Bin ich wie Freiherr zu Guttenberg, weil ich mich im Café nicht platzieren lasse?

Der Ex-Minister könnte früher mal an Kryptomnesie gelitten haben. Unser Autor ist spontan daran erkrankt, als er in Prenzlauer Berg Appetit auf Torte bekam.

Ist da ein Tisch frei? Nichts wie hin! Oder wird man platziert?
Ist da ein Tisch frei? Nichts wie hin! Oder wird man platziert?Berliner Zeitung/Markus Wächter

Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt – Kryptomnesie. Und das kam so: Es war Wochenende, ich hatte Appetit auf Torte und beschloss, ein Café aufzusuchen. Einfach so. Eine verrückte Idee, denn es verschlug mich an eine Straßenecke in Prenzlauer Berg, die unter Eingeborenen als touristisch extrem belastet gilt.

Umso fassungsloser war ich, als ich vor einem Lokal einen freien Tisch entdeckte. Zügig, aber ohne übertriebene Hast steuerte ich den Platz an. Und saß! Schon kam eine Kellnerin auf mich zu. Statt mir feierlich das Kuchenangebot mittels Karte zu unterbreiten, fragte sie: „Wurden Sie bereits über die Schlange informiert?“ Um Himmels Willen! Ein Reptil! Hier? Meinen Gesichtsausdruck falsch interpretierend, setzte die Frau auf Englisch nach: „Did you know, that this place has a queue?“ Warteschlange? Tatsächlich, einige Meter hinter mir döste ein knappes Dutzend Menschen vor sich hin.

Der kellnerisch formvollendet formulierte Rauswurf entmutigte mich nicht. Ich eilte hinüber zum Café auf der anderen Seite der Kreuzung, wo mich diesmal allerdings ein hölzerner Aufsteller ausbremste: „Du wirst von uns platziert.“ Ich war versucht, in meinen Hosentaschen nach Westgeld zu kramen, als es mich überfiel, dieses Sie-werden-platziert-Gefühl aus einer vergangenen Zeit und einem vergangenen Land.

Das konnte kein Zufall sein, denn schon vor einigen Monaten, zu Beginn der Corona-Pandemie, wurde mir ein paar Mal vor einem Supermarkt ganz komisch nostalgisch zumute angesichts der Hinweisschilder, dass zwingend ein Einkaufswagen mitzuführen sei. „Rundgang nur mit Korb“, diesen Satz bekam ich nicht mehr aus dem Kopf. Das alles zusammengenommen ließ nur einen Schluss zu: Ich war nicht ganz normal.

Manchmal hält man Ideen anderer für die eigenen – wie Karl-Theodor zu Guttenberg

Ich kaufte beim nächstbesten Bäcker einen Kameruner, fragte mich, ob diese Bezeichnung für ein klebriges Teilchen im Zeitalter von Queues noch politisch vertretbar sei, und ging nach Hause, wo ich mich auf das Wesentliche konzentrierte. Ich tippte in eine Suchmaschine die Phrase „vergessene Erinnerungen“ und landete bei einem dieser Lexika für Selbstdiagnostiker. Es teilte mir unter K wie Kryptomnesie mit, beim Rundgang nur mit Korb könne es sich um nichts anderes als eine Gedächtnisstörung handeln.

Demnach würden scheinbar nutzlose Ideen im Unterbewusstsein gespeichert und deaktiviert, um bei mehr oder weniger passender Gelegenheit abgerufen zu werden. Was einem zunächst als neue, mitunter hirnrissige Begebenheit vorkommt, entpuppt sich als schon einmal Erlebtes. Manchmal hält man bei dieser Art Störung die Einfälle anderer Leute für seine eigenen – Karl-Theodor-zu-Guttenberg-mäßig. Das ist ja eigentlich ganz praktisch, kann aber dazu führen, dass man wegen Ideenklaus seinen Job als Bundesverteidigungsminister oder sonst was verliert.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Hypochonder-Glosse
Christian Schwager ist Redakteur für Gesundheit und schreibt alle zwei Wochen an dieser Stelle über seine eingebildeten Krankheiten.

Ganz so stand das da nicht, aber so ähnlich. An anderer Stelle im Internet riet mir ein mutmaßlicher Psychologe zu einer Regressionstherapie. Dabei wird der Patient erst hypnotisiert und danach aufgefordert, traumatische Erlebnisse nochmals durchzumachen und abzuschließen.

Der Experte meinte, ich könnte bei Bedarf sogar in die Zukunft reisen, gedanklich, wobei ich meinem Unterbewusstsein ungeahnte Erkenntnisse entlocken würde. Ich glaube, das mache ich. Ich werde wieder ungezwungen Torte essen können, denn ich weiß dann ja, wann das ohne Queue geht. Und Lotto spielen werde ich auch.