Sind die guten Jahre in Berlin schon wieder vorbei?
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BerlinWas haben die Kunstsammlungen der Milliarden-schweren Flick Collection am Hamburger Bahnhof, der Millionen-Erbin Julia Stoschek an der Leipziger Straße  oder des nicht minder reichen Wella-Erben Thomas Olbricht an der Auguststraße in Mitte mit der Modemesse Premium gemeinsam? Sie verlassen Berlin. Binnen weniger Monate verliert Berlin mehrere Leuchttürme aus der Kunst- und Kulturbranche. Gleichzeitig bangen Clubbetreiber und Konzertveranstalter aber auch Hoteliers wegen der Corona-Krise ums Überleben. Nun geht die Angst vor einem langanhaltenden Schrumpfungsprozess in dem so sensiblen Wirtschafts-Cluster um. Und es stellt sich immer mehr die Frage: Sind die fetten Jahre für die Kultur- und Ausgehmetropole vorbei?

Man kann wie so oft den Literaturkritiker Karl Scheffler bemühen, der schon 1910 schrieb, Berlin sei „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“. Man kann aber auch Wolfgang Beckers berühmten Filmtitel „Das Leben ist eine Baustelle“ von 1997 heranziehen. Jedenfalls verdichten sich die Zeichen darauf, dass sich gerade mal wieder etwas grundlegend ändert. Diesmal sind es ganz offenbar die Etablierten, die Großen, die Berlin den Rücken kehren. Und ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen.

Wenn man sich in der Branche umhört, hört man jedenfalls viele Gründe für eine Berlin-Flucht. „Frankfurt ist ein Kraftzentrum, nicht nur ein kommerzieller Player, sondern in das gesellschaftliche Netzwerk der Stadt integriert“, sagte Anita Tillmann in einem Interview in der Berliner Zeitung, in dem sie erklärt, warum sie mit ihrer Premium zum nächsten Jahr in die Stadt am Main wechselt. Diese galt bisher zwar stets als Handels-, Banken- und Versicherungszentrum, aber noch nie als sonderlich modeaffin. „Berlin kann da nicht mithalten“, sagt Tillmann lapidar.

Doch ist es wirklich so einfach? Geht es nur um die Finanzkraft, einen Faktor, bei dem Berlin auch 75 Jahre nach Kriegsende zum Beispiel mit Frankfurt nicht konkurrieren kann? Was ist mit den Stärken Berlins, der internationalen attraktiven Hauptstadt, die Platz bietet für unzählige Lebensentwürfe? Was ist mit dem Ruf eines Hotspots für Kreative aus aller Welt? Immerhin gilt die Stadt doch immer noch als günstig und an vielen Stellen unfertig genug, damit sie Freiräume für nahezu jede Form des künstlerischen Ausdrucks bieten kann.

Noch gelten diese Alleinstellungsmerkmale weiterhin gegenüber den anderen echten Großstädten des Landes – Hamburg oder München. Ironischerweise galt Frankfurt am Main bisher überhaupt nie als Konkurrenz. Kann sich das mit dem Weggang der Premium nun ändern? Wie langwierig sind die Schäden durch Corona?

Es ist sicher zu früh, einen Abgesang auf die Kreativ-Hauptstadt zu singen. Dennoch gibt es Parameter, die für einen grundlegenden Wandel sprechen. Berlin wird teurer, die Mieten steigen, die Lebenshaltungskosten auch, immer mehr Brachen aus der Wendezeit werden zugebaut. Die Stadt wächst, wird dichter. Und immer dringender stellt sich die Frage, ob die Politik adäquat darauf reagiert.

Andreas Murkudis beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Kreativszene Berlins. Einst war er einer der Initiatoren des Museums der Dinge im Martin-Gropius-Bau, einem Museum, das nach dem Wesen der Kunst forschte und da Vinci und Beuys in einen Zusammenhang brachte. Die öffentliche Förderung blieb über die Jahre dürftig. Inzwischen ist das Museum als Werkbundarchiv in Räumen in der Oranienstraße in Kreuzberg untergekommen. Schön und urig, aber weit entfernt vom großen Auftritt im Martin-Gropius-Bau, dem Renaissance-haften Solitär an der Niederkirchnerstraße. Murkudis selbst wagte schon vor Jahren den Sprung an die Potsdamer Straße, ein besonders großstädtisches Pflaster. Dort verkauft er in Gallerie-artiger Atmosphäre in einer ehemaligen Fabriketage vor allem teure Mode.

Er hält die Verwerfungen in der Kulturbranche für folgerichtig und nimmt die Politik in die Pflicht: „Man muss ein Pflänzchen gießen, damit es gedeiht“, sagt Murkudis der Berliner Zeitung. „Doch das tut die Politik nicht.“ Offenbar gehe es nach dem Motto: Wir wollen das Geld von euch, wollen aber nichts dafür tun. „Dabei muss man wissen, dass Berlin am Ende alle Sammler Geld kostet.“ Deshalb verstehe er jeden, der die Stadt verlasse. Auch wenn die Hintergründe noch so unterschiedlich seien.

