Der Nahostkonflikt findet auch in Wedding und Neukölln statt

Arye Shalicar wuchs in Berlin auf und lebt heute in Israel. Als Optimist und Insider beschreibt er in seinem Buch das Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn.

Shalicar im Oman. Offizielle Beziehungen zwischen Israel und Oman gibt es nicht.
Shalicar im Oman. Offizielle Beziehungen zwischen Israel und Oman gibt es nicht.dfgdg

Der sogenannte Nahostkonflikt tobt auch in Berlin. Zuletzt forderten in Neukölln Hunderte bei „Palästinenser-Demos“ die Auslöschung Israels. Auf einigen Berliner Schulhöfen ist „Jude“ ein Schimpfwort. Und auf den Straßen Weddings wurde Arye Sharuz Shalicar von der großen Weltpolitik heimgesucht.

Der 1977 geborene Shalicar wuchs in Wedding auf, als Sohn iranischer Juden, die in den 1970er-Jahren nach Deutschland geflohen waren. Mit seinen muslimischen Freunden verstand er sich bestens – bis zu dem Zeitpunkt, als er sich als Jude outete. Als 13-Jähriger hatte er nicht geahnt, dass es Menschen gibt, die aufgrund der Identität eines anderen darüber entscheiden, ob er Freund oder Feind ist.

Aber wie in der kleinen Welt des persönlichen Mit- und Gegeneinanders ist es auch in der großen Welt. Und im sogenannten Nahostkonflikt, für den gerade die Deutschen eine Obsession hegen. Darüber hat Shalicar jetzt ein Buch geschrieben. Es heißt „Shalom Habibi“ und trägt den Untertitel „Zeitenwende für Jüdisch-Muslimische Freundschaft und Frieden“ (Hentrich & Hentrich, 162 Seiten).

Shalicar, der auch Autor für die Berliner Zeitung ist, schreibt von einer Zeitenwende im Verhältnis zwischen Israel und einer ganzen Reihe arabischer und muslimischer Staaten. Er beschreibt das Glas nicht als halb leer, sondern als halb voll. Von den europäischen Nahostexperten – er schreibt sie in Anführungszeichen – und von der Öffentlichkeit, insbesondere der deutschen, werde dies nicht wahrgenommen: „Vielleicht lassen sich die grausamen Taten der Eltern oder Großeltern besser verarbeiten, wenn man an seinem Bild vom ‚Nahostkonflikt‘ festhält und sich nach wie vor auf die Palästinenser konzentriert, während alles andere, was um Israel herum passiert, nebensächlich ist.“ Shalicar verweist auf zahlreiche parallel laufende Nahostkonflikte, die alle nichts mit dem jüdischen Staat zu tun haben: auf den Libanon, Syrien, Jemen, Iran.

Er hing mit den Kolonie-Boys ab und mit dem Al-Zein-Clan

Seine Denkweise wurde in Wedding geprägt. Nach seinem Outing als Jude wurde er Zielscheibe antisemitischen Hasses, meist von arabischstämmigen Jugendlichen. Die Wörter „Jude“ und „Israel“ werden Kindern seit Generationen als Synonyme für den Teufel eingehämmert – so, wie es in vielen muslimischen Ländern auch heute ist.

Aber es waren auch Muslime, die Shalicar damals in Schutz nahmen. Arye Shalicar fand Schutz in verschiedenen Gangs. So hing er mit den Kolonie-Boys ab, in denen mehrere Jungen aus Familien des Al-Zein-Clans waren, die sich selbst mal als Libanesen, mal als Araber oder Kurden bezeichneten. 2021 wurde sein autobiografischer Roman „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ verfilmt.

2001 ging er nach Israel – zur Zeit der Zweiten Intifada, als fast täglich palästinensische Terroristen Anschläge auf Busse und Restaurants verübten. Trotzdem fühlte er sich sicherer als in Berlin. Er musste seine jüdische Identität nicht verheimlichen und weniger Angst haben, in der Nacht der falschen Gruppe Jugendlicher zu begegnen. Bei der Armee, im Studium – es waren die persönlichen Begegnungen, von denen er im Buch erzählt. Etwa von Ahmed, dem Küchenchef im Kibbuz, der als Muslim immer wieder in Erklärungsnot war und Terroristen als verblendete Versager bezeichnete.

