Berlin - Zittrige Knie, feuchte Hände und ein dünnes Stimmchen – Andrea Rochlitz kennt die Tücken der freien Rede vor Publikum. „Wer darin ungeübt ist, für den kann so etwas zum Albtraum werden“, sagt die 35-jährige Köpenickerin. Die Unternehmerin, die häufig vor Kunden reden muss, weiß ein Mittel dagegen: Sie ist Mitglied im Rhetorikclub „Adlershof-Toastmasters“. „Dort wird man geschult für den selbstbewussten Auftritt“, sagt sie.

Wie diese Schulung erfolgt und wieso der Non-Profit-Verein den Namen von geröstetem Weißbrot trägt, hat Andrea Rochlitz aufgeschrieben. Erschienen ist ihre Geschichte im Jahr- und Lesebuch Treptow-Köpenick 2015, das gerade erschienen ist.

Es ist der 14. Band. Auf 176 Seiten haben 52 Autoren geschrieben. Das Jahr- und Lesebuch Treptow-Köpenick ist das einzige seiner Art in Berlin. Nur für Zehlendorf gibt der dortige Heimatverein noch ein Jahrbuch heraus, das aber nicht den Gesamtbezirk umfasst.

„Wir haben 2002 mit dem Projekt in Treptow-Köpenick begonnen und seither rund 700 Geschichten von 250 Autoren gesammelt“, sagt Hans-Erich Franzke von der Kunstfabrik Köpenick. Das 1992 gegründete Unternehmen, das auch das Stadttheater Cöpenick, das Café Kreativ sowie Verkehrssicherheitsprojekte für Kitas betreibt, ist Herausgeber der Jahrbücher. Wobei der Begriff Jahrbuch irritieren könnte, denn die Bände sind keine Kalender, sondern eine Sammlung von Kiezgeschichten von ehrenamtlichen Heimatforschern und Ortschronisten. Oder einfach von Interessierten wie Andrea Rochlitz.

Für das nächste Jahr gibt es auch schon Ideen

In den Beiträgen geht es um bekannte Menschen wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni. Aber auch eher Unbekannte wie die Tanzlehrerin Constanze Bonk-Körner werden vorgestellt. Es geht um 53 Jahre Heimat in einer Wohnung, um Wildtiere oder die letzte Dampflok Berlins. Es wird erklärt, wieso Köpenick auch beim Wetter etwas Besonderes ist oder an Aufstieg und Fall des einstigen Solebades Hirschgarten erinnert. Auch die 145-jährige Tradition des Café Liebig in Grünau, das Familiencafé Himbeerfrosch in Adlershof und die Chocolaterie in der Köpenicker Altstadt werden vorgestellt.

„Wir bemühen uns, dass alle 15 Ortsteile vorkommen“, sagt Projektleiter Franzke, der mit einem Redaktionskomitee die Texte sortiert und begutachtet. Die meisten Autoren schreiben schon viele Jahre für das Projekt, deshalb ist man stets auf der Suche nach jungen Leuten. Nach Autoren wie die 27-jährige Lina Gebhardt.

Der Kunsthistorikerin und Archäologin haben es historische Gebäude angetan. In ihrem Artikel beschreibt sie die Geschichte der Witthöft-Villa in Bohnsdorf, die einst das Landhaus eines Maschinenbau-Unternehmers war. „Mich interessiert die Architektur, aber auch die Schicksale der Menschen“, sagt Lina Gebhardt. Die junge Frau, die gerade wegen eines Arbeitsplatzes nach Stuttgart zieht, will ihrer Heimat Treptow-Köpenick und dem Buchprojekt verbunden bleiben: Sie hat sogar schon eine Idee für das nächste Jahr- und Lesebuch Treptow-Köpenick.

Das Jahr- und Lesebuch gibt es für 9,95 Euro u.a. bei Thalia im Forum Köpenick, in den Buchhandlungen Kaim im Park-Center Treptow und im Zentrum Schöneweide sowie beim Tourismusverein am Schlossplatz Köpenick.