Um 15.20 Uhr sind die Reihen im großen Gebetssaal fest geschlossen. Etwa 150 Menschen sind zum Freitagsgebet in die Khadija Moschee in Heinersdorf gekommen. Imam Sahid Ahmed Arif hebt seine Stimme zur ersten Gebetssure. Die Gläubigen beugen sich, knien nieder, stehen wieder auf.

Vor zehn Jahren wollte diese Moschee kaum jemand haben. Heinersdorfer fürchteten sich vor Muezzin-Rufen. Andere erwarteten die Scharia. Jetzt ist die Moschee da, aber wieder müssen sich die Gläubigen mit Ängsten auseinandersetzen. Die Angst vor dem Islam treibt derzeit Menschen in allen Teilen Deutschlands um. Jeder Moslem ist irgendwie auch verdächtig.

Dort, wo sich heute betende Menschen versammeln, wurde vor zehn Jahren gebrüllt, skandiert und protestiert. Das Gebetshaus an der Tiniusstraße war der erste Moschee-Neubau in den östlichen Bundesländern. In Heinersdorf hat die Furcht vor dem Fremden vor zehn Jahren den Ortsteil regelrecht gesprengt. Die Auseinandersetzungen um dieses Projekt waren über Heinersdorfs Grenzen hinaus derart heftig, dass eine Beruhigung vollkommen unwahrscheinlich schien.

„Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden“, sagt Muhammad Asif Sadiq heute. Er kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Sadiq ist ein sanft wirkender Mann. Er kann aber hartnäckig sein. Einschüchtern ließ er sich jedenfalls selbst von Rechtsradikalen auf dem Höhepunkt des Moschee-Streits nicht.

Die Gemeindemitglieder haben sich den Frieden mit ihrem Umfeld hart erarbeitet. Sie beteiligen sich an jedem Tag der offenen Moschee. Sie hängen in der Stadt Plakate mit Friedensbotschaften auf und verteilen Handzettel gegen den Terror. Regelmäßig laden sie die Nachbarschaft ein, auch am kommenden Samstag wieder. Die Gemeinde veranstaltet zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan das Id-Fest.

An der Tiniusstraße wird fünf Mal am Tag gebetet

Interessierte können sich aber jederzeit ein Bild machen. An der Tiniusstraße wird fünf Mal am Tag gebetet. „Es kommen immer Leute. Vor allem aus Wedding“, sagt Sadiq. Dort wohnen viele Gemeindemitglieder. Die Mitglieder der Gemeinschaft sind auch in Berlin sehr aktiv. Sie engagieren sich für Flüchtlinge. Im April haben sie als Friedensbotschaft mit Bundestagsmitgliedern und dem Bezirksbürgermeister von Mitte Christian Hanke (SPD) am Paul-Löbe-Haus Bäume gepflanzt. Im Juni kam Besuch aus Thüringen.

Thüringische Lokalpolitiker wollten sich in Heinersdorf die Moschee ansehen. Denn die Ahmadiyya-Gemeinschaft möchte auch in Erfurt bauen. In einem Industriegebiet am Rand der Stadt soll eine Gebetsstätte entstehen. Allerdings protestierte Pegida umgehend und monierte eine islamische Landnahme. Sadiq weist eine solche Unterstellung zurück. „Wir wollen nicht das Land islamisieren, sondern die prekäre Situation für die Gemeindemitglieder verbessern“, sagt er. In Erfurt hat die Ahmadiyya 70 Anhänger, in Leipzig 80, in Sachsen etwa 300. In Leipzig gibt es auch Baupläne. Dort wurde bereits ein Architektenwettbewerb entschieden. Noch in diesem Jahr soll der Grundstein gelegt werden.

Die Khadija Moschee gehört zur Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat, einer in West-Deutschland recht etablierten Gemeinschaft mit Wurzeln in Pakistan. Es ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts.

"Es ist jetzt unglaublich friedlich hier."

Sandra Caspers, eine Grafikdesignerin aus Heinersdorf, und die ehemalige SPD-Abgeordnete Christa Müller haben sich damals sehr für eine Konfliktlösung engagiert. „Es ist jetzt unglaublich friedlich hier. Ich hatte schon ganz vergessen, wie es war“ sagt Sandra Caspers. Anfang 2006, als die Baupläne für die Moschee in Heinersdorf bekannt wurden, hatten sich Moscheegegner zu einer aggressiv auftretenden Bürgerinitiative formiert. NPD und Pro Deutschland nutzten den Konflikt. Die Antifa rief zu Gegenaktionen auf. Christa Müller sagt, sie werde wohl niemals die Informationsveranstaltung in der Turnhalle der benachbarten Grundschule vergessen. „Mein Mann und ich saßen mittendrin. Die Turnhalle war überfüllt.

Diese Rufe von den Gegnern, man kann wirklich sagen, das war ein Mob. CDU-Abgeordnete saßen hinter uns und haben gepöbelt. Draußen skandierte die NPD, die Fenster waren offen. Ich hatte Angst. Ich habe immer nur gedacht, ob ich hier wohl aus dem Fenster rauskomme, wenn es eskaliert“, sagt Christa Müller. Sandra Caspers hat heute noch die Fernsehbilder vor Augen: die Leute auf den Fensterbrettern, die „Wir-sind-das-Volk“-skandierende Menge, die Nachbarn im Interview. „Ich hab mich so geschämt“, sagt Caspers. Sie gründeten später mit anderen eine Art Willkommens- und Dialoginitiative. Es ging darum, den Märschen gegen den Bau der Moschee, den Schmähungen und Kundgebungen etwas entgegenzusetzen.

Christa Müller ist vor zwei Jahren einmal zu einer Informationsveranstaltung nach Leipzig gereist, um den Bürgern dort von den Erfahrungen in Heinersdorf zu erzählen. „Die Leute waren dankbar, jemanden zu sehen, der ein solches Projekt aus eigener Anschauung kennt“, sagt sie. Eine Leipziger Besuchergruppe hat anschließend die Khadija Moschee besichtigt. Christa Müller würde auch nach Erfurt fahren. „Transparenz ist alles. Die Leute haben ein Recht auf klare Aussagen“, sagt Christa Müller. Am Ende habe sich alles erst durch Tatsachen beruhigt, sagt Christa Müller. Ein fertiger Bau. Regelmäßiges Gebet. Eine Form von Normalität.