Betreiber Fred Schöner (60) blickt trotz Corona-Einschränkungen optimistisch in die Zukunft.
Foto: Berliner Zeitung/Bernd Friedel

Berlin-HellersdorfFred Schöner (60) hat schon viel mitgemacht mit seiner „Kiste“, die er seit vielen Jahren leitet. Dieser kleine legendäre Kulturtreff befindet sich in Hellersdorf und gilt als Institution im Ostberliner Plattenbauviertel. Die „Kiste“ kann alles mögliche sein: ein Tanzschuppen, eine Konzertbühne, ein Café, ein Kino, ein Kindertheater oder auch ein Ort für einen Senioren-Brunch. Für viele Hellersdorfer war der Laden eine emotionale Heimat – bis Corona alles beendete.  

Doch Fred Schöner ist geblieben, er lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn die Rollläden unten sind. Zu vieles hat er seit 1988 mit der „Kiste“ schon mitgemacht. Das hier ist nicht das erste Mal, dass das Aus droht.

Da stellt sich die Frage, warum er immer noch weitermacht? „Man will schon beweisen, dass es geht. Gerade hier in Hellersdorf, wo wir so etwas wie ein Nord-Süd-Gefälle haben. Hier ist Sizilien, in Biesdorf das reiche Norwegen.“ Dieser heiße Sommer wird alles entscheiden. Wieder einmal.

Im Kinosaal stehen die Stühle, die Fred Schöner aus dem Palast der Republik gerettet hat, bereits in Reihe. Mit Mitstreitern hat er den Raum mit der Leinwand Corona-tauglich umgebaut, als noch gar nicht klar war, dass er wirklich am 2. Juli wieder öffnen darf. Statt 50 Menschen werden dann nur noch 33 Zuschauer Platz nehmen können, aber immerhin.

Eigentlich wollte Fred Schöner zuerst mit dem Open-Air-Kino auf der Parkbühne  in Biesdorf starten. Ideen für das Programm hatte er schon lange. „Was spielt man, wenn die Leute solange keine Konzerte gehört haben? Musikfilme natürlich.“ Filme wie „Ray“, „Bohemian Rhapsody“, „Rocket Man“, „Lindenberg“, „Gundermann“. Zu diesem legendären Sänger aus dem Osten hat Schöner eine besonders innige Beziehung, denn der Liedermacher eröffnete 1989 die Kiste. Regisseur Andreas Dresen zeigte hier seine Studentenfilme.

Doch mit dem Kino draußen wird es erst mal nichts. Die Notstromanlage streikte, genau in den Moment  als die Behörden die Erlaubnis für Open-Air-Vorstellungen gaben. Ein Moment, in dem auch einer wie Fred Schöner kurz ins Zweifeln gerät. Doch dann macht man eben weiter. Schöner hofft nun, irgendwann im Juni starten zu können. 

Der Osten ist immer zu kurz gekommen.

Fred Schöner

„Der Osten ist immer zu kurz gekommen“, sagt Schöner auf die Frage, warum er noch immer hier ist. In der DDR hatte er hier am Stadtrand einen erfolgreichen Filmclub gegründet: Mit einer Mark Eintritt wurde man Mitglied für den Abend. Die Diskussionen waren legendär. „Damals war Hellersdorf ein Bezirk voller kluger Leute“, sagt Schöner. Wer zum Studium nach Berlin kam, landete in einer der neu gebauten Plattenbauwohnungen, zog erst später in die Innenstadt. Schöner zeigte auch Filme, die eigentlich verboten waren, und immer wieder den Klassiker: „Blutige Erdbeeren“. Er lavierte sich durch die Zeiten und war clever. Doch dann öffnete 1996 in der Nähe ein Multiplexkino – die Besucherzahlen brachen ein. Da war es von Vorteil, dass Schöner bereits verschiedene Standbeine hatte: Café, Kino, Konzerte, Nachbarschaftsarbeit.

„Wer hier herkommt, der erlebt keine Blase“, sagt Schöner. Junge, Alte, für sie alle hat er in seiner Kultur-Nische etwas im Angebot. „Wir versuchen hier, zusammenzubringen, was in der Gesellschaft immer stärker auseinanderdriftet. Generationen, unterschiedliche Sichtweisen, Kulturen.“

Nach den turbulenten Jahren lief es seit drei Jahren besser für sein kommunales Kino. Er bekam 100.000 Euro Finanzierung vom Bezirk. 200.000 erwirtschaftete er selbst. Doch dann kam die Pandemie. Bis Dezember kann er irgendwie durchhalten. Das Geld aus dem Kinoprogrammpreis des Medienboards Berlin-Brandenburg, den die Kiste in diesem Jahr gewonnen hat, hilft. Die Spenden der Gäste ebenfalls.

Auch das Café hat seit einigen Tagen wieder geöffnet. „Wir werden den Eisverkauf ausweiten, mal schauen, was gut geht“, sagt Fred Schöner. Irgendwie ging es bis hierher doch immer.