Der gelbe Van rollt langsam heran, umkurvt eine Bonsai-Eibe, hält vor einer Zypresse. Alles künstlich. Auch das Vogelgezwitscher entweicht unsichtbaren Lautsprechern, hier in einer Halle in Berlin-Kreuzberg. Echt ist das Brummen des Wagens, es klingt mürrisch und übertönt für einen Moment das Gezwitscher.

Pablo Siranossian hebt die Seitenluken des  Vans, Nummernschild „B-UN586“. Aus dem Inneren strömt der Duft von weichen Brötchen, er mischt sich mit einem Hauch von Zwiebeln und rohem Fleisch. „Buns“ – Brötchen – steht in schwarzen Lettern auf dem gelben Auto. Siranossian fährt den Bavon-Grill im Inneren auf 250 Grad Celsius hoch, schmeißt Burger-Pattys, Fleisch also, auf die Platte und drückt sie mit einem alten, gusseisernen Bügeleisen platt; es zischt und raucht.

Das Bunsmobile, ein GMC-Step-Van Baujahr 1986,   ist heute hier und morgen dort. Die Besitzer des Wagens verkaufen  Burger. Um sie  bestellen und  essen zu können, muss man den Spuren des Vans auf Facebook folgen. Pablo Siranossian und seine Frau Mathilde Bayle betreiben einen Foodtruck, einen von  40, die durch Berlin fahren. Sie bringen gutes Essen dorthin, wo es keines gibt. Oder besser: Sie würden das gerne tun, wenn sie denn überall sein dürften, wo sie sein wollen. Was in Berlin manchmal schwierig ist, weil die Behörden eher sperrig sind beim Erteilen von Genehmigungen.

Heimweh-Essen für Zugereiste

Hier, wo es  Backstuben, Asiaimbisse, Dönerläden im Überfluss gibt, konzentrieren sich die Foodtrucks auf einfaches, frisches und gesundes Essen mit meist regionalen Zutaten. Berlin ist in Deutschland die bevorzugte Stadt der Streetfood-Bewegung. Und weil in Berlin Menschen aus aller Welt leben, wird nicht nur Currywurst mit Pommes aus den Wagen gereicht, sondern auch mal Kochbanane mit Erdnussgulasch oder Tapioka-Dumplings – Heimweh-Essen der vielen Glücksritter, die in Berlin Halt machen. Einen eigenen Laden aufmachen, das ist viel teurer und aufwendiger, als einen Truck zu erwerben, umzubauen und loszufahren.

Foodtrucks sind für ihre Besitzer ein Stück Freiheit, und sie verkaufen auch ein Stück Freiheit. Zudem ist gutes, frisches Essen vielen Menschen wichtig. Foodtrucks sind also eigentlich ein gutes Geschäftsmodell. Für Pablo Siranossian allerdings läuft es heute in der Messehalle mäßig. Er schaut auf die Uhr. Im November 2012 sind er und Mathilde nach Berlin gekommen, „wir fühlten, dass da etwas losgeht“, sagt er, der Foodtruck-Boom hatte gerade begonnen.

Mehr als ein rollender Imbiss

Das franko-kanadische Paar hatte gastronomische Erfahrungen in Montreal und an der Côte d’Azur gesammelt, sie als Köchin, er als Sommelier. Mit ihren Ersparnissen erwarben sie den Truck. „Früher in den Restaurants haben wir uns während der Pausen einen Spaß daraus gemacht, Sandwiches mit  allem zu belegen, was da war“, erinnert er sich. Die Burger des Bunsmobile variieren auch jetzt; mal kommt in Whiskey geschmorter Schweinebauch drauf, mal Fried Chicken, Pilze oder Shrimps.

Ein Foodtruck – das ist nichts anderes als ein rollender Imbiss, auch wenn die meisten Propheten des Streetfoods, denen es um das Zelebrieren des Essens geht, das  bestreiten. Essen auf der Straße  hat es immer gegeben – und es konnte  schon immer  gut, frisch und originell sein. Heute sagt man halt: Streetfood. Das Essen auf Räder zu packen, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. In Italien lebt die alte Tradition der Porchetta-Wagen, in Süddeutschland reichten vor Jahrhunderten fahrende Händler ihre Maronen aus ihren mobilen Öfen, in Norddeutschland Bäcker ihre Waffeln und Aalpasteten.

Einen Schub  erhielt die rollende Gastronomie 2008 in Los Angeles. Im Jahr der Finanzkrise, als das Geld bei vielen plötzlich knapp wurde, beschloss Roy Choi, sich zu verändern. In einigen Luxusrestaurants von Los Angeles war er Chef gewesen, und ihn störte, dass in den schlecht beleumundeten  Gegenden der Stadt das schlechteste Essen serviert wurde. Er beschloss, frisches,  bezahlbares Essen in diese Gegenden zu bringen.
Das koreanische Barbecue in mexikanischen Tacos aus Chois Truck mit dem  Namen „Kobi BBQ“ wurde zum Symbolessen einer neuen Streetfood-Bewegung, die das Kochen  mit der Idee verknüpfte, dass gutes Essen kein Privileg der Wohlhabenden sein sollte. Kochen in Trucks  ist günstiger als das Betreiben eines  Restaurants. Die Ausgaben sind niedriger, das Produkt kann also auch  preiswerter verkauft werden. In den USA generieren Foodtrucks mittlerweile Hunderte von Millionen Dollar jährlich an Umsätzen. Die Zahlen in Deutschland ziehen ebenfalls an.

Ewiger Kampf mit den Behörden

Vor der Markthalle Neun in Kreuzberg hat die Schweizer Armee ihr Quartier aufgeschlagen. Oder zumindest ein Überrest von ihr. In mattem Militärgrün steht ein „mob. BK 68a“ am Straßenrand, bis zur Ausmusterung Anfang der Nullerjahre eine Feldbäckerei. Davor ein Mann in militärgrünem Shirt, darauf steht: Motörbread. „Den Truck habe ich privat bekommen“, sagt Florian Domberger, 49. „Mit dem habe ich meinen Traum wahr gemacht.“ Der gebürtige Augsburger hat zuletzt in der Schweiz gelebt, er hat gut verdient als  Prokurist bei einem großen Unternehmen. Die Arbeit hat ihm Spaß gemacht, aber da gab es noch eine Passion: Brot backen wie vor 200 Jahren und den Genuss unter die Leute bringen. Domberger besuchte Seminare und Fortbildungen, legte los. Seinen Truck  heißt „Brotwüsten Expeditionsfahrzeug“, mit ihm fährt er in die Randgebiete von Berlin, wo er seine Sauerteigbrote im Nu loswird.

Dombergers Projekt, finanziert  durch seine Ersparnisse aus der Zeit in der Schweiz, ist nicht gewerblich. „Wir backen mit Geflüchteten, das sind echte Aktionen. Als Integrationsmaßnahme haben wir vom Bezirksamt  sofort eine Genehmigung bekommen.“ Demnächst, nach den Testläufen mit dem Truck, will Domberger  eine Bäckerei in Moabit eröffnen.