Der pompöse Einmarsch des siegreichen preußischen Heeres und seiner Verbündeten in die Kaiser- und Reichshauptstadt Berlin fand am 16. Juni 1871 statt. Hier ziehen die Truppen unter dem Ehrenbaldach vom Pariser Platz in Richtung Unter den Linden. Das Gebäude ist das Palais Redern. Dort steht jetzt das Adlon.
Foto: Carl Günther/Wikipedia

BerlinUm den Festeinzug der deutschen Truppen am 16. Juni 1871 nach ihrem Sieg über Frankreich zu beobachten, hat der Fotograf einen besonders aussichtsreichen Platz erobert: Offenbar steht er auf dem Dach des Palais Beauvryé am Pariser Platz 5, in der seit 1835 die  französische Gesandtschaft residierte und das 1860 die französische Regierung gekauft hatte, um es als Botschaft auszubauen.

Überall schauen begeisterte Menschen den einrückenden Truppen zu: auf der Tribüne rechts, auf der zu Füßen des Fotografen, am Straßenrand, unter dem Ehrenbaldachin für die Honoratioren. Auf dem Dach des Palais Redern drängen sich Menschen.

Für jeden Soldaten einen Euro

Unter dem Baldachin hindurch paradieren die Truppen, insgesamt etwa 20 000 Mann. Die Siegeszugstraße führte vom Tempelhofer Feld die Belle-Alliance-Straße entlang, in die Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße) durch das Brandenburger Tor weiter Unter den Linden und endete am Schloss.

Die Stadt stellte für dieses Ereignis 150.000 Taler zur Verfügung, das wären fast eine Million Euro. Obendrein bekam jeder einziehende Soldat einen Taler, jeder Unteroffizier zwei.

Brandenburger Tor im Festschmuck für den Siegeszug der deutschen Truppen 1871
Foto: Wikipedia/BLueFISH.as

Nicht nur das Brandenburger Tor war mit Girlanden, Eichenlaub und Lorbeerkränzen geschmückt, auch entlang der Paradestrecke hatte man kräftig dekoriert: fünf Denkmalgruppen, drei Ehrenbogen, Dutzende Ehrensäulen und Siegesmasten, fünf über die Straße gespannte allegorische Gruppengemälde, zahlreiche Bildnisse (z.B. Bismarck und Moltke von A. Menzel), neun Riesengeschütze, über tausend eroberte Geschütze und viele eigene und eroberte Fahnen.

Die von der Stadt organisierte Spalierordnung entlang der sechs Kilometer sah vor, dass am Startpunkt am Kreuzberg das untere Volk - die Fabrikarbeiter – zu jubeln hatte. Richtung Brandenburger Tor platzierte man die nationalistisch gestimmten Turnvereine und Studenten. Am besten hatten es die Kriegerverbände, die sich Unter den Linden begeistern und Lieder wie die „Wacht am Rhein“ singen durften.

Der Erste war Napoleon

Brandenburger Tor und Pariser Platz wurden nicht zum ersten Mal Schauplatz nationalen Getöses: 1864 (nach dem Krieg gegen Dänemark) und 1866 (Preußen hatte Österreich bei Königgrätz besiegt) gab es ähnliche Spektakel. Theodor Fontane, einer der Beobachter 1871 bemerkte entsprechend: „Siehe da, zum dritten Mal ziehn sie ein durch das große Portal.“

Nicht zu vergessen Napoleon, der am 27. Oktober 1806 höchstpersönlich durch das Brandenburger in die eroberte Stadt einritt und den Ort erstmals richtig mit Nationalgefühl aufgeladen hatte. Als nach den Befreiungskriegen deutsche Truppen Paris erobert hatten, erhielt der vormals nach französischen Vorbild Quarree geheißene Platz 1814 den Namen Pariser Platz.

Vorläufig letzter Höhepunkt nationaler Begeisterung am Brandenburger Tor: die Feirn nach der Maueröffnung.

Berlin in historischen Aufnahmen

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An der noblen Hausnummer 1 des Berliner Renommierplatzes stand 1871 übrigens das Palais Redern, auf dem oberen Foto in der Bildmitte zu sehen. Der Architekt Karl Friedrich Schinkel hatte es 1830 bis 1833 für den Generalintendanten der Königlichen Schauspiele zu Berlin, den Grafen Friedrich Wilhelm von Redern, errichtet. Den Garten gestaltete der Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné.

Obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz stand, wurde es 1906 unter öffentlichem Protest abgetragen, es musste dem Hotel Adlon Platz weichen. So wurde das Palais Redern zu einem frühen Exempel der Architekturmassaker des anhebenden 20. Jahrhunderts.