Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD)
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSie ist das Gesicht des Krisenmanagements, diejenige, die Berlin und das Berliner Gesundheitssystem durch die Zeiten von Corona führt. Zwischen unzähligen Telefonkonferenzen hat die Sozialdemokratin Dilek Kalayci, 53 Jahre, Zeit für ein Interview. Ein Gespräch über strenge Ausgangssperre, Vorratshaltung von Schutzkleidung und die Frage: Was kommt nach der Krise?

Frau Kalayci, Sie haben diese Woche an die Älteren appelliert, freiwillig in Quarantäne zu gehen. Jetzt ist ein 42-Jähriger an den Folgen der Corona-Infektion gestorben.

Es sind inzwischen zwei weitere 82-Jährig verstorben. Wir wissen, dass beide Verstorbenen Vorerkrankungen hatten. Das zeigt, wie ernst die Lage ist. Nicht nur die Älteren sind gefährdet, sondern auch Jüngere können betroffen sein.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder für eine harte Ausgangssperre plädiert. Sind Sie unzufrieden mit dem Weg, auf den sich der Senat verständigt hat?

Ich bin sogar sehr zufrieden. Die Reduzierung der Kontakte ist der richtige Weg, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Genau das hat der Senat beschlossen. Sicherlich gibt es Spielräume, man kann spazieren gehen, kranke Menschen oder Partner besuchen. Aber wir leben in einer Pandemie-Zeit. Das hat einfach alles verändert. Und wir müssen alles tun, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Aber gibt es nicht doch etwas zu viele Ausnahmen? Hätte man die Ausgangssperre nicht noch strenger fassen sollen?

Wie sind auf einer bundeseinheitlichen Linie – was ich von Anfang an befürwortet habe. Es ist zwar richtig, dass andere Bundesländer an einigen Stellen andere Regelungen haben, aber die Gesamtstrategie ist gleich.

Zu dieser Strategie gehört in Berlin und anderen Bundesländern das sogenannte Containment. Dabei werden bei jedem Infizierten die Kontaktwege nachvollzogen, um mögliche Ansteckungen rechtzeitig zu erkennen und Betroffene in Quarantäne zu nehmen. Inzwischen sind die Gesundheitsämter am Anschlag. Wie lange kann diese Strategie in Berlin noch weiterverfolgt werden?

Diese Strategie bringt tatsächlich sehr viel bei der Eindämmung des Virus. Das hat kürzlich der RKI-Präsident Lothar Wieler noch mal bestätigt. Wir haben unsere Gesundheitsämter sehr frühzeitig personell verstärkt. Auch vom Landesamt für Gesundheit und Soziales habe ich Personal für die Bezirke bereitgestellt. Containment bleibt die Hauptstrategie. Auch wenn der Aufwand riesig ist, müssen die Infektionsketten weiter durchbrochen werden.

Aber es ist nicht Ihre einzige Strategie?

Nein. Ich habe außerdem empfohlen, die älteren Menschen gegen Pneumokokken und Keuchhusten zu impfen, um die Anfälligkeit für Corona etwas zu mildern. Nach den Rückmeldungen, die ich bekomme, hat auch das soweit ganz gut funktioniert. Es gibt einfach Menschen mit einem erhöhten Schutzbedürfnis; das sind ältere Menschen und Menschen mit einer Vorerkrankung. In diesem Zusammenhang ist auch meine Äußerung zu verstehen, dass die älteren Menschen sich freiwillig in Quarantäne begeben. Ich will sie ja nicht einsperren. Sondern sie vor einer schlimmen Krankheit schützen, die sich gerade breitmacht und tödlich sein kann.

Nichtsdestotrotz steigen die Fallzahlen weiter. Wie lange kann unser Gesundheitssystem das noch aushalten?

Wir haben im Vergleich mit Italien eine deutlich bessere Ausstattung mit Intensivbetten. Und die verdoppeln wir jetzt auch noch. Aber wir befinden uns erst am Anfang der Epidemie. Das Gesundheitssystem kann noch so gut aufgestellt sein. Trotzdem kann keiner garantieren, dass wir nicht doch an unsere Grenzen kommen. Deswegen haben wir entschieden, die Corona-Klinik in der Jafféstraße zu bauen – quasi als Überlauf-Kapazität. Dies ist eine dringende wichtige Ergänzung zu unseren Krankenhäusern. 

