Ein futuristischer Solitär im Hochhaus-Einerlei, ein kühnes Werk, das sich der Sozialismus gegönnt hatte: Das Ahornblatt an der Fischerinsel machte etwas her. Architektur von Weltklasse. Der Schöpfer des spektakulären Zackenbaus, Ulrich Müther, war einer der Pioniere des Schalenbetonbaus, dessen Entwürfe die DDR auch gern exportierte.

Er hat auch die Zeiss-Planetarien in Kuwait, Tripolis, Helsinki und Wolfsburg entworfen.  Das letztgenannte Projekt wurde in den frühen 1980er-Jahren mit der Lieferung von 10.000 Exemplaren des VW Golf vergolten.

Die an ein Ahornblatt erinnernden fünf Dachelemente des Berliner Schalenbaus waren aus hyperbolischen Paraboloiden gebildet. Die Außenwände waren voll verglast. Lamellen dienten als Sonnenschutz. Die Konstruktionsgrundlage solcher Schalen bildete ein Netz aus Stahlstäben, ausgefüllt mit Spritzbeton. Extravagant und dennoch materialsparend und kostengünstig.

Privilegierte Wohnlage

Das Ahornblatt bildete das Zentrum des 1970 bis 1973 errichteten neuen Wohnviertels  mit fünf Hochhäusern und zwei Doppelhochhäusern. In unmittelbarer Nähe führt die Gertraudenbrücke über den Spreekanal auf die Spreeinsel.  

Bereits vor 1200 war das Gebiet  besiedelt und gehörte bis 1709 zur Stadt Cölln. Für die Neubauten wurden die Reste der bis zum Zweiten Weltkrieg bewahrten Altstadt samt ihres  mittelalterlich-malerischen Flairs abgerissen (1967 bis 1971).

Die Wohnungen waren beliebt, wer in den 1970er- und 1980er-Jahren dort einziehen durfte, galt als privilegiert. Kein Wunder, dass die Einwohner zum 1. Mai ordentlich flaggten, wie das Foto oben zeigt.

Unter der weiten Schale brachten die DDR-Planer eine Selbstbedienungsgaststätte mit 880 Plätzen unter, die zu ihren besten Zeiten täglich bis zu 5000 Mahlzeiten ausgab – an die Schüler der umliegenden Schulen, Ministeriumsmitarbeiter sowie die Bauleute des Palastes der Republik.

Nachmittags und abends wurde die Halle als öffentliche Gaststätte und für Veranstaltungen genutzt. Mit der Wende kam das Ende der Massenspeisung. Ein Zwischenspiel als Disco - ein Urvater des Techno, DJ Tanith, betrieb hier den Club Exit - blieb kurz.

Investor setzte Abriss durch

Dem unter Denkmalschutz stehenden Ahornblatt widerfuhr nach der Wende das gleiche Schicksal wie auch anderen letzten historischen Bauten ihrer Art. Es ist die Geschichte eines Skandals und ein Zeugnis der Ignoranz der Berliner Stadtplanung und Politik: Weil niemandem eine Nutzung des Gebäudes einfiel, verkaufte die Oberfinanzdirektion Berlin es 1997 an die Objekt Marketing GmbH.

Die Proteste  gegen die Tilgung eines Exempels der DDR-Moderne waren vehement. Auch die Berliner Architektenkammer widersprach massiv. Dessen ungeachtet erhielt der Investor eine Abrissgenehmigung für das Ahornblatt. Auch die Denkmalschutzbehörde fügte sich mit der Begründung, es gebe kein Nutzungskonzept und stimmte dem Abriss zu.

Am 19. Juli 2000 begann der Abbruch des Ahornblattes. An der so entstandenen Leerstelle erbaute die Accor-Gruppe ein Hotel – so gesichtslos wie fast alle anderen Bauten an einem Ort, wo sich einst früheste Berliner Geschichte abgespielt hatte. Man sollte dort Blumen niederlegen zum Gedenken an die mehrfache Stadt-Tortur.

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