Ali K. soll den verdeckten Ermittlern den Mord an Georgine Krüger gestanden haben. Vor Gericht schweigt der Familienvater.
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BerlinAli K. schweigt. Auch an diesem 31. Verhandlungstag vor der Schwurgerichtskammer. Wie an allen Prozesstagen hört der 44-jährige Angeklagte den Zeugen aufmerksam und mit zusammengepressten Lippen zu. An diesem Freitag geht es um die Schuldfähigkeit des Angeklagten in dem Verfahren um den Mord an der 14 Jahre alten Georgine Krüger.

Der psychiatrische Gutachter Christian Winterhalter hält den Angeklagten für schuldfähig. Das heißt, bei einer Verurteilung wegen Mordes kann der 44-Jährige Vater von drei Kindern nicht mit einer Strafminderung rechnen. Der Prozess vor der 22. Großen Strafkammer neigt sich langsam dem Ende zu.

Georgines Leiche fehlt bis heute

Es ist ein Indizienprozess, der seit Ende August vorigen Jahres läuft. In dem Frauen davon berichten, wie sie als junge Mädchen von dem Angeklagten begrapscht oder geküsst worden seien. Wie er sie in einen Keller gelockt hat. Das Wichtigste aber in dem Verfahren fehlt: die Leiche der Schülerin, die vor mehr als 13 Jahren spurlos verschwand – in der Stendaler Straße in Moabit.

Glaubt man der Anklage, dann war Georgine am 25. September 2006 mit dem Bus der Linie M27 von der Schule nach Hause gefahren. Gegen 13.45 Uhr stieg sie an der Haltestelle Stendaler Straße aus. Sie war nur 90 Meter von ihrem Zuhause entfernt, als sie von ihrem Nachbarn Ali K. angesprochen, in seinen Keller gelockt, bewusstlos geschlagen, vergewaltigt und ermordet worden sein soll.

Mutmaßlicher Mörder von Georgine schweigt vor Gericht

Und es fehlt noch etwas in dem Verfahren: das Geständnis des Angeklagten. Trotzdem ist sich die Staatsanwaltschaft sicher, dass mit dem arbeitslosen Ali K. der Richtige auf der Anklagebank sitzt. Der Mann, der die Leiche von Georgine drei Tage nach dem Mord in einen Teppich gerollt, mit Panzerband verklebt und in einen Müllcontainer entsorgt hat, so steht es in der Anklage.

Doch was macht die Staatsanwaltschaft so sicher? Erst im Jahr 2017 kamen die Ermittler auf die Spur von Georgines mutmaßlichen Mörder – durch eine Funkzellenauswertung. Sein Handy war zur Tatzeit in derselben Funkzelle eingeloggt wie das Mobiltelefon der vermissten Schülerin. Die Fahnder überwachten daraufhin die Telefone von Ali K. und seiner Familienmitglieder.


Der Fall Georgine Krüger

  • Am 25. September 2006 steigt die 14-jährige Georgine Krüger gegen 13.45 Uhr an der Ecke Perleberger/Stendaler Straße aus dem Bus der Linie M27. Sie ist auf dem Weg von der Schule nach Hause.
    Doch dort kommt Georgine nicht an.
  • Seit dem 28. September 2006 ermittelt die Mordkommission. Mehr als zwölf Jahre bleibt ihr Schicksal ungeklärt. Erst im Juli 2017 werden die Fahnder auf Ali K. aufmerksam. Die Polizei setzt drei verdeckte Ermittler auf den Vater dreier Kinder an.
  • Ali K. soll ihnen den Mord an Georgine gestanden haben. Der arbeitslose Mann wird am 4. Dezember 2018 festgenommen. Der Prozess gegen den 44-Jährigen wegen Mordes und schwerer Vergewaltigung beginnt am 31. Juli 2019. Ali K. bestreitet die Tat.

Und sie setzten einen gewissen Kara sowie das „wohlhabende“ Pärchen Hakan und Susann auf Ali K. an. Der ständig klamme Mann, der von Hartz IV lebte und der sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, war von den neuen Freunden und dem Geld, das sie für ihn ausgaben, offenbar so begeistert, dass er ihnen bald vertraute.