Kommen wir einmal zur medizinischen Infrastruktur. Der Senat hat gerade das Safe-Konzept für Berliner Kliniken beschlossen. Damit soll geregelt werden, welche Kliniken künftig was machen. Wohin werden die Corona-Opfer gebracht? Wo bleiben die anderen Patienten? Heute schlägt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Alarm, weil keine Schutzmaterialien mehr zu bekommen sind. Die KV fordert auf, „unverzüglich ein Maßnahmenpaket aufzusetzen, um den drohenden Zusammenbruch der medizinischen Versorgung in Berlin noch zu verhindern“. Haben sie die niedergelassenen Ärzte vergessen?

Der Zustand, über den sich die KV gerade beklagt, ist ein internationaler Zustand. Die Beschaffung von Schutzkleidung ist auf Bundes- wie auf Landesebene schwierig. Und der Markt ist zurzeit alles andere als seriös. Deswegen hat der Bund eine zentrale Beschaffung auf den Weg gebracht, wofür ich sehr dankbar bin. Das Bundesgesundheitsministerium hat uns zugesichert, dass die Kassenärztliche Vereinigung durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung die persönliche Schutzausrüstung bekommt. Darauf verlasse ich mich. Über diesen Weg werden auch die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder versorgt.

Ist das ein Modell für die Zukunft? Nach Corona?

Tatsache ist: Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind kalt erwischt worden. Die Kliniken hatten Vorräte, einige für Wochen, andere für Monate. Die Kassenärzte hatten keine. Wir müssen nach der Krise darüber reden, wie auch die niedergelassenen Ärzte eine Bevorratung umsetzen können – und wer dafür zuständig ist. Für solche Strukturfragen ist im Moment aber nicht die richtige Zeit. Wir müssen jetzt eine Krise bewältigen.

Hat der Senat, haben Sie sich Gedanken gemacht, wie das Leben in Berlin wieder angeschaltet werden kann. Wird es einen Tag geben, ab dem alles wieder „normal“ läuft? Kehren wir schrittweise zurück zur Normalität?

Das sind ganz grundsätzliche Fragen, die natürlich auch die anderen Bundesländer betreffen. Sich bundeseinheitlich abzustimmen, macht hier auch Sinn. Wenn die Zahlen sich etwas abflachen, könnte man natürlich die strengen Verbote wieder etwas lockern. Ob weitere Maßnahmen erforderlich werden, wird die Entwicklung zeigen.

Was glauben Sie, wird nach einer Lockerung anders sein?

Ich denke, dass all die Maßnahmen der vergangenen Tage und Wochen die Menschen nachhaltig beeinflussen. Diese Epidemie kann uns noch Monate oder gar Jahre beschäftigen. Und ich hoffe, dass auch nach einer Lockerung der Regeln jedem klar ist, dass er mit dem eigenen Verhalten einen Beitrag zur weiteren Eindämmung des Virus leisten kann. Ich hoffe sehr, dass die Gesellschaft inzwischen ein Stück weiter ist. Vor allem bei der Eigenverantwortung und der Disziplin in einer solchen Pandemie-Zeit.

Zur Person

Dilek Kalayci (früher: Dilek Kolat, geb. Demirel) wurde am 7. Februar 1967 in Kelkit in der Türkei geboren. Mit drei Jahren kam sie nach Berlin, wo sie später an der Otto-Hahn-Oberschule in Neukölln ihr Abitur machte und an der TU Berlin Wirtschaftsmathematik studierte.
In die BVV Schöneberg zog die SPD-Politikerin erstmals im Jahr 1995 ein, sechs Jahre später wechselte sie ins Abgeordnetenhaus. Im Dezember 2011 wurde sie Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration und später auch Bürgermeisterin, seit 2016 verantwortet sie die Bereiche Gesundheit, Pflege und Gleichstellung.