Wer Barbara Jungnickel beim Aufbauen ihres kleinen Cafés zuschaut, merkt schnell – das macht sie nicht zum ersten Mal. In Windeseile nimmt sie die vier hölzernen Klappstühle vom Wagen, dann kommt das Tischchen an die Reihe. Aus einer Schublade zieht sie eine Tischdecke, aus einer Kiste eine Vase mit frischen Blumen, es folgen Tassen, Becher, zwei Thermoskannen, Löffel, Zucker, Süßstoff und Kaffeesahne – fertig ist das Café. Der nächste Schritt ist auch immer der gleiche: Barbara Jungnickel setzt sich hin. Und wartet.

Seit fast zwei Jahren ist die 53-Jährige mit ihrem „Café auf Rädern“ im Schleipfuhlviertel in Hellersdorf unterwegs, zweimal pro Woche, ehrenamtlich. Mal steht sie – wie an diesem Tag – vor dem U-Bahnhof Cottbusser Platz, mal auf dem Boulevard Kastanienallee, manchmal auch am U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße. Ihr Ziel: Da zu sein für ein Gespräch. Und Gespräche führt sie, jedes Mal. „Los geht es immer mit Small Talk“, sagt sie. „Der Rest ergibt sich.“

Mit den Rechten mitgelaufen

Dass Barbara Jungnickel überhaupt unterwegs ist mit ihrem kleinen Café, ist dem Sommer 2013 zu verdanken. Damals entstand in einer ausgedienten Schule in der Carola-Neher-Straße in Hellersdorf ein Flüchtlingsheim, es gab Bedenken von Anwohnern, es gab Protest, es gab sogar Anschläge auf das Heim. Die evangelische Kirchengemeinde, die gleich um die Ecke in der Glauchauer Straße ihren Sitz hat, erlebte all das mit. „Wir hatten damals den Eindruck, dass viele Anwohner bei den Rechten mitlaufen, weil sie nicht angehört wurden“, erinnert sie sich. Die Gemeinde beschloss, den Menschen zuzuhören, und schickte Barbara Jungnickel in die Spur. Mit Bollerwagen, Tischchen, Tee und Kaffee. „Ich kann gut auf Leute zugehen“, begründet die Gemeindepädagogin, dass die Wahl auf sie fiel.

Längst hat sie herausgefunden, wie sie Leute an ihren kleinen Tisch holt – und wen sie überhaupt anvisiert. „Mürrische und Eilige spreche ich nicht an“, sagt sie. Meist orientiere sie sich daran, wer neugierig schaut. Mit dem Satz „Kann ich Sie vielleicht auf eine Tasse Kaffee einladen“, baut sie die erste Brücke.

Ferien, Pokémon, Spielplätze

An diesem Nachmittag gehen eine Frau, ein Mädchen und zwei Männer auf das winzige Café zu. „Wollen wir?“, fragt die Frau auch ohne den Einleitungssatz ihre Begleiter – und dann sitzen sie. Nicht zum ersten Mal, wie sich herausstellt. Im Gespräch geht es um die Ferien, um Pokémon, um Spielplätze. Barbara Jungnickel hört zu, reicht Kaffee und Wasser und Kekse. „Die Frau saß auch schon mal allein hier bei mir, sie hat ganz viel von sich erzählt“, sagt sie später. Die Nächsten am Tisch sind eine Afghanin und ihre beiden kleinen Kinder aus dem benachbarten Flüchtlingsheim. Der Junge, vier Jahre alt, will unbedingt den Kaffee kosten, das Kleinkind trinkt die Kaffeesahne direkt aus dem winzigen Spender. Die Sprachbarriere verhindert ein Gespräch, dennoch lächeln beide Frauen, und die Afghanin lobt danach „Kaffee guuuut“. Dann geht sie weiter.

Skeptische Reaktion

Viele Passanten seien zunächst skeptisch, weil der Kaffee umsonst ist, sagt die Jungnickel. „Oft denken sie, dass ich irgendwas will von ihnen und Hintergedanken habe.“ Einmal habe ein Mann 45 Minuten neben dem Tisch gestanden und nur geschaut, dann setzte er sich schließlich hin. Eine ältere Frau breitete vor Barbara Jungnickel ihr ganzes Leben aus – sie sprach über den Krieg, den schlagenden Vater, ihren alkoholabhängigen Mann. „Das war kein schönes Leben“, erinnert sich Jungnickel, „ich habe den Wagen danach zusammengepackt und bin gegangen. Ich konnte mich danach nicht mehr auf jemand neues einlassen.“ Warum sie ihr so vertraue und all das erzähle, habe sei die Frau noch gefragt. „Weil ich sie nicht kenne“, habe die alte Dame geantwortet.

Dass sie von der evangelischen Gemeinde kommt, erzählt Barbara Jungnickel nur, wenn jemand wissen will, wer hinter dem Café steckt. Um Gott oder gar um Bekehrung geht es ihr nicht, sagt sie. „Ich lebe selbst in Hellersdorf, ich bin 1989 hierher gezogen“, sagt sie. Sie verstehe, was die Leute bewegt – „auch wenn ich ihre Ansichten nicht teile.“

Längst weiß man im Bezirk von der Frau mit dem kleinen Caféwagen; schon mehrfach erzählte sie Bezirkspolitikern, was die Leute bewegt. Auch für sie selbst, sagt Barbara Jungnickel, seien die Begegnungen mit den Menschen ein Gewinn. „Es ist der richtige Weg, den wir hier eingeschlagen haben.“