Schloss Charlottenburg: Wie Tommy Erbe für den Erhalt des Weihnachtsmarkts kämpft

Neunmal klagte Veranstalter Tommy Erbe für seinen Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg in Berlin. Neunmal gewann er. Wird ihm das jetzt zum Verhängnis?

Tommy Erbe veranstaltet jedes Jahr den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg.
Tommy Erbe veranstaltet jedes Jahr den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg.Sabine Gudath

Wegen des Baus eines Besucherzentrums soll der Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg im nächsten Jahr weichen. Veranstalter Tommy Erbe glaubt, dass der Weihnachtsmarkt trotzdem noch auf Teilen des Geländes stattfinden könnte. Deshalb sammelte er online und an den Marktständen Unterschriften, um den Bezirk und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg vom Erhalt des Marktes zu überzeugen.

Jahrelang führte Erbe einen Rechtsstreit mit dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ging um das Sicherheitskonzept zum Antiterrorschutz. Tommy Erbe sieht eine Verbindung zwischen den Klagen und dem Ende des Weihnachtmarktes.

Herr Erbe, Sie sammeln Unterschriften für den Erhalt des Weihnachtsmarktes vor dem Schloss Charlottenburg trotz geplanter Bauarbeiten. Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung?

Seit 2017 wissen wir, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, denen das Gelände gehört, ein Bauvorhaben hat: das Besucherzentrum. Wir gehen nicht davon aus, dass die komplette Fläche, auf der der Weihnachtsmarkt steht, für die Bauarbeiten gleichzeitig benutzt wird. Im nächsten Jahr sind nur Bauvorbereitungen geplant. Der eigentliche Bau beginnt nach der jetzigen Planung und unserer Kenntnis im Jahr 2024. Wir würden den Weihnachtsmarkt kleiner gestalten und uns anpassen. Es ist aber auch ein relativ großes Gelände, da gibt es andere Flächen, die man vielleicht auch mitbenutzen könnte. Man hatte uns früher schon mal andere Flächen angeboten, die jetzt angeblich nicht mehr zur Verfügung stehen.

Die Regierende Bürgermeisterin hat uns bei der Eröffnung Mut zugesprochen und gesagt, sie würde im Januar versuchen mit der Stiftung zu sprechen. Es gab auch schon einige andere Initiativen. Wir haben noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass die Stiftung ihre Entscheidung noch mal überdenkt. Wir verstehen nicht, dass es keine Bereitschaft gibt, alles dafür zu tun, diese Veranstaltung zu erhalten. Unser Weihnachtsmarkt findet seit 2007 statt, er ist einer der erfolgreichsten Veranstaltungen und international angesehen. Er ist Werbung für die Stadt und den Standort Charlottenburg.

Sie glauben, dass die Bauarbeiten nicht wirklich der Grund für das Ende des Weihnachtsmarktes vor dem Schloss Charlottenburg sind. Warum?

Unserer Überzeugung nach ist das ein vorgeschobener Grund. Wir klagen seit 2017 gegen das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Es geht um das Aufstellen der Anti-Terror-Poller und die Verpflichtung als Veranstalter ein sogenanntes Sicherheitskonzept zu erstellen. Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage in Deutschland. Das haben die Verwaltungsgerichte, insbesondere das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, in insgesamt neun Verfahren, die wir gegen das Land Berlin führen mussten, festgestellt. Das hat uns natürlich zum Erzfeind des Bezirksstadtrates werden lassen, der zweimal in Berufung gegangen ist. Das Bezirksamt ist aufgrund der Liegenschaft eng verbandelt mit der Stiftung Preußische Gärten. Wir wissen aus diversen Quellen, dass das Bezirksamt versucht hat, bei der Stiftung Stimmung gegen uns zu machen.

Nun hat sich die Situation zudem verschärft. Die Stiftung will uns die Miete für das Jahr 2020 nicht zurückzahlen und verklagt uns wegen der Miete für das Jahr 2021. Wegen der gesetzlichen Corona-Verordnung konnten wir in diesen Jahren keinen Weihnachtsmarkt veranstalten. Bei der gerichtlichen Auseinandersetzung vor dem Landgericht Potsdam geht es um etwa 100.000 Euro. Ich bin der Meinung, dass es nicht richtig sein kann, dass wir als einziger Weihnachtsmarkt in Deutschland Miete bezahlen sollen, obwohl er nicht stattgefunden hat. Zumal der Vermieter kein Kredithai ist, sondern eine öffentliche Stiftung, die von unserem Steuergeld finanziert wird. Die Fronten sind verhärtet. Ich habe den Generaldirektor angeschrieben und eingeladen, sich den Weihnachtsmarkt doch mal anzusehen. Aber er hat bisher nicht geantwortet.

Es geht nicht ums Geld, mich ärgert diese Art und Weise der Behörden in Berlin.

Tommy Erbe

Was haben die Klagen insgesamt gekostet?

Es ist ein kompliziertes Vorgehen und zieht sich über Jahre hin, das hat mich mittlerweile über 250.000 Euro gekostet. Einen Teil der Gerichtskosten bekomme ich wieder, aber mein Anwalt ist ein Spitzen-Fachanwalt. Über 50 Absagen von Mietinteressenten hatte ich in diesem Jahr, weil wir nicht wussten, ob wir den Weihnachtsmarkt machen können. Am 3. November habe ich das letzte Gerichtsurteil bekommen, vier Tage später haben wir angefangen aufzubauen. Wir haben deshalb viele Mieteinnahmen verloren.

