Es war einmal, lange scheint es inzwischen her, eine Stadt in der Krise. Die glaubte, ihr Schrumpfen sei nur aufzuhalten, wenn neue Bevölkerung mit großen Privilegien zur Sesshaftigkeit gebracht werden könne.

Hier ist nicht die Rede vom Berlin nach dem 30-jährigen Krieg, als die brandenburgischen Kurfürsten um wohlhabende und gut ausgebildete Neubürger mit Steuernachlässen und Grundstücken für den Hausbau warben und dafür 1658 die Vorstadt Friedrichswerder aus dem Spreesumpf trockenlegen ließen.

Es geht um das Berlin der 1990er-Jahre, geplagt von Deindustrialisierung, Bevölkerungsschwund, Regierungs-Nicht-Umzug und Investoreneuphorie. Um ihnen zu begegnen, entstand unter anderem der neue Friedrichswerder – eines der spannendsten städtebaulich-soziologischen Experimente im neuen Berlin der 90er-Jahre und der frühen 2000er.

Wohnungsnot war nicht abzusehen

Der neue Friedrichswerder ist auch beim Stadtrundgang, den die Berliner Zeitung, die Bundesstiftung Baukultur und die auf Architekturvermittlung spezialisierte Firma Ticket B als „Schnitt durch die Mitte“, ein Höhepunkt.

Hier kann die Frage ausgiebig debattiert werden, weshalb eigentlich der Staat Grundstücke im öffentlichen Besitz zu sehr mäßigen Preisen an eine eher kleine Zahl von Nutzern verkaufte, statt den Wohnungsbau für viele in der Stadtmitte anzukurbeln.

Doch damals war die heutige Wohnungsnot nicht abzusehen, und es ging nicht nur um die „kritische Rekonstruktion“ des Stadtgrundrisses, um historisierende Fassadenexperimente wie die „Oxford Residence“ im Stil eines britischen Hotels der Zeit um 1910 (Architekten Müller Reimann), um modernistische Büroarchitektur wie das Haus Vogtei mit seiner LED-Fassade (Nägeli Architekten).

Vorbild Amsterdam

Der Kern des Friedrichswerder sind die am Caroline-von-Humboldt-Weg, Kleine Jägerstraße und Oberwallstraße entstandenen „Townhouses“: Breite meistens sechs Meter, vorgegeben war bei der Vergabe der Grundstücke die Nutzung für Wohn- und Geschäftszwecke sowie die Haushöhe.

Aus der Luft erscheint der Block mit seinen vielen schmalen Grundstücken wie ein Ausschnitt aus einem niederländischen Stadtplan. Tatsächlich sind weniger die historischen Berliner Grundstücksschnitte das Vorbild für die Errichtung gewesen, sondern städtebauliche Ideen, die im Amsterdam der späten 80er für die Bebauung der dortigen Hafeninseln entstanden: Townhouses waren als Alternative zum suburbanen Einfamilienhaus gedacht, wie der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann im 2016 erschienen vorzüglichen Berlin-Architekturführer des DOM-Verlags schrieb – der übrigens, das am Rand, in einem dieser Häuser ansässig ist.

Und es ging Stimmann um eine soziale Utopie: Die Innenstadt sollte „für bürgerliche Schichten als Wohnort wieder attraktiv“ werden. Gebaute Mittelstandsförderung sozusagen.

Charakter eines antifaschistischen Manifests

Geradezu liebevoll pflegten damals nämlich konservativere Essayisten, Stadthistoriker und viele Stadtplaner die bis weit ins 19. Jahrhundert zurück zu verfolgende Legende, dass Berlin kein kultiviertes „Bürgertum“ wie Wien, Köln, Dresden oder Hamburg habe.

Ob im 21. Jahrhundert dies hoch idealisierte Goethe-Schiller-Brecht-Bürgertum wirklich noch eine kulturbildende Kraft sein kann, das sei hier dahin gestellt. Die Legende reichte nämlich aus für die These, dass auch Berlin ein wie auch immer geartetes Bürgertum benötige, damit es nach der Katastrophe des gleichmacherischen deutschen Nationalsozialismus, des DDR-Sozialismus und West-Berliner Sozialdemokratismus wieder genesen könne.

Die Wiederbebauung des Friedrichswerder hatte also neben der demonstrativen Abwendung vom „sozialistischen“ Massenwohnungsbau der DDR an der Leipziger Straße durchaus auch den Charakter eines antifaschistischen Manifests: Wir Bürger lassen uns unsere Stadt nicht wegnehmen.

Zur bürgerlichen Stadt aber gehöre, war die These, die Verfügung über ein eigenes Stadthaus, in dem man aufwächst, arbeitet, Kinder zeugt, Enkel betreut, aufgebahrt wird.

Jede Fassade ist anders

Dieser Individualismus wurde durchgesetzt bis hin zur ökonomischen Absurdität, dass keine gemeinsame Tiefgarage angelegt werden konnte. Und jede Fassade durfte, nein, sollte sich weitgehend frei nach Geschmack der Hausbesitzer entwickeln.

Während in Amsterdam der 90er straffe Gestaltungssatzungen auch für Townhouses galten, entstand in Berlin ein heiter-buntes Potpourri, mal Ziegel, mal Putz oder Naturstein, mit postmodern runden Fenstern oder modernistischen Ganzglasfassaden, britischen Baywindows, klassischen Gesimsen oder abstrakten Betonplatten.

Die grausame Krönung dieser Strategie des Privat vor Öffentlich waren dann jene schamlosen Super-Reich-Häuser seitlich der Friedrichswerderschen Kirche, viel zu nahe, viel zu hoch, viel zu brutal. Das Friedrichswerder-Viertel wurde damit endgültig zu einem Musterbeispiel dafür, was geschieht, wenn nur noch minimale Ordnungsinstrumente den neoliberalen Egoismus eingrenzen.