Nur noch wenige Menschen gehen über den Alexanderplatz.
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BerlinNach der Verkündung der drastischen Maßnahmen rund um das Coronavirus wird das Leben in der sonst so trubeligen Hauptstadt ruhiger. Kommende Woche sollen neben Schulen und Kitas schließen, Kneipen, Bars und Clubs müssen ab sofort dicht machen  ebenso Sportstätten. Strenge Auflagen gibt es auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Regeln gelten zunächst bis einschließlich 19. April.  

In der Stadt ist deutlich weniger los. Die Straßen sind leerer als sonst, die Supermärkte hingegen voller Kunden, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Feuerwehr, Verkehrsbetriebe (BVG) und Polizei rufen die Berliner im Netz unterdessen zu Solidarität auf. Ein Überblick:

Infektionen: Mit Stand Freitagnachmittag lagen die nachgewiesenen Infektionen bei 216, teilte die Gesundheitsverwaltung am Samstag mit - eine Zunahme um mehr als 50 Fälle im Vergleich zu der am Freitag gemeldeten Zahl von knapp 160.

Im Krankenhaus isoliert und behandelt würden nun 13 Menschen, alle anderen seien zuhause in Quarantäne. Nach wie vor sind vor allem die mittleren Altersgruppen betroffen. Inzwischen sind aber auch knapp 20 Menschen über 60 nachweislich infiziert, darunter fünf über 70 und ein Mensch über 80.

Verkehr: Busse und Bahnen fahren vorerst weiter wie immer - und das so lange wie möglich, erklärte der Verkehrssenat noch am späten Freitagabend. Zuvor hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) angekündigt, dass die Angebote deutlich reduziert werden könnten. Doch Krankenhäuser, Sicherheitsbehörden und Versorgungsbetriebe müssten möglichst gut erreichbar bleiben, so der Verkehrssenat.

Zudem bedeute ein reduziertes Angebot, dass mehr Fahrgäste pro Verkehrsmittel zu erwarten seien. „Die daraus folgende Enge erhöht das Ansteckungsrisiko, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Busse oder Bahnen handelt.“

Künftige Einschränkungen des ÖPNV könnten aber nicht ausgeschlossen werden, sollte es zu vermehrten Erkrankungen oder Quarantäne-Lagen bei den Verkehrsunternehmen kommen, hieß es. Daher hätten die Senatsverwaltung, die BVG und die S-Bahn Schutzpläne für die Fahrgäste und für das Betriebspersonal beschlossen. Fahrerkabinen würden etwa in Bussen mit rot-weißem Band abgetrennt, und bei allen geeigneten Wagentypen der S-Bahn öffneten sich alle Türen an jeder Station automatisch. Fahrzeuge sollten zudem öfter gereinigt werden.

Die Senatsverwaltung hob außerdem das Sonntagsfahrverbot für Lastkraftwagen bis vorerst 1. Juni 2020 auf, um die Versorgung mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Medikamenten sicherzustellen.

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Freizeit und Nachtleben: Alle Theater, Kinos, Museen, Opernhäuser und sonstige Vergnügungsstätten sollen geschlossen bleiben. Bars, Kneipen und Clubs müssen ebenso geschlossen werden. Alle öffentlichen und nicht-öffentlichen Versammlungen über 50 Menschen sind verboten.

Fast alle bekannten Clubs öffneten schon am Freitagabend nicht mehr, darunter das etwas freizügigere Kitkat und der bekannte Tresor in Mitte, das Sisyphos in Lichtenberg, die Clubs Kater Blau, Wilde Renate und Suicide in Friedrichshain sowie Watergate und Ritter Butzke in Kreuzberg.

Laut der Berliner Clubcommission sind von den Schließungen 9000 Mitarbeiter und circa 20 000 Künstler betroffen. Es seien erste Maßnahmen eingeleitet worden, um die Liquidität aufrechtzuerhalten. Ohne öffentliche Hilfe werde es aber nicht gehen.

Kultur: Alle Theater und Opernhäuser sollen bis mindestens 19. April geschlossen bleiben. Auch in das Jüdische Museum, das Deutsche Historische Museum, das Alliierten Museum und das Museum für Film und Fernsehen können vorerst keine Besucher mehr kommen. Während der Schließung will der RBB möglichst viele Kulturangebote im Fernsehen zeigen und im Internet streamen.