2017 hat die Stadt die Poller bezahlt. Im Jahr 2018 wurde mir eröffnet, dass ich den Weihnachtsmarkt nur unter der Bedingung eröffnen kann, dass ich vor der Genehmigungserteilung unterschreibe, die Poller zu bezahlen. So lief das ab. Dagegen habe ich auch geklagt. Wir haben vor kurzem 28.000 Euro vom Bezirksamt für die Poller 2018 und 2019 wiederbekommen.

Es geht auch gar nicht ums Geld. Wenn ich 15.000 Euro Kosten im Jahr zusätzlich für Sicherheit habe, dann lege ich das auf meine Mieter um. Es geht ums Prinzip. Ich habe alle Sicherheitsbehörden schriftlich angefragt, Innensenator, Polizei, LKA, Bezirksamt, ob wir etwas tun müssen. Erst ein halbes Jahr später kam die neue Verfügung, drei Tage vor Eröffnung des Weihnachtsmarktes 2017. Dagegen habe ich mich dann gewehrt, mich ärgert diese Art und Weise der Behörden in Berlin. Das hat dazu geführt, dass wir diejenigen sind, die in der Ecke stehen und gehen sollen. Wir haben uns als Einzige getraut zu klagen. Die anderen Weihnachtsmärkte wollen sich mit dem Staat nicht anlegen.

Wie viele Anti-Terror-Poller waren geplant und wie viele stehen jetzt da? Müssen andere Weihnachtsmärkte das auch umsetzen?

Andere Weihnachtsmärkte haben auch Poller, aber eben sehr viel weniger. Auf dem Gendarmenmarkt stehen sechs bis acht Stück, auf dem Bebelplatz drei, wie ich der Zeitung entnommen habe. In der Spandauer Altstadt standen ein paar Blumenpoller. Wir mussten über 75 Beton-Poller in den Jahren 2018 und 2019 aufstellen, um den Weihnachtsmarkt vor Terrorangriffen zu schützen. Die Auflage dazu kam vom Bezirksamt. Die Polizei war nur beratend tätig.

Die Leute haben uns überrannt.

Tommy Erbe

Laut Urteil müsste das Bezirksamt jetzt für die Sicherheit aufkommen?

Wir sind davon ausgegangen, dass sie die Poller dieses Jahr aufstellen. Vier Tage lang ist gar nichts passiert. Am fünften Tag kam die Polizei und hat Plastik-Baken aufgestellt, wie sie an der Friedrichstraße standen. Aber das ist doch kein Terrorschutz, das ist völliger Irrsinn! Da hätte man auch letztes Jahr sagen können, zwei Plastik-Baken und zwei Polizeiautos reichen aus zum Schutz. Jetzt muss der Staat das bezahlen und macht es nicht. Nach dem Urteil müssen alle Veranstaltungen, die auf öffentlichem Boden oder einer Grünanlage stattfinden, durch den Staat geschützt werden, wenn die Polizei ein Risiko sieht. Die Polizei hat uns schon im Sommer mitgeteilt, es gebe eine abstrakt hohe Terroranschlagsgefahr. Diese Plastik-Baken sind nicht einmal ein Schutz gegen Fahrräder!

Wie viele Unterschriften haben Sie gesammelt und was ist Ihr Ziel?

Wir haben sie noch nicht komplett gezählt, weil wir seit Dienstagmorgen in der Abbauphase sind. In drei Wochen kamen 30.000 Unterschriften zusammen. Wir machen das zum ersten Mal, ich habe keine Ahnung von Unterschriftensammlung. Im Januar stellen wir die Unterschriften der Senatskanzlei und der Stiftung zur Verfügung und werden auf die Unterschriften als Statement hinweisen. Das sind letztendlich auch Kunden vom Schloss und Wählerinnen und Wähler in Berlin.

Deutlich über eine Million Besucher waren da, die Leute haben uns vom ersten Tag an überrannt. Sie haben praktisch mit den Füßen abgestimmt. Wir haben viel Unterstützung bekommen. Die Mieter sind natürlich total enttäuscht, dass der Weihnachtsmarkt nicht mehr stattfinden darf. Für sie sind die Häuser, die sie aufstellen, ein großes Investment. Vielleicht müssen sie sie wegschmeißen.

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Sabine Gudath
Zur Person
Tommy Erbe ist gelernter Touristikkaufmann, hatte eine Werbeagentur und ein Restaurant. Er hat in der politischen Bildung und als Journalist gearbeitet.

Nach dem Verkauf seiner Firmen kümmert sich der 61-Jährige nun nur noch um den Weihnachtsmarkt. Er wohnt in Charlottenburg und ist dort groß geworden, das Schloss liegt in der Nähe. Er kann sich kaum vorstellen an anderer Stelle einen Weihnachtsmarkt zu veranstalten.

Der Bezirk teilte der Berliner Zeitung mit, es handele sich um ein privates Gelände der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und die Stiftung habe beschlossen, den Mietvertrag nicht zu verlängern. „Der Bezirk hat darauf keinen Einfluss“, sagte ein Sprecher. Für das Sicherheitskonzept sei nun die Polizei zuständig. Dazu, wie viele Anti-Terror-Poller nötig sind, hätte der Bezirk keine Expertise.