten.

Der Neubau im Familien-Kiez wird nicht das letzte Bauprojekt sein, bei dem die Ruhe der Toten gestört wird. Im Gegenteil: Ein neues Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus soll es erlauben, Berliner Friedhofsflächen nach Ablauf der 20-jährigen Ruhezeit und einer zehnjährigen Pietätsfrist zu bebauen. Bisher war als Folgenutzung meist eine Grünfläche vorgesehen.