Verzerrte Berliner Fassaden.
Foto: iimago images/Steinach

Berlin/RotterdamIst Berlin noch zu retten? Anruf bei Martin Aarts, 68, einem der renommiertesten Stadtplaner der Welt. Aarts, 68, lacht: „Ja, klar!“ Dann macht er eine kurze Pause. „Aber nur, wenn man jetzt sofort damit beginnt.“ Dieses „Aber nur, wenn …“ wird von Aarts im einstündigen Telefoninterview über die Zukunft der deutschen Hauptstadt oft zu hören sein. Viel zu oft.

Der Niederländer ist der Mann, der aus Rotterdam eine extrem lebenswerte Stadt, eine beispielgebende Metropole gemacht hat. Was kein Leichtes war, weil die Hafenstadt an der Mündung des Rheins nach dem Weltkrieg zu einem unwirtlichen Industriemoloch verkommen war. Rotterdam war ein Unort. Doch Aarts brachte es fertig, seine Vision von einer Stadt für die Menschen Wirklichkeit werden zu lassen. Stararchitekten wie Rem Kohlhaas und Norman Foster waren von dieser Verwandlung begeistert, verliehen dieser neuen Stadtlandschaft mit ihren Bauwerken letztendlich eine spektakuläre Note. Und Berlin?

Aarts liebt Berlin, weil „da immer noch gewohnt wird“. Noch, betont er. Weil es den Einwohnern da und dort noch gelingt, eine „tolle Atmosphäre zu schaffen“. Mehrmals war er deswegen, aber auch aus Forschungszwecken für längere Zeit in der Stadt. Aufgeregt erzählt er von früher, als man im Westen der Stadt mit dem Auto zur Kneipe und von dort mit dem Auto auch wieder zurückfahren konnte, weil „da keine Polizei war. Und wenn da mal tatsächlich eine war und man erwischt wurde, hieß es nur: Du bist von allen hier der am wenigsten Betrunkene, fahr du also mal weiter.“ „Romantik“ nennt er das und sagt, begleitet von einem Lachen, dass er das vielleicht doch besser verschwiegen hätte.

Hat Rotterdam in eine lebenswerte Stadt verwandelt: Martin Aarts.
Foto: Privat

Die Realität hat er noch eindrücklich vor zwei Jahren erfahren, als er sich für ein paar Monate in einer Wohnung in Prenzlauer Berg eingemietet hatte. Berlin, so Aarts, ist immer noch voller Autos. „Leider! Es gibt nur wenige öffentliche Orte, an denen man das Leben genießen kann. Orte, an denen Kinder unbeschwert auf die Straße gehen und dort auch spielen können. In Berlin ist das Auto noch immer die Nummer eins. Dafür ist alles bestens organisiert. An zweiter Stelle kommen die öffentlichen Verkehrsmittel, dann die Fußgänger und an vierter Stelle erst die Radfahrer. Das ist das System. Und das passt so gar nicht zu dem, was wir verfolgen sollten.“ Eltern müssten ihre Kinder ständig warnen. „Achtung! Bleib stehen! Lauf nicht dahin! Deshalb bringt man die Kinder lieber mit dem Auto zur Schule, was das Problem ja noch weiter verstärkt.“

Aarts wundert sich über Berlin, darüber, dass Politik, Wirtschaft und Bürger, er nennt das die „Triple-Helix“, immer noch keine gemeinsame Vision entwickelt hätten. Wobei er selbst bei Vorträgen in Berlin inzwischen auf das Wort „Vision“ komplett verzichten würde. Weil das Wort hier offensichtlich verboten sei. Er spricht dann lieber von Perspektiven.

Am Sonnabend wird er das wieder tun, wenn die Tauentzienstraße in einer Mischung aus Demonstration und Aktion auf einer Länge von 100 Metern für den Autoverkehr gesperrt und er an einer Diskussion zur Zukunft des Breitscheidplatzes teilnehmen wird. Reinhard Naumann, Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, ist ebenfalls geladen, aber auch Martin Germer, der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Es geht auch um die Frage, wie der Breitscheidplatz künftig bespielt werden soll.

Was Aarts sich von diesem Tag verspricht? „Dass die Leute sich bewusst werden, dass die Straße nicht zwangsläufig den Autos gehört. Dass man den öffentlichen Raum auch genießen kann. Ob das dann alle begreifen, ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es ist doch so: Wenn ich hier in Berlin in den vergangenen Jahren Vorträge gehalten habe, hieß es immer wieder: Das haben wir schon. Oder: Wir haben keine Zeit und keine Leute dafür, um das anzugehen. Aber das hat alles keine Konsequenzen.“ Es gebe das eine oder andere Projekt in der Stadt, wie in der Maaßenstraße, in der Bergmannstraße oder eben in der Friedrichstraße, letztendlich sei das aber viel zu wenig und vieles diene ohnehin nur der „Unterhaltung“.

