Nachruf auf Flieger Max: Die Berliner Charité wies ihn schwer krank ab

Karl-Heinz Maxwitat war MiG-Pilot und nach der Wende Heizer – bis er als Fluglehrer und Weltumflieger ein neues Glück fand. Sein Tod wirft Fragen auf.

Karl-Heinz Maxwitat (r.) und Marc Aurel Lehmann nach ihrer Weltumrundung: Sie haben dies als 140. Besatzung international und als 20. national geschafft.
Karl-Heinz Maxwitat (r.) und Marc Aurel Lehmann nach ihrer Weltumrundung: Sie haben dies als 140. Besatzung international und als 20. national geschafft.Frank Bohrmann

Im August sah alles glänzend aus: Die Fluglizenz von Karl-Heinz Maxwitat wurde verlängert, die damit verbundene flugärztliche Untersuchung bescheinigte dem 86-Jährigen beste Gesundheit. Der Flugschein wurde um drei Jahre verlängert. Er durfte also das tun, was er sein Leben lang mit größter Liebe und Leidenschaft getan hat: fliegen. Und anderen Leuten das Fliegen beibringen. Als Fluglehrer war er in der Berlin-Brandenburger Gemeinde eine bedeutende Figur. Im September dieses Jahres hätte er sein 70-jähriges Jubiläum in der Fliegerei feiern können.

Am 29. Dezember ist Flieger Max, wie ihn Freunde nannten, gestorben. Die Umstände seines Todes sind von allgemeinem Belang: Er starb, nicht lange nachdem er mit akuten, unspezifischen Problemen in die Charité gefahren war, um Hilfe zu suchen – ein Mann, der sein Leben lang wenig mit Ärzten zu tun hatte, dem Wehleidigkeit verhasst war. Man wies ihn ab. Wegen Überlastung. Er sei kein Notfall – trotz eines „katastrophalen Blutbildes“, wie sein Hausarzt meinte.

Der Versuch, in einer Facharztpraxis Hilfe zu finden, schlug – ebenfalls wegen Überlastung – fehl. Nach sechs Stunden des Wartens und des Ignoriert-Werdens schickten die Ärzte den kranken Mann nach Hause und sagten: Er solle den Freitag darauf wiederkommen. Einen Tag vor diesem Termin starb er.

Als die Todesnachricht Familie und Freunde erreicht, ist in der Berliner Zeitung der Bericht des Intensivpflegers Ricardo Lange mit einer dramatischen Botschaft zu lesen: In den Berliner Kliniken fehlen Ärzte und Pflegekräfte. Sie sind selbst krank oder haben aufgegeben. Dazu die hohe Krankenzahl. Ricardo Lange schreibt: „Besonders am Ende des Jahres pure Überarbeitung. Der Pflegenotstand tötet. Personalmangel bringt Menschen um.“

Gibt es zwischen dem Tod von Flieger Max nur den zeitlichen Zusammenhang oder einen ursächlichen? Dem ausgelaugten medizinischen Personal Schuld zuzuweisen, wäre infam. Diese Leute gehören selber zu den Opfern. Ricardo Langes Analyse ist klar: „Die Politik und alle beteiligten Entscheidungsträger, die weiter ihre Scheuklappen tragen, machen sich in meinen Augen mitschuldig. Das Blut klebt an ihren Händen und an all jenen, die dem Personalnotstand über die Jahre hinweg zu wenig entgegengesetzt und zugelassen haben, dass er sich ungehindert ausweitet.“ (Der vollständige Text hier)

Fluglehrer in zwei Welten

Karl-Heinz Maxwitat kam als Kind mit seiner Mutter auf der Flucht aus Ostpreußen nach Havelberg. Mit 16 Jahren begann er dort mit der Segelfliegerei. In der Nationalen Volksarmee wurde er Jagdflieger, begonnen auf der AN 2, einem einmotorigen Doppeldecker. Später gehörte er zu den MiG-Piloten, war Fluglehrer an der Jagdfliegerschule der Luftstreitkräfte der NVA.

Auf Kommandeurshöhen stieg er nie, obwohl er unbestritten ein hervorragender Flugzeugführer war, ausgezeichnet als „Verdienter Militärflieger der DDR“. Bei aller Disziplin blieb er ein eckiger Typ. An der Fliegerschule erhielten die jungen Piloten durch ihn erstklassige menschliche und professionelle Ausbildung. Und immer schrieb er methodische Anleitungen. Sein persönliches Büchlein „MiG 21“ offerierte er dezent nebenbei – keine Jagdfliegerromantik, sondern ein Erfahrungsschatz.

Karl-Heinz Maxwitat als MiG-21-Pilot
Karl-Heinz Maxwitat als MiG-21-PilotFlieger Revue

1990 löste sich sein Berufsleben auf, so wie das von Millionen DDR-Bürgern. Karl-Heinz Maxwitat sagte: „Es muss ja weitergehen.“ Er machte sein Patent als Hochdruckheizer und arbeitete zwei Jahre zwischen Kesseln und Röhren in Adlershof.

Er hatte Glück, dass man sich dann doch noch seiner Fähigkeiten erinnerte. Er bildete Privatflugzeugführer aus, im Instrumentenflug, im Kunstflug, unter allen Wetterbedingungen, wurde Prüfungsberechtigter.

Max nahm die Menschen für sich ein, obwohl (oder vielleicht gerade weil) er keine Nachsicht hinsichtlich der Leistung kannte. Hierarchiengehabe wurde nicht geduldet. In der Zeitschrift Fliegerrevue berichtete Max über sein Leben als „Fluglehrer in zwei Welten“.

Seine Welt wurde der kleine Flugplatz Bienenfarm mit Graspiste bei Paulinenaue im Havelland.

Leben voller Abenteuer

Und er machte beneidenswerte Dinge: Als hochgeschätzter Begleiter steuerte er wochenlang Flugzeuge auf Fotosafaris über Afrika oder überführte auf Wunsch die Cessna – sagen wir: von Hamburg nach Botswana, wenn die Besitzerin sie dort zu haben wünschte. Und er umrundete 2008 mit seinem einstigen Flugschüler Marc Aurel Lehmann in einer kleinen zweimotorigen Maschine die Welt – in 47 Tagen. Längste Etappe 16 Stunden, 52 Minuten – über offenem Meer. Max: Das war eine interessante Herausforderung.

Im vergangenen Jahr hat der Fliegerstammtisch, der sich monatlich in Strausberg trifft, Siegmund Jähn verabschiedet. Nun musste Karl-Heinz Maxwitat gehen. 86 Jahre, ein langes, reiches Leben.