Hohenschönhausen - Generalleutnant Nikolaj Kowaltschuk misstraute jedem, überall sah er Feinde, in der Bevölkerung ebenso wie in seinem Apparat. 1946 hatte der russische Geheimdienst MGB etwa 300 Häuser rund um den Orankesee und den Obersee okkupiert. Die sowjetische Armee vertrieb die Bewohner, das Viertel wurde zum Sperrgebiet und Kowaltschuk war der ranghöchste Geheimdienstoffizier vor Ort. Und wohl auch der gefürchtetste. Er unterdrückte alles, was sich gegen die sowjetische Besatzung richtete, erzählen Zeitzeugen. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 1949 hatte er angeordnet, 1060 Deutsche zu verhaften.

Diese Erinnerungen aus der Nachkriegszeit Berlins passt auf den ersten Blick gar nicht zu der Idylle, die Spaziergänger bei einem Rundgang um die beiden Seen in Hohenschönhausen erleben. Doch sie gehört zur wechselvollen Geschichte dieses Viertels.

Förderverein Obersee und Orankesee hat die Geschichte dieser Gegend in 20 Hörstücken veröffentlicht

An 20 Hörstationen rund um die beiden Seen können Spaziergänger sich jetzt mit lehrreichen und unterhaltsamen Geschichten über das Viertel informieren. Auf Parkbänken sind Schilder mit einem QR-Code angebracht, per Smartphone können sich Besucher die Erzählungen anhören. Es gibt zudem eine Internetseite, auf der neben den Hörstücken auch alte und neue Fotos zu sehen sind.

Der Förderverein Obersee und Orankesee hat die Geschichte dieser Gegend in 20 Hörstücken veröffentlicht. „Wir wollen diesem Ort ein lokales Gedächtnis schenken“, sagt Bärbel Ruben, die in den 90er Jahren das Heimatmuseum des Bezirks Hohenschönhausen geleitet hatte und heute zum Förderverein gehört.

800 Stunden Arbeit stecken in dem Projekt, das die Senatskulturverwaltung mit 14.500 Euro gefördert hat. Entstanden ist eine Art „lokales Gedächtnis“, sagt Nikola John vom Förderverein. Sie erzählt, wie sie mit Frauen aus dem Verein vor etwa einem Jahr am Orankesee gestanden habe, wie sie beim Reden festgestellt hätten, was sie alles schon über dieses Viertel wüssten. „Aber uns war nicht klar, was wir mit all unseren Wissen anfangen sollten. Wohin damit?“, sagt sie. Sie suchten Zeitzeugen und Experten, trugen geschichtlich Ereignisse aus Geschichte, Kunst und Architektur zusammen.

Senatskulturverwaltung fördert Projekt mit 14.500 Euro 

So kann jetzt jeder auf einem Rundgang zuhören, wie die Skulptur Sitzende Schwimmerin entstanden ist. Oder warum der Wasserturm errichtet wurde, wie Fische und Muscheln den See reinigen und wie sich das Ministerium für Staatssicherheit nach dem Abzug der sowjetischen Truppen die Häuser am See sicherte.

In zweigeschossigen Plattenbau-Wohnungen am Obersee wohnten ranghohe Stasi-Offiziere. An den Briefkästen standen keine Namen. Im Gästehaus der Stasi, einer Villa in der Oberseestraße 56, traf Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit in der DDR, die Kollegen verbündeter Geheimdienste. Auch Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski lebte dort.

Nach der Wende zog das Bezirksmuseum in eine der Stasi-Villen am See. Und Bärbel Ruben erforschte dort die Geschichte des Viertels mit seinen kleinen Seen. „Wie in einem Brennglas können wir hier die Geschichte eines Jahrhunderts erleben“, sagt sie. Damals entstand am Orankesee eine Villenkolonie. Ab 1893 gab es eine Pferdeomnibuslinie nach Berlin. Das Gebiet wurde zum Geheimtipp für Ausflügler. „Und immer interessierten sich die Herrschenden für diese Gegend“, sagt Bärbel Ruben.

Die geheimnisvolle Prinzessin Oranke

Heute gibt es im Wasserturm eine Cocktailbar, die Gäste sitzen in Liegestühlen und schauen auf den See. Das Mies-von-der-Rohe-Haus ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Bezirk.

Und dann gibt es da noch die Sage von der geheimnisvollen Prinzessin Oranke. In Vollmondnächten erscheint sie. Wer sich ihr nähert, den reißt sie in die Tiefe des Sees. Auch diese Geschichte kann man jetzt hören. An Station Nummer 7 am Ufer des Orankesees. Mit Blick auf das Strandbad.