Leuchtdioden flackern blau und grün. Netzteile brummen. Lautstark pusten Lüfterventilatoren die Wärme weg, die entsteht, wenn die Daten von Millionen Berlinern durch die Prozessoren in endlosen Serverreihen rauschen. Ines Fiedler steht in der unterirdischen Zentrale im Westen der Stadt, dessen genauer Standort aus Sicherheitsgründen geheim ist, und deutet auf einige Schaltschränke. Sie sind mit spaghettidünnen Glasfaserkabeln angeschlossen – aber ansonsten leer. „Die haben wir für neue Kunden reserviert“, sagt die Frau im roten Kostüm, die seit einigen Wochen Chefin einer der in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten, aber für das Funktionieren der Stadt wichtigsten Einrichtungen ist.

Fiedler leitet das landeseigene Informationstechnik-Dienstleistungszentrum (ITDZ) Berlin, das über ein rund 1000 Kilometer langes Glasfasernetz mit den Berliner Behörden verbunden ist. In zwei hochsicheren Rechenzentren verarbeitet das ITDZ unter anderem Meldedaten, Kraftfahrzeugdaten, Finanzamtsdaten, Personaldaten der öffentlich Bediensteten oder auch Datensätze, die die Polizei in Bußgeldverfahren anlegt. Hier werden zentral die Knöllchen-Briefe gedruckt und versandt, aktuell auch die Wahlbenachrichtigungen.

Abgeordnetenhaus-Wahl drohte zu scheitern

Viele Daten laufen hier durch – aber bei Weitem nicht alle. Das ist das Problem. Neben dem ITDZ gönnt sich die Hauptstadtverwaltung noch über 70 weitere IT-Dienststellen, die ein buntes Mosaik an Hard- und Software betreiben. Wohin das führt, war gerade bei der Vorbereitung der Abgeordnetenhauswahl zu besichtigen. Sie drohte zu scheitern, weil die IT der beteiligten Behörden nicht zusammenpasste und mit viel technischem und nervlichem Aufwand zusammengebastelt werden musste.

In sieben Jahren soll die "E-Akte" kommen

Ines Fiedler soll deshalb als neue Chefin des 2005 gegründeten ITDZ dafür sorgen, dass die leeren Plätze in den Serverschränken der Rechenzentren alsbald gefüllt werden – womit allerdings eine veritable Revolution in der Berliner Verwaltung verbunden ist. Denn in nur sieben Jahren sollen sämtliche Behörden von der klassischen Arbeit mit Papier und Umlaufmappen entwöhnt und auf digitale Aktenführung („E-Akte“) umgestellt werden. Das hat die rot-schwarze Koalition kurz vor ihrem Ende noch schnell beschlossen, nachdem unschöne Schlagzeilen über Computerpannen in Behörden oder Datenschutzprobleme wegen des Einsatzes von Uralt-Software wie Windows 98 gab. Kern des „E-Government-Gesetzes“: Zentralisierung der behördlichen Informationstechnik nach einheitlichen Standards. Dafür sollen die neue Institution eines IT-Staatssekretärs sorgen – und Ines Fiedler mit ihren rund 600 Mitarbeitern.

"Behörden müssen effizienter werden"

„Ich bin zuversichtlich, dass das klappt,“ sagt sie kanzlerinnenmäßig. Das Wort alternativlos fällt nicht, aber die 52-Jährige, die an der Humboldt-Universität ein Diplom als Wissenschaftsorganisatorin erworben, dann das Programmieren gelernt und 20 Jahre in der freien Wirtschaft IT-Abteilungen geleitet hat, lässt keinen Zweifel daran, dass sie die rasche Digitalisierung der Berliner Verwaltung für unabdingbar hält: „Sonst verpasst Berlin eine ganz wichtige Entwicklung.“ Schon mit Blick auf die demografische Entwicklung müssten die Behörden künftig mit weniger Mitarbeitern effizienter arbeiten.

Einfach wird das nicht. Das Parlament hat ihr und dem künftigen IT-Staatssekretär zwar ein einen durchschlagkräftigen Paragrafen ins E-Governmentgesetz geschrieben, wonach sämtliche Behörden zur Kooperation mit dem ITDZ verpflichtet werden, über das sie künftig in der Regel auch Hard- und Software beziehen müssen. Bislang kaufte jedes Amt im Handel, was es für richtig hielt. Gegen das ITDZ gibt es in der Verwaltung zudem reichlich Vorbehalte: zu zentralistisch, zu bürokratisch, zu wenig kundenorientiert. Außerdem seien die vom ITDZ gelieferten PCs viel zu teuer. In der Praxis wird Ines Fiedler viel Fingerspitzengefühl brauchen, die Herrscher der 70 kleinen und mittleren IT-Fürstentümer davon zu überzeugen, ihren Einfluss zugunsten der großen IT-Zentrale in Wilmersdorf aufzugeben.

Fiedler ist stärker konsensorientiert als ihr Vorgänger

Fiedler setzt deshalb weniger auf Zwang als auf Kooperation. „Ich brauche die IT-Fachleute in den Verwaltungen und will den Umstellungsprozess gemeinsam mit ihnen gestalten.“ Kommunikation sei dabei wichtig, und auch das offene Eingeständnis, wenn etwas schiefgelaufen ist.

Vielleicht hilft der neuen Chefin ihre zurückhaltende Art, die sich von der eher knorrigen und eigenwilligen Persönlichkeit ihres Vorgängers Konrad Kandziora deutlich unterscheidet. Der hatte sich große Meriten beim Aufbau des Berliner Datennetzes erworben, wurde aber nach einigen Systemausfällen und Auseinandersetzungen mit seinem Führungspersonal nicht mehr im Amt bestätigt. Fiedler setzt auf Verständigung, lächelt viel, wenn sie ihre Ziele beschreibt, spricht leise und wirbt beim Gegenüber um Verständnis. Das könnte helfen, Aversionen in den Behörden abzubauen. Andererseits war sie zwei Jahre lang Abteilungsleiterin unter dem abgesetzten Konrad Kandziora und damit Teil des Problems.