Berlin - Nicht vorbereitet – Berlin ist einfach nicht vorbereitet auf eine Erfindung aus dem Jahre 1817. Diese schöne große Stadt ist nicht darauf eingestellt, dass hier gern Rad gefahren wird.

Da gibt es diesen ewigen Streit zwischen Radlern und Autofahrern. Einige von den Rennradfahrern wollen immer gern auf der Straße bei den Autos fahren. Sie wollen als gleichberechtigt wahrgenommen werden, doch meist sieht es aus, als wären sie etwas lebensmüde.

Dann gibt es auch politische Kräfte, die den Autofahrern immer mehr Fahrspuren auf den Straßen wegnehmen, um sie den Radfahrern zu schenken. Damit steigt auf der einen Seite der Frust und auch die Aggressivität nimmt ganz klar zu.

Das Gleiche auf den Fußwegen: Fußgänger fürchten sich vor Radfahrern, die dort entlangrasen. Die wiederum beklagen, dass es an Straßen mit Kopfsteinpflaster meist keine Radwege gibt, und Kopfsteinpflaster nun mal zerstörerisch für Räder sein kann.

Und dann die Hinterhöfe. Bei uns im Friedrichshain stehen in unserem Hof 43 Fahrräder. Es gibt schon fast keinen Platz mehr, um sie abzustellen. Vor allem nicht trocken. Die Bewohner der Erdgeschosswohnungen haben sich extra Zäune aufstellen lassen – quasi Mauerbau im Berliner Hinterhof –, weil bei ihnen sonst die Räder direkt vor der Terrassentür stehen.

Kaum noch jemand bringt sein Fahrrad im Winter in den Keller. Sie stehen monatelang bei Wind und Wetter draußen. Offenbar ist es vielen egal, dass ihr Fahrrad vor sich hin rostet. Fahrräder sind oft Wegwerfartikel. Da löst sich im Haus eine WG nach drei Jahren auf und im Hof bleiben fünf Fahrräder zurück.

Auch an Laternen dieser Stadt vergessen ziemlich viele Leute ziemlich oft ihr Rad. Dann klaut schnell noch jemand das Vorderrad und schon ist es nur noch eine Blechruine. Aber wer soll solche „Waisenräder“ entsorgen?

Immerhin sollen bundesweit an 5400 Bahnhöfen in den nächsten Jahren 1,5 Millionen Fahrradstellplätze entstehen.

Aber wenn ich in unseren Hinterhof schaue, denke ich, dass es in Berlin bald so sein wird wie in Amsterdam. Dort kommen auf 873.000 Einwohner nach Schätzungen 880.000 Räder.

Auch bei uns im Hinterhof ist es ein ewiger Kampf um die wenigen überdachten Stellplätze. Ich zumindest hatte in diesem Winter eine ganz praktikable Lösung gefunden: Ich habe mein Rad im Spätherbst zu einer Generalreparatur gebracht. Da es große Lieferschwierigkeiten gab – coronabedingter Materialmangel –, dauerte es geschlagene drei Monate, bis ich das Rad wieder abholen konnte. Drei Monate lang stand mein Rad beim Fahrradhändler. Schön warm und trocken.