Aarts weiß, dass Rotterdam nicht mit Berlin vergleichbar ist. Er weiß aber auch, dass sein Ansatz da wie dort funktionieren kann. Man müsste alles dafür tun, damit die Menschen die Innenstadt zurückerobern können. Geh- und Fahrradwege statt Parkbuchten, Wohnungen statt Parkhäuser beziehungsweise Parkplätze. Der Fachbegriff dafür lautet Nachverdichtung. Warum wird das in Berlin nicht energischer verfolgt? Fehlt es den Politikern an Mut?

Wenn Berlin nicht mehr die Stadt der Berliner ist, ist das ein großes Problem.

Martin Aarts, Stadtplaner

„Ja“, antwortet Aarts prompt und redet sich wie ein inzwischen doch leise Verzweifelter in Rage: „Politik ist Mut. Ein Politiker hat mutig zu sein“, sagt er. „Man braucht Mut, aber auch Bündnisse. Alle Städte Europas haben sich ja in dem Pariser Abkommen darauf verständigt, dass wir im Jahr 2050 eine fossilfreie beziehungsweise klimaneutrale Gesellschaft haben wollen. Und 80 Prozent der Menschen in Europa leben in Städten, also müssen die Städte jetzt liefern. Da kann man natürlich aber auch denken: Ach, das sind ja noch dreißig Jahre. Aber in zehn Jahren müssen wir alle schon 33 Prozent geschafft haben, jedes Jahr 3,3 Prozent. Und wenn ich dann sehe, dass man in Paris schon 700 Kilometer Radwege geschaffen hat und in Berlin dagegen nur sieben – was soll ich dazu sagen? Aber es sind ja nicht nur die Radwege. Auch die Autofahrer sollten in der ganzen Stadt nur noch 30 Stundenkilometer schnell fahren dürfen, damit ihnen klar wird, dass man vorsichtig sein muss. Nur so ändert man die Mentalität. Und man muss die Mentalität ändern. Wenn aber ein Gesetzesentwurf nicht zum Gesetz wird, weil der eine oder andere Interessensvertreter nervös wird, dann wird das nichts. Also: Ist Berlin noch zu retten? Ich sage immer noch: Ja, aber wann fangen wir endlich mal damit an? In zehn Jahren ist es auf jeden Fall zu spät, dann wird die Verkehrswende einfach zu teuer und ist allein deswegen nicht mehr zu schaffen. Wenn wir erst im Jahr 2049 anfangen, ist die Erde schon platt. Dann haben wir nichts mehr, um es zu retten.“

Das Gespräch entwickelt sich zur Europareise in Gedanken. Aarts bringt das Beispiel Mailand vor, wo mit wilder Entschlossenheit Grau durch Grün ersetzt wird und das Leben in die Innenstadt zurückgekehrt ist. Er schwärmt von Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin von Paris, die es wagt, eine Straße nach der anderen für den Autoverkehr zu sperren, aber trotzdem wiedergewählt wurde. Er erzählt von Amsterdam, wo die Amsterdamer wegen der exorbitanten Mieten und der nicht enden wollenden Touristenschwemme geradezu einen Hass auf ihre Stadt entwickelt hätten. Und schließlich kommt er auf London zu sprechen.

„Schlimmer geht’s nicht. Da ist alles schon verloren“, sagt er. Auch Berlin droht eine Londonisierung, oder etwa nicht?  Aarts sagt: „London ist noch weit weg. Und ich habe nichts gegen Touristen, wie könnte ich auch, ich bin ja selbst hin und wieder einer. Aber wenn die Touristen die Identität einer Stadt prägen, wenn Berlin die Stadt der Touristen und nicht mehr die Stadt der Berliner ist, ist das natürlich ein großes Problem. Das verändert alles. Das wichtigste Argument ist ja immer: Das ist gut für die Ökonomie. Aber der Tourismus ist nur eine bestimmte Ökonomie. Aber wenn die Leute, die in Berlin arbeiten, nicht mehr in Berlin wohnen wollen, dann werden auch andere Bereiche der Ökonomie darauf reagieren. Möglicherweise Großunternehmen wie Siemens, aber auch Start-up-Unternehmen. Für diese Unternehmen ist Berlin immer noch eine ganz tolle Stadt, stellt sich nur die Frage: Wie lange noch?“