Shalicar erzählt die Geschichte von dem links eingestellten nichtreligiösen Drusen und einem rechten nationalreligiösen Juden, die keine Gelegenheit hatten, sich kennenzulernen, weil jeder in seiner eigenen Community unterwegs war. Erst in der Armee wurden sie beste Freunde. Es gibt die Geschichte über Ella, die aus einem nur von Muslimen bewohnten Ort stammt, zur Armee ging und es ihrer Familie verschwieg. Inzwischen ist sie Offizierin. Und da ist die Geschichte von Fatima, der Kindergärtnerin mit dem schwarzen Kopftuch, die sich rührend um seine kleine Tochter Michelle kümmerte, während muslimische Terroristen Juden in Israel ermordeten.

Beziehungen „unter dem Teppich“

Arye Sharuz Shalicar ist inzwischen Major und Sprecher der israelischen Armee in Reserve und arbeitet im Büro des Premierministers. Und hier fängt die Überraschung an. Als Berater des ehemaligen Außenministers und Abteilungsleiter mit Sitz im Büro des Premierministers konnte er beobachten, wie auf mehreren Reisen in arabische Länder, die mit Israel nichts zu tun haben wollten, neue Beziehungen eingefädelt oder verstärkt wurden.

Viele, die sich am Nahostkonflikt abarbeiten, wissen nicht, dass es nicht nur kalten Frieden, sondern auch menschliche Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und muslimischen Ländern gibt. Dass israelische Touristen nach Marokko reisen. Dass es mit Ägypten noch kompliziert ist, aber die Sicherheitszusammenarbeit klappt. „Frieden mit Leben füllen bedeutet aber in erster Linie, Kontakt zwischen Menschen zu fördern“, schreibt Shalicar.

Israel hat mit dem Oman keine offiziellen Beziehungen, da er sich als Mitglied der Arabischen Liga am Boykott des Staates Israel beteiligte. Aber Beziehungen bestehen „unter dem Teppich“, wie Shalicar formuliert. Er war dort mit einer israelischen Delegation, auch wenn es kein offizielles Treffen war.

Auch Beziehungen mit Indonesien wären möglich

Kaum Notiz wird in Deutschland von den Annäherungen zwischen Israel und Bahrain genommen, welches sich vor dem Iran fürchtet. Gemeinsamer Feind eint. Und nach der Lesart gibt es weitere arabische Staaten, die sich derzeit Israel annähern, was Shalicar als Zeitenwende bezeichnet. Israel, Bahrein und die Vereinigten Arabischen Emirate haben 2020 ein Dokument mit dem Namen „Abraham Accords“ unterzeichnet, um die Zusammenarbeit zwischen den Staaten zu verbessern. Das wäre wohl nicht ohne Saudi-Arabien möglich gewesen. Wieder so eine Zeitenwende.

Die Beziehungen zu den Emiraten haben sich inzwischen normalisiert. Israelis haben Dubai als attraktives Reiseziel entdeckt. Shalicar fragt, ob das alles den deutschen und europäischen Nahostexperten entgangen ist, und erzählt von seinem ersten Besuch in den Emiraten, als er dem Passkontrolleur seinen israelischen Ausweis gab. „Danach gab er mir meinen Pass zurück, lächelte mich an und sagte: ‚Schalom, Habibi! Enjoy your stay.‘“

Mitunter etwas hölzern und mit erhobenem Zeigefinger geschrieben, gibt Insider Arye Shalicar einen seltenen Einblick in die Befindlichkeiten der Politik im Nahen Osten. Er sieht eine Ähnlichkeit jener Beziehungen, die auf individueller Ebene stattfinden mit den Beziehungen zwischen Staaten. Trotz des anerzogenen Hasses auf Juden und Israel sieht der Autor sich das halb volle Glas immer weiter füllen. Er hält es sogar für möglich, dass auch mit Pakistan und Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, Beziehungen aufgebaut werden. Weil sie ihnen nützen.