Berlin - Er sammelt Räuchermännchen in Bahnuniformen, fährt zu jeder Rennrodel-Meisterschaft und leitet hauptberuflich Europas größten und modernsten Kreuzungsbahnhof. Wir trafen Thomas Hesse, Chef des Berliner Hauptbahnhofs, in seinem Büro im zweiten Stock des Bügelbaus am Washingtonplatz.

Herr Hesse, es ist Ferienzeit, wie zeigt sich das in Ihrem Bahnhof?

Normalerweise passieren täglich rund 300.000 Menschen den Bahnhof, wenn Ferien sind, sind es etwa 350.000 bis 360.000. Wir haben Erhebungen dazu gemacht. Kurz vor Feiertagen, am Sonntag oder am Freitagnachmittags ist das ähnlich. Und wenn große Veranstaltungen sind, erreichen wir locker auch mal 400.000.

Wann ist denn die Kapazitätsgrenze Ihres Bahnhofs erreicht?

Es gibt keine Grenze. Außerdem haben wir noch Kapazitäten. Etwa für Züge zum neuen Flughafen BER.

Das könnte noch ein Weilchen dauern ...

Wir sind vorbereitet. Wenn der Flughafen öffnet, gibt es auch direkte Zugverbindungen vom Hauptbahnhof. Außerdem haben wir im Fahrplan Reserven, damit ausreichend Züge zum Einsatz kommen können, und das Konzept für ein neues Wegeleitsystem steht auch schon fest. Wir gehen davon aus, dass sehr viele Fluggäste mit der Bahn in die Stadt fahren und von hier weiter. Ich bin gespannt, wo sich dann die Taxis von Tegel aufstellen.

Vor dem Bahnhof ist ja jetzt schon kein Platz. Kann man später auch mal am Hauptbahnhof einchecken wie in anderen Städten?

Wenn das gewünscht wird, organisieren wir das. Bisher ist noch niemand an uns herangetreten.

Welche Aufgaben hat so ein Bahnhofsmanager wie Sie?

Ich sorge dafür, dass der Kunde zufrieden ist, sich zurechtfindet und kein Müll herumliegt. Ich muss sicherstellen, dass der Bahnhof betriebs- und funktionssicher ist und niemand zu Schaden kommt. Also dass das Bauwerk in Ordnung ist, die Technik, die Klimaanlagen, die Brandmeldeanlage. Es gibt hier 4500 Brandmelder, 5000 Sprinklerköpfe, die müssen wöchentlich geprüft werden. Wird ein Brandmelder ausgelöst, kommt jedes Mal die Feuerwehr, innerhalb von drei Minuten.

Wie oft haben Sie Feueralarm?

Das kann vier- fünfmal die Woche vorkommen. Einen richtigen Brand gab es aber noch nicht, toi, toi, toi. Oft waren Raucher schuld oder Bauarbeiten. Meistens können wir die Verursacher feststellen.

Haben Sie nach den jüngsten Anschlägen von Nizza und Paris die Sicherheitsvorkehrungen erhöht?

Der Bahnhof wird von Anfang an permanent durch Kameras überwacht. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit der Bundespolizei und der Feuerwehr. Die Feuerwehrleute kennen durch Übungen und Begehungen den Hauptbahnhof genau. Ein Gefühl von Sicherheit lässt sich aber vor allem durch Präsenz erzeugen, dadurch, dass permanent Mitarbeiter – auch von der DB Sicherheit und Bundespolizisten – unterwegs sind, aufmerksam gucken und jedes NZG melden.

NZG?

Ein nicht zuzuordnendes Gepäckstück, wie wir sagen. In 90 Prozent der Fälle findet sich der Besitzer wieder ein. Er war einkaufen, ist mit Kinderwagen in einen Zug gestiegen und hat den Koffer auf dem Bahnsteig vergessen oder wollte sein Gepäck aufgeben und hat das benachbarte Gepäckfach zugeschlossen statt seines.

Wie oft kommt das vor?

Das kommt schon öfter vor. Die Bundespolizei entscheidet dann über die nötigen Maßnahmen.

Am Hauptbahnhof kommen Minister, Staatsgäste und Prominente an. Wen kennen Sie persönlich?

So einige. Zum Beispiel begleiten wir Bundesminister zum Zug als Zeichen der Wertschätzung, wie den Verkehrsminister oder den Außenminister. Die schwedische Königin kam mit dem Zug in Berlin an, die Präsidenten von Malaysia, Brasilien oder Kuwait waren hier. Indiens Premier Modi hat sich den Bahnhof angesehen.

Wie viele Bahnhöfe kennen Sie?

Das kann ich nicht sagen, aber es sind sehr viele. Ich habe seit 1994 nur mit Bahnhöfen zu tun, war für Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Nordbayern und später dann für Brandenburg zuständig. Das sind schon rund 1800 Bahnhöfe. Hinzu kommen die internationalen, wir haben Bahnhofspartnerschaften mit Moskau, Warschau, Rom, Zürich, Kopenhagen, Paris, tauschen uns aus, informieren uns.

Was ist im Vergleich zu diesen das Besondere an Berlin?

Es gibt keinen anderen Bahnhof in Europa, wo Sie in alle Richtungen, Ost-West, Nord-Süd, abfahren können, keinen, der mehr internationale Zugziele hat – wir haben 44. Bei uns ist das barrierefreie Umsteigen auf fünf Etagen möglich, deshalb kommt es darauf an, dass die Fahrtreppen und Aufzüge hier funktionieren.

Und wo hapert es?

An einer guten Verkehrslösung für den Europaplatz. Es sollte endgültig geklärt werden, wo Busse halten und Taxivorfahrten sind. Da gibt es viele Orientierungsprobleme.

Andere Bahnhöfe haben Probleme mit der Drogenszene, mit Obdachlosen, Sauberkeit. Warum Sie nicht?

Hier ist es gelungen, durch die Architektur und viel Glas Sichtachsen und Transparenz zu schaffen. Alles andere ist eine Frage der Organisation. Unsere Mitarbeiter sind erkennbar für alle Reisenden unterwegs, um den Bahnhof sauber zu halten. Für Wohnsitzlose haben wir zum Beispiel eine Vereinbarung mit der Stadtmission getroffen. Wenn wir anrufen, kommt jemand und holt sie ab.

Wie wird der Bahnhof in zehn Jahren aussehen?

Immer noch so freundlich, hell und sauber. Aber es werden mehr Menschen hier sein, weil das Umfeld sich entwickelt. Hier entsteht gerade die Europa-City mit Hotels, Wohnungen, Büros. Das wird ein richtig boomendes Gebiet.

Möchten Sie dann hier wohnen?

Ich wohne seit eh und je in Dresden und in der Woche in Berlin. Ich bin mit Dresden verwachsen.

Das Interview führten Sabine Deckwerth und Camilla Kohrs.