Der S-Bahnhof Warschauer Straße – ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Berlin, aber auch eine Dauerbaustelle. Das Gerüst steht hier schon länger. 
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

BerlinEs ist eine wichtigsten Stationen im Berliner S-Bahn-Netz. Doch obwohl das neue Gebäude längst steht, wirkt es immer noch wie eine Baustelle. Hinter Bauzäunen sammelt sich Müll, kahle Betonwände mit Graffiti bestimmen das Bild. Die Aufzüge sind fertig, aber nicht in Betrieb. Der S-Bahnhof Warschauer Straße macht seinem Eigentümer, der bundeseigenen Deutschen Bahn, keine Ehre. Nun wurde ein neuer Zeitplan verkündet, wann die Anlage endlich komplettiert wird. Beobachter bleiben skeptisch.

„Ich hoffe, dass der Bahnhof Warschauer Straße noch vor dem BER übergeben werden kann“, sagt Sven Heinemann, Abgeordneter der SPD aus Friedrichshain. Das Vorhaben, die täglich im Schnitt von 85.000 Menschen genutzte Station an der Warschauer Brücke zu erneuern, ist bislang ähnlich langwierig wie das Flughafenprojekt. Als 2006 bei Schönefeld der erste Spatenstich gefeiert wurde, war das 2004 wegen Baufälligkeit gesperrte Bahnhofsgebäude in Friedrichshain schon seit einem Jahr abgerissen.

Die Empfangshalle des neuen Bahnhofsgebäudes. Baumaterial liegt herum, Bauzäune versperren den Weg.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

Jahrelang mussten sich die Fahrgäste, unter ihnen viele Umsteiger zur U- und Straßenbahn, zwischen Zäunen und Kiosken durch ein provisorisches Labyrinth bewegen. Zu Beginn hieß es, dass der neue Bahnhof 2010 fertig wird. Doch erst 2017 ging der erste der beiden neuen S-Bahnsteige in Betrieb. Ein Jahr später öffnete der Rohbau des neuen Bahnhofsgebäudes, das nach einem Entwurf des Architekturbüros dlw mit Kupferblech verkleidet wurde. Fertig ist die Station weiterhin nicht. „Die ewige Baustelle ist insbesondere den Anwohnerinnen und Anwohnern schon lange nicht mehr zu vermitteln“, kritisiert Heinemann.

Zuletzt habe es geheißen, dass die Aufzüge, die zu den beiden Bahnsteigen führen, Ende 2019 in Betrieb gehen, berichtet Arnd Hellinger aus Karlshorst. „Doch der Bahnhof ist noch immer nicht barrierefrei nutzbar“, klagt der Fahrgast, der auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist. „Wegen zahlreicher Provisorien sowie großflächiger Verschmutzung präsentiert er sich in einem der deutschen Bundeshauptstadt schlicht unwürdigen Zustand.“ Seit langem versucht Hellinger, Akteure in Politik und Verkehr für die Probleme zu sensibilisieren – bisher ohne sichtbare Ergebnisse.

Stillleben im S-Bahnhof Warschauer Straße. Ende 2017 ging der erste neue Bahnsteig in Betrieb, Ende 2018 der zweite. Fertig sind sie immer noch nicht.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

Bei der Bahn ist man sich bewusst, dass der Bahnhof kein Vorzeigeprojekt ist. Das liege nicht nur daran, dass beauftragte Firmen pleitegingen. Auch intern habe es Schwierigkeiten gegeben, heißt es. Hinzu kam, dass Normenänderungen Umplanungen zur Folge hatten. Dass die Station neben einer der größten Partymeilen Berlins liegt, verbessert das Bild der Dauerbaustelle nicht. Immer wieder mussten Bauarbeiter benutzte Spritzen und anderen Müll aufklauben, bevor sie wieder ans Werk gehen konnten. Partygänger fielen von der Brücke sechs Meter tief auf die Gleise.

Zuletzt hätten technische Schwierigkeiten, Lieferprobleme und fehlende Prüf- und Abnahmekapazitäten zu Verzögerungen bei Bauarbeiten und Abnahmen geführt, so die Bahn. Corona sorgte für weitere Komplikationen. „Wir wissen um das Ärgernis für unsere Kunden und arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung“, sagt ein Sprecher.

Dealer kehren zurück – Polizei hat Nachtstreife abgezogen

Im Moment würden Restarbeiten am Bahnhofsgebäude und den Bahnsteigen erledigt: „Sie sind voraussichtlich Ende September abgeschlossen. Dann erfolgt auch die Übergabe an die Mieter.“ Kurz vor Corona war von Ostern 2020 die Rede. Dass ein Supermarkt von Rewe To Go und Starbucks einziehen werden, lässt sich bereits erkennen. Weitere Mieter sind Curry 36, Döner Öcebe, Mishba und Backwerk. Für die Beschäftigten gibt es im Zwischengeschoss Toiletten, nicht jedoch für die Fahrgäste. „Der Mix der Geschäfte lässt zumindest hoffen, dass an dem Bahnhof nicht so viel Alkohol verkauft wird wie in den Kiosken während der Bauphase“, sagt Sven Heinemann.

„Der Großteil der laufenden Arbeiten findet im nicht öffentlichen Bereich statt und ist deshalb von außen nicht sichtbar“, so die Bahn. Und was ist mit den Aufzügen? „Sie sind grundsätzlich fertig, können aber voraussichtlich erst Ende September genutzt werden.“ Grund für die Verzögerung ist, dass die dazugehörige neue Brandmeldeanlage noch nicht abgenommen worden ist. „Ohne sie dürfen die Aufzüge aus brandschutzrechtlichen Gründen nicht fahren“, hieß es.

„Können die Aufzüge nicht durch den Einsatz von Brandwachen, wie sie die Bahn an anderen Bahnhöfen einsetzt, vorzeitig in Betrieb genommen werden?“, fragt Sven Heinemann. „Die Programmierung von Aufzügen im Zusammenwirken mit der Brandmeldeanlage ist seit Jahren für Hotels, Krankenhäuser oder Bürogebäude Stand der Technik“, gibt Arnd Hellinger zu bedenken. Für die Hersteller sei das eine Standardprozedur. „Insofern kann auch das kein ernsthaftes Argument sein.“ Die Aussagen der Bahn seien „weitgehend wortgleich“ bereits vor etwas weniger als einem Jahr gefallen, erinnert er sich. „Mein Eindruck ist, dass hier größere Probleme mit dem Bauwerk insgesamt vorliegen und vertuscht werden sollen“, so Hellinger.

Für Sven Heinemann rückt ein weiteres Problem wieder ins Blickfeld. Nachdem während der Corona-Pandemie der Drogenhandel zurückgegangen ist, nehme er jetzt wieder zu, berichtet der SPD-Abgeordnete. „Die Deutsche Bahn sollte den Abzug der permanenten Nachtstreife am S-Bahnhof nach der einjährigen Testphase noch mal überdenken. Der Weg von und zur Bahn darf kein Spießrutenlauf für Fahrgäste und Anwohner werden.“