Mitte - Berlin hat wahrscheinlich seinen ersten Kältetoten in diesem Jahr. Kurz nach 0 Uhr in der Nacht zum Sonnabend meldeten Passanten der Feuerwehr einen leblosen Mann. Der Obdachlose saß in einem Rollstuhl unter der S-Bahn-Brücke am Hackeschen Markt.

Polizisten sperrten den Ort vor den Blicken neugieriger Touristen und Partygänger ab, die mit Bierflaschen in den Händen das Geschehen von der anderen Straßenseite aus verfolgten. Bei dem Toten handelt es sich nach Angaben eines Polizeisprechers um einen 49-jährigen Mann aus Polen. „Fremdverschulden schließen wir aus“, so der Sprecher. Kumpels des Toten vermuten, dass die Kombination aus Kälte und Alkohol dem Mann den Tod brachten.

Damit in den nächsten Tagen, in denen Dauerfrost und nächtliche Tiefstwerte von minus sieben Grad erwartet werden, nicht weitere Menschen auf den Straßen sterben, haben sich die Hilfsorganisationen vorbereitet. Eine von ihnen, die Berliner Stadtmission, lud am Sonntag die Öffentlichkeit ein, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es in einer recht großen Obdachlosenunterkunft zugeht.

Menschen mit Herzenswärme

HalleLuja nennt die Hilfsorganisation ihre Traglufthalle. Als sei ein Ufo auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs gelandet, liegt die weiße Kuppel hinter dem Ring-Center an der Frankfurter Allee. „Ballon“ nennen es die Gäste, sagt Lotte Kauppert, die seit drei Jahren als Ehrenamtliche immer wieder hier arbeitet. Eigentlich ist sie Studentin an der TU. Sie weiß noch, wie es hier vor drei Jahren aussah: einfache Liegen standen da auf Grasboden.

Heute mag es manchem Wohnungslosen durchaus himmlisch vorkommen, nicht nur wegen der sich weiß wölbenden, auf leichten Luft-Überdruck schwebenden Decke. Man betritt eine zwar große, aber angenehm warme Halle, die fast gemütlich wirkt. Grünpflanzen stehen da, der Boden ist mit grauem Filz belegt. 

Auf den langen, mit weiß gepunkteten Tüchern bedeckten Tischen, an denen die Gäste abends Suppe und Tee zu sich nehmen und morgens frühstücken, stehen Töpfchen mit violetten Primeln. Vier schwarze Kunstledersofas bilden, im Karree stehend, eine Art Wohnzimmer, darüber ein dunkelroter Sonnenschirm. In einer Ecke können die Gäste eines im vergangenen Jahr verstorbenen Schicksalsgenossen gedenken. Ganz klar, hier sind Menschen mit Herzenswärme am Werk, die anderen in bedrängter Lage Gutes tun.

Im Essenausgabe-Bereich bereiten Freiwillige den Abend vor; der Sanitätscontainer mit Duschen und Toiletten macht einen pikobello Eindruck. Es gibt die wichtigsten Toilettenartikel, auch Rasierer. In der Kleiderkammer liegen die Sachen bereit, die gerade verfügbar sind. Der Schlafbereich liegt etwas abgetrennt. Seit 2018 gibt es Doppelstockbetten, jeweils nach zwei Seiten hin durch freundlich-hellgraue Platten vom Nachbarbett abgeschirmt. Darauf jeweils eine Decke. Alles ist einfach, aber nichts verranzt oder schmuddelig.

Manchmal einfach machtlos

So still wie am Sonntagnachmittag sei es natürlich nicht, wenn am Abend mehr als hundert Männer hier eingetroffen sind. So viele Plätze gibt es. Wenn mehr kommen, werden sie mit Hilfe von Kältebussen in andere Quartiere gefahren. Und voll sei es immer, sagt die ehrenamtliche Helferin.

7,50 Euro pro Stunde bekommen die Freiwilligen, nicht eben viel zum Beispiel für eine Nachtschicht, die gelegentlich Konflikte mit sich bringt. Sie findet, dass sich die Verantwortlichen der Stadt zu stark auf die Freiwilligen stützen. Das Hilfssystem brauche mehr hauptamtliche, professionelle Kräfte. „Wir probieren ja alles“, sagt die junge Frau, „doch manchmal sind wir einfach machtlos.“

Dabei stehen der Berliner Kältehilfe in diesem Winter 1100 Übernachtungsplätze zur Verfügung – 100 mehr als zunächst geplant. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sprach im Dezember davon, dass man gut vorbereitet sei auf kältere Tage. Obdachlosen, die es wünschen, könne man wenigstens ein Dach über dem Kopf anbieten.

So wurden in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof hundert Schlafmöglichkeiten geschaffen. Neu entstanden auch 37 Plätze in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in der Rathenower Straße in Mitte. Noch mehr Plätze soll es ab Herbst 2018 geben, von 1500 ist die Rede.

Im HalleLuja arbeiten inzwischen Teams mit Erfahrung. Konflikte regelt man in den allermeisten Fällen durch Gespräche, wenn ein Streit eskaliert, greift der stets mit zwei Personen anwesende Wachschutz ein. Nur in seltenen Fälle müsse man die Polizei rufen, berichtet Lotte Kauppert – sie selber habe das noch nie erlebt.

Berliner, die Kleidung spenden wollen, sind übrigens im HalleLuja während der Öffnungszeiten stets willkommen – also zwischen 18 Uhr und neun Uhr morgens. „Gebraucht werden Männerklamotten aller Art“, sagt die Ehrenamtliche, „zur Zeit sind Socken und Unterhosen knapp“.