Schulen und Kitas: Ab Montag werden die Oberstufenzentren geschlossen, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Ab Dienstag wird der Betrieb an den übrigen Schulen wie Grundschulen und Gymnasien eingestellt. Abschlussorientierte Prüfungen sollen aber stattfinden.

Laut einem Schreiben der Bildungsverwaltung finden ab sofort auch keine Schülerfahrten, Exkursionen oder sonstige schulischen Veranstaltungen statt.

Einrichtungen zur Kinder-Betreuung sollen ab Dienstag schließen, kündigte Senatorin Scheeres an. Eine Notbetreuung finde in der regulären Kita des Kindes statt und könne von Eltern genutzt werden, die «in systemrelevanten» Berufen arbeiteten und keine andere Möglichkeit der Betreuung hätten, teilte die Bildungsverwaltung mit. Beide Kriterien müssten erfüllt sein, hieß es. Welche Berufe gemeint seien, veröffentliche die Senatsverwaltung für Inneres und Sport noch auf einer Liste. Weitere Details sollten am Montag bekannt gegeben werden.

Sport: Berlins Schwimmbäder sind seit Samstagmorgen dicht - bis einschließlich 19. April. Unklar blieb zunächst, ob privat betriebene Sportstätten schließen sollen - etwa Fitness- oder Yogastudios. Auch der Berliner Halbmarathon findet nicht statt. Am ersten April-Wochenende stand die 40. Jubiläumsveranstaltung des Laufevents mit rund 34.000 Teilnehmern auf dem Programm. Der Lauf über 21,095 Kilometer gehört zu den größten Halbmarathons der Welt.

Kirchen: Der Berliner Dom hat alle Konzerte, Lesungen und Vorträge bis zum 19. April aus dem Programm gestrichen. Für Gottesdienste, Andachten und Vespern solle das Gotteshaus aber offen bleiben, teilte Domprediger Michael Kösling mit. Abstandhalter in den Bankreihen weisen aber auf mehr räumliche Distanz hin. Ab diesem Sonntag (15. März) sollen die Gottesdienste aus dem Dom online übertragen werden

Gefängnisse: Auch die Justiz sorgt vor. So wurde der Haftantritt für Menschen ausgesetzt, die wegen nicht gezahlter Geldstrafen hinter Gitter müssten. Es gelte ein Aufschub von vier Monaten, sagte der Sprecher der Justizverwaltung, Sebastian Brux, der Deutschen Presse-Agentur am Samstag. „Die Strafe entfällt nicht, sie wird nur aufgeschoben.“ Zum einen solle damit die Ansteckungsgefahr reduziert werden. Zugleich könnten so die medizinischen Ressourcen im Justizvollzug konzentriert werden. In den Berliner Gefängnissen seien derzeit aber keine Fälle bekannt.

Die Pandemiepläne für den Justizvollzug wurden laut Sprecher angepasst. Die Bediensteten im Justizvollzug seien über die neuartige Viruserkrankung und Vorsorge informiert worden. Einzelne Besucher und Externe wie etwa Anwälte werden beim Betreten nach Verdachtskriterien befragt. Der Zutritt kann verweigert werden. Besuchergruppen dürfen derzeit nicht mehr in die Anstalten. Aufführungen des Gefangenen-Theaters und Konzerte wurden ausgesetzt.

Viele Appelle und neue Grußformeln: Regierungschef Müller appelliert an die Berliner, alle sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Es müsse erreicht werden, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Auch die Berliner Feuerwehr richtete unter dem Hashtag #WirRettenBerlin_gemeinsam dieses Mantra an die Menschen: „Alle getroffenen Maßnahmen helfen, dass die Zahl der Neuinfektionen langsam steigt und das Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen kommt.“ Die Polizei und die BVG rufen auf Twitter ebenfalls zu Solidarität auf. „Bitte unterstützt euch alle gegenseitig in der aktuellen Lage!“, twitterte die BVG.

Auch eine neue Grußformel scheint sich zu entwickeln - statt „Bis bald!“ oder „Komm gut heim!“ hört man immer öfter: „Bleib gesund!“

In einem Geschäft wiederum werden T-Shirts zur Krise angeboten: „Fuck the Virus“ lautet der Aufdruck. Passend zum schnoddrigen Ton Berlins.