Berlin ist die Hauptstadt von allem möglichen, aber vor allem ist es die Hauptstadt des Nachtlebens und damit auch die Hauptstadt der Nachtmenschen. Es war schon immer so, dass es den feierwütigen Teil der Bevölkerung nach Berlin zieht.

Ich erinnere mich noch an die glänzenden Augen von ein paar bayerischen Jungs, die wir in Prag kennengelernt hatten. Wir hatten dort ordentlich mit ihnen gefeiert und sie nach Berlin eingeladen. Wir gingen mit ihnen in eine legendäre Schöneberger Kneipe und sie kriegten sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung über so viel verrücktes Volk. Fast noch begeisterter waren sie, dass sie nach der Sauftour auch noch um 2 Uhr nachts einen frischen Döner bekamen.

Manche Leute ziehen nur nach Berlin, um mal ein oder zwei Jahre durchzufeiern. Manche leben oder arbeiten oder studieren die ganze Woche vor sich hin, um dann am Freitagabend ins Wochenende einzutauchen und erst am Sonntagabend wieder herauszufinden. Berlin ist perfekt dafür.

Am Sonntag gegen 10 Uhr sah ich einen Mann, der ausgiebig gefeiert hatte: Jeans, nackter Oberkörper. Er hatte sich in einem Hauseingang auf den Rücken gelegt und die Beine an der Wand mit den Klingeln hochgestellt. In Reichweite neben ihm seine Bierflasche. Sicher ein Tourist, der das für cool hielt und der beim Coolsein eingeschlafen war.

Nachtjogger auf dem Bahnhof

Aber es gibt auch anderes Nachtvolk. Leute, die immer kurz nach Mitternacht mit dem Hund rausgehen. Oder der Nachtjogger, der sich nach der Fête de la Musique an den Biertrinkern vor der Bar in unserer Straße entlangschlängelte.

Unseren ersten Nachtjogger haben wir in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai gesehen. Dort war es völlig verständlich, dass tagsüber niemand joggen wollte. Der Lärm, der Gestank, die Hitze. Das Verkehrschaos lässt selbst die hektischste Berliner Kreuzung wie ein Naherholungsgebiet erscheint.

Doch als wir nachts auf dem Bahnhof saßen, war es ruhig und fast kühl. Ein Mann joggte immer wieder auf diesem ewig langen Bahnsteig hin und her.

In Berlin habe ich Nachtjogger früher nur ganz selten gesehen, aber es werden immer mehr. Vielleicht ist es ein Überbleibsel aus dem ersten Lockdown, als nicht mal mehr die Jogger rausdurften, es aber einige heimlich wagten. Natürlich nachts. Und vielleicht haben einige daran Gefallen gefunden.

Inzwischen gibt auch immer mehr Nachtsitzer. Das sind Leute, die nachts auf einer Bank hocken. Allein und mit stierem Blick. Ganz ohne Kopfhörer oder Bier. Sehe ich inzwischen auch immer öfter. Warum sie dort sitzen, habe ich noch nicht verstanden. Vielleicht irgendein neuer Achtsamkeitstrend – nachts ins Dunkle starren.