Drei verdeckte Ermittler

Ali K. ahnte nicht, dass es sich um drei verdeckte Ermittler handelte, die sich unter falschem Namen in das Leben des Verdächtigen einschleichen und ihn zu einem Geständnis im Fall Georgine bewegen sollten. Mit Bordellbesuchen und Essen in guten Restaurants, mit Übernachtungen in Luxushotels, mit teuren Autos und der Aussicht auf eine Anstellung in einem Auto-Waschcenter, in dem Ali K. mindestens 4000 Euro im Monat verdienen sollte.

Die drei Freunde waren ständig zu Gast bei Ali K. und seiner Familie und gingen offenbar sehr behutsam vor. Erst nach einem Jahr kam das Gespräch auf das verschwundene Mädchen aus der Nachbarschaft. Im Herbst 2018 soll Kara dem Angeklagten erzählt haben, dass er sich gerne von seine Freundin trennen würde, er aber von ihr erpresst werde.

Angeklagter soll Mord an Georgine gestanden haben

Wegen eines Mordes, den er angeblich einmal begangen habe. Ali K. soll sich nach mehreren Gesprächen bereiterklärt haben, Karas Freundin für 150.000 Euro zu beseitigen. Schließlich habe er Erfahrung mit so etwas. Drei Wochen später gestand Ali K. den Mord an Georgine. Die Gespräche wurden aufgezeichnet. Die Polizei nahm den Tatverdächtigen im Dezember 2018 fest.

Im Prozess sagten Hakan, Susann und Kara als wichtigste Zeugen aus. Die Spezialisten, die nicht beim Berliner Landeskriminalamt arbeiten, wurden mehrere Tage unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt, per Videoübertragung. So hatte es das Bundesinnenministerium aus Sicherheitsgründen verlangt. Kriminelle sollten keine Chance haben, die schon wieder verdeckt arbeitenden Ermittler zu identifizieren.

Bei den Vernehmungen bestritt Ali K. die Vorwürfe. Auch dem psychiatrischen Gutachter erzählte der Angeklagte, er sei hereingelegt worden. Er habe sich auf das Angebot, Karas Freundin zu töten, nur zum Schein eingelassen – „um ihn ans Messer zu liefern und an das Geld zu kommen“. 100.000 Euro habe er vor der Tat bekommen sollen, dann zur Polizei gehen und Kara verpfeifen wollen.

Psychiatrischer Gutachter: Angeklagter wenig emotional

Doch wenn das so ist, warum hatte der Angeklagte den Mord an Karas Freundin dann bereits vorbereitet? Denn der als ständig klamm bekannte Familienvater soll kurz davor gewesen sein, für die Zerstückelung der Leiche der Frau eine Wohnung anzumieten. Auch soll er sich im Internet über Zerstückelungsmaschinen informiert haben.

Der psychiatrische Gutachter erzählt, dass er den Angeklagten in der Untersuchungshaft entspannt angetroffen habe. Ali K. habe „wenig emotional“ gewirkt. Sollte Ali K. der Täter sein, dann gebe es zwei Erklärungsmöglichkeiten, sagt Christian Winterhalter. Entweder leide Ali K. unter einer pädophilen Störung. Das jedoch schließe er, der Gutachter, aus. Oder der Angeklagte sei eine dissoziale Persönlichkeit, die sich die schwächsten Opfer aussuche, um Macht und Dominanz auszuleben.

Familie hält Ali K. für unschuldig

Familienangehörige halten Ali K. für unschuldig. Sein erwachsener Sohn, selbst Polizist, schließt aus, dass er der Täter ist. Auch seine Schwester, die an diesem Freitag als 60. Zeugin in diesem Prozess aussagt, ist sich „sicher, dass er es nicht war“. Anderenfalls würde ihr Bruder die Tat zugeben und sich umbringen, sagt die Zeugin. Die 39-Jährige beschreibt den Angeklagten als sehr leichtgläubig.

Bei Hakan, Susann und Kara habe sie immer das Gefühl gehabt, dass da was nicht stimme. Sie habe sich schon gefragt, warum sie sich ausgerechnet ihren Bruder ausgesucht hätten. Die Schwester kann nichts von Eheproblemen berichten. Doch ja, mit Frauen habe er schon gerne geflirtet. Aber er sei auch schüchtern gewesen. Vier Verhandlungstage sind derzeit noch geplant. Noch ist unklar, ob das Urteil am 15. Januar gesprochen wird.