Panik zeigt sich bei den Menschen in den verschiedensten Ausprägungen. Die einen rennen dauernd aufs Klo, die nächsten schreien wild herum, und die anderen, in diesem Fall die Christsozialen aus Bayern, schimpfen auf Berlin. In etwa vier Wochen wird ein neuer Landtag in Bayern gewählt, die regierende CSU steht in den Umfragen sehr schlecht da, es sieht so aus, als ob sie ihre absolute Mehrheit verlieren könnte.

Die Bayern haben in den vergangenen Wochen sehr viel versucht, um die Wähler zu locken, sie haben in öffentlichen Gebäuden im Land Kreuze auf gehängt, sie haben einen Streit mit der Kanzlerin Angela Merkel begonnen und damit fast die große Koalition im Bund aufs Spiel gesetzt. Nun also ein weiterer Versuch in der bekannten Disziplin des Berlin-Beschimpfens. Was war da schon wieder los?

„Die Resterampe der Republik.“

Am Montag ist Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, in einem Zelt aufgetreten, hat dort eine Rede gehalten, während die Zuhörer größere Mengen Bier konsumierten. Söder sagte: „Bayern ist ein Sprungbrett und Schutzschild, Bundesländer wie Berlin sind dagegen die Resterampe der Republik.“ 

Nun ist ein Bierzelt kein Ort des verfeinerten Diskurses, es geht eher darum, den Saal zum Toben zu bringen. Und womöglich findet man nicht nur in Bayern genug Leute, die sich über die hässliche, schmutzige, chaotische Großstadt kurz vor Sibirien aufregen.

Wenn es doch nur so wäre

Falls es Zweck der Äußerung war, die Berliner ein bisschen zu provozieren, dann ist ihm das durchaus gelungen. „Herr Söder, Ihr Hauptstadt-Bashing ist einfach nur peinlich! Berlin steht für Kreativität, Offenheit und Vielfalt. Was für ein billiges Wahlkampfmanöver der CSU“, sagte die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Ein Sprungbrett, um aus Söder-Bayern herauszukommen“, ergänzte ihre Parteifreundin Anja Schillhaneck.

Ach ja.

Wenn doch an dem Gesagten von Markus Söder etwas Wahres dran wäre! Wenn Berlin wirklich eine Resterampe wäre, also eine Art zu Stein gewordener Wühltisch, auf dem die Sachen liegen, die keiner mehr will, der Ort, den man nur schamhaft aufsucht, um ein Schnäppchen zu ergattern, dann hätte die Stadt womöglich viel weniger Probleme. 

Die Stadt platzt aus allen Nähten

Man bekäme sofort einen Termin beim Bürgeramt, Anträge würden zügig bearbeitet, es gäbe genügend Hebammen und Kita-Plätze für alle. Um günstige Mietwohnungen müsste man sich nicht mit fünfhundert anderen Bewerbern prügeln, man müsste keine Angst haben, dass ein Investor womöglich aus München das Haus kauft und alle Wohnungen meistbietend verscherbelt, und auf den Radwegen wäre mehr Platz.

Inzwischen wächst die Stadt, sie platzt an manchen Ecken aus allen Nähten, das Land Berlin hat so viel Geld wie seit Jahren nicht zur Verfügung. Und in Berlin-Mitte kostet der Cappuccino inzwischen genauso viel wie in München am Marienplatz. Berlin ist keine Resterampe, um in Söders Sprache zu bleiben, sondern ein angesagter Concept Store.