Murkudis erkennt aber auch inhaltlich-strukturelle Fehler, insbesondere bei der Modewoche. „Die Fashion Week ist zuletzt immer kleiner geworden, weil sie kein Thema hat, keine einheitliche Idee. Zuletzt kamen nur noch B-Promis, aber keine Einkäufer. Aber eine Frau Ochsenknecht oder eine Frau Schweiger in der ersten Reihe bringen keine Umsätze.“

Auch Heinz „Cookie“ Gindullis ist ein Veteran der Szene. In den Neunziger- und Nullerjahren gehörte er zu den Pionieren einer Club-Landschaft mit weltweitem Ruf. Noch heute betreibt der gebürtige Londoner das Restaurant Cookies Cream, ein hochklassiges vegetarisches Restaurant an der Behrenstraße im Hinterhof des Hotels Westin Grand.

Berlin habe sich immer verändert, sagt Gindullis der Nachrichtenagentur dpa, aber die Stadt sei gerade nicht gut darin, die guten Dinge zu behalten. So habe man Berlin früher wegen der Loveparade gekannt, dann wegen der Mode. Nun gibt es die Loveparade schon lange nicht mehr, und auch der Fashion Week droht über kurz oder lang das Aus. Umso wichtiger sei es jetzt, zum Beispiel die Berlinale abzusichern, ein weiterer weltweit wahrgenommener Termin im Veranstaltungskalender. Der dürfe nicht auch noch verschwinden. Die Touristen, von denen die Branche auch lebe, hätten immer weniger Gründe nach Berlin zu kommen.

Burkhard Kieker mahnt dagegen zur Ruhe. Der Chef der Tourismusagentur Visit Berlin spricht von einer „Zeit von Werden und Vergehen“. Wenn es darum gehe, dass ein Land oder eine Stadt mit viel Geld versuchten, eine namhafte Messe zu bekommen, müsse Berlin cool bleiben. „Von ,Berlin ist over‘ sind wir weit entfernt“, sagt Kieker der Berliner Zeitung. Außerdem gelte: „In der Modewelt ist nichts älter als die Ideen von gestern.“

Vor allem aber möchte Kieker mit dem Gerücht aufräumen, Berlin habe sich von dem Verlust des Bürgertums in Nazizeit und Zweiten Weltkrieg nie erholt. Das stimme nicht, die Stadt habe längst ihre Bürgerlichkeit zurückgewonnen. Und deswegen bleibe sie auch in Corona-Zeiten attraktiv für viele Menschen in Deutschland: „Die Leute wollen sehen, wie die Hauptstadt tickt“, sagt Kieker. Aber was soll er auch anderes sagen? Berlins Hotels müssen sich dieses Jahr mangels internationaler Reisetätigkeit wohl weitgehend mit inländischen Besuchern über Wasser halten.

Und so gibt es inzwischen schon Verwerfungen innerhalb der rot-rot-grünen Koalition in Berlin. So macht sich Frank Jahnke, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, nach eigenen Worten „ernsthaft Sorgen um den Wirtschaftsstandort Berlin“. Das liege auch am Koalitionspartner Bündnis 90/Grüne und deren Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Zwar sei der Weggang der Premium differenzierter zu beurteilen als manch andere Entscheidung der vergangenen Monate, aber es gebe ein grundsätzliches Problem. „Die Grünen pflegen immer noch ihre ideologischen Vorbehalte“, so Jahnke.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung nennt Jahnke den Widerstand gegen die Automobilmesse IAA, die dazu beitrug, dass die Messe nach München ging. „Doch auch der Protest gegen den Google-Campus in Kreuzberg voriges Jahr oder ganz aktuell die Blockadepolitik der Grünen gegen Karstadt am Hermannplatz sind schädlich“, so Jahnke.

Und was sagt eigentlich Klaus Lederer, als Kultursenator immerhin so etwas wie der Chefkurator eines lebendigen Berlin? „Ich tue mich schwer mit Abgesängen“, sagt der Linke-Politiker. „In Berlin wurde vieles immer mal wieder totgesagt und hat sich trotzdem in neuer Form anderswo wieder und weiterentwickelt.“ Da ist er wieder, der Verweis auf Kritiker Karl Scheffler und Filmregisseur Wolfgang Becker.

Und ob es dann ganz am Ende wirklich hilft, dass Premium-Geschäftsführerin Anita Tillmann sagt, sie bleibe natürlich in Berlin wohnen, ja, sie liebe Berlin, muss sich erst